12.08.2011, 15:27 Uhr
Von Sandra Buchwald
BAYREUTH. Die 24-jährige Irmke von Schlichting ist aus dem rund 500 Kilometer entfernten Wuppertal nach Bayreuth geradelt.
250 junge Nachwuchskünstler aus dem In- und Ausland schnuppern in diesen Tagen auf Einladung der Richard Wagner-Stipendienstiftung Festspielluft. Sie reisten mit Flugzeug, Bahn oder dem Auto an. Bis auf eine. Irmke von Schlichting aus dem rund 500 Kilometer entfernten Wuppertal radelte nach Bayreuth.
„Wie sehr tun die Beine weh?“ – Gleich bei der ersten Frage muss die 24-jährige Gesangsstudentin, die im neunten Semester an der Kölner Hochschule für Musik und Tanz eingeschrieben ist, herzlich lachen. „Kein bisschen“, berichtet sie, trotz eines Tagespensums zwischen 60 und 80 Kilometern nie Muskelkater bekommen zu haben. Lediglich das Sitzen auf dem grünen Drahtesel sei schnell unbequem geworden. Ein Problem, das sie unterwegs mit dem Kauf einer gepolsterten Radlerhose aber schnell in den Griff bekommen habe.
Fräulein von Schlichting fährt um die Welt
Auf die Frage, wie sie auf die Idee für die kühne Radltour gekommen ist, erzählt Irmke von Schlichting, zusammen mit einer Freundin den Dokumentarfilm „Fräulein Stinnes fährt um die Welt“ gesehen zu haben. Die abenteuerliche Geschichte der Clärenore Stinnes, die 1927 als erste Frau der Welt mit einem Auto einmal um den Erdball tuckerte, habe sie fasziniert. „Vor allem der Mut und die Zielstrebigkeit“, lacht von Schlichting, als sie verrät, dass Fräulein Stinnes die Impulsgeberin für den zehntägigen Ritt auf ihrem grünen Flitzer gewesen sei.
Mit zwei, drei Pannen werde sie schon rechnen müssen, habe der Zweiradexperte gesagt, als er ihren Renner vor der großen Fahrt überprüfte. „Aber wahrscheinlich kommst du nach Bayreuth.“ Allerdings, gesteht von Schlichting, habe sie sich gleich beim Herausradeln aus Wuppertal schon kurz die Frage gestellt, ob sie sich nicht ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt habe. Zumal gleich der erste Berg, den sie mit 20 Kilo Last auf dem Gepäckträger ihres Trekkingrades bewältigen musste, einer von der richtig steilen Sorte gewesen sei.
Wie weiß man denn – gerade in so einem wechselhaften Sommer – was man alles mitnehmen muss? Das sei in der Tat nicht leicht gewesen, sagt die Studentin. „Ich habe versucht, alle Extreme abzudecken.“ Eines hatte sie – wen wundert’s bei diesem Sommer – glatt vergessen: Sonnencreme! Prompt habe sie sich dann verbrannt und die Sache mit dem Lichtschutzfaktor nachholen müssen. Die Abendkleidung für den Besuch der drei Opern, der den Richard Wagner-Stipendiaten ermöglicht wird, sowie die Schuhe („wem reicht schon ein einziges Paar?“) hatte ein im Festspielchor singender Kollege mit dem Auto mitgenommen.
Singend auf dem Rad
Am Übergepäck kann es nicht gelegen haben, dass der sympathischen Künstlerin – gottlob die einzige Panne – kurz vor Schweinfurt zwei Speichen am Rad brachen. Bei einem Zwischenstopp bei der Oma im Siegerland habe sie jedes überflüssiges Gramm aussortiert. Und wo hat sie sonst geschlafen? In Jugendherbergen und auch im Zelt, das sie auf Bauernhöfen aufgeschlagen habe.
Hatte sie den gar keine Angst so ganz alleine? „Nein“, kommt die Antwort überraschend schnell. „Im Grunde ist man nicht alleine“, berichtet Irmke von Schlichting von vielen hilfsbereiten Menschen auf ihrem Weg. Hat sie als Gesangsstudentin denn während des Radelns auch gesungen? „Meistens bergab“, lacht die Stipendiatin. Sogar Arien von Puccini habe sie mit ihrer Sopranstimme in die Landschaft gesungen.
Wie hat es sich denn angefühlt, nach rund 500 Radkilometern endlich anzukommen? „Es war schon ein unglaubliches Gefühl, als Bayreuth zum ersten Mal auf einem Schild stand“, erinnert sich die junge Frau, die zum ersten Mal die Wagnerstadt besucht. Sie erzählt, dass sie mit dem Drahtesel erst einmal auf den Grünen Hügel geradelt sei. „Ich hatte einfach das Gefühl, ich muss da erst einmal Guten Tag sagen.“
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