10.08.2011, 09:35 Uhr
Von Gert-Dieter Meier
BAYREUTH. Garderobiere Karin Anders und Gewandmeister Wolfram Broeder sind seit zehn Jahren bei den Festspielen.
Es ist bei den Festspielen nicht anders als bei einem industriellen Großunternehmen: Erst wenn alle Rädchen ineinandergreifen, wenn alle Abteilungen wirklich zusammenarbeiten, kommt am Ende des Produktionsprozesses ein gutes Erzeugnis heraus. Insofern macht es auch Sinn, dass die Stadt Bayreuth, wie dieser Tage wieder geschehen, nicht nur Sänger und Dirigenten, sondern alle Mitwirkenden der Bayreuther Festspiele ehrt.
Unter den Geehrten waren dieses Mal auch zwei Mitwirkende aus der Stadt beziehungsweise deren Umfeld: die Bayreutherin Karin Anders, die seit zehn Jahren am Grünen Hügel als Garderobiere arbeitet, und Wolfram Broeder aus Bindlach, der als Gewandmeister bei den Festspielen mitwirkt. Was Anders und Broeder unterscheidet: Broeder arbeitet ganzjährig in der Schneiderei, Anders nur im Sommer – ansonsten ist sie Kostümchefin am Theater in Erlangen. In Erlangen ist sie also für die gesamte Kostümproduktion zuständig – von der ersten Besprechung mit dem Kostümbildner über die Produktion bis zur Endabnahme.
Geplatzte Nähte, abgefallene Knöpfe
Bei den Festspielen sorgt Anders dafür, dass die Männer des Chores „anständig angezogen auf die Bühne gehen“, wie sie lächelnd erläutert, „und alles gut ausschaut“. Außerdem sorgt sie dafür, dass in den Vorstellungen die Kostüme wieder hergerichtet werden.
Garderobiere ist kein Lehrberuf, man wird es durchs Tun und viel Erfahrung. Eine ganz wichtige Voraussetzung für diesen Beruf bringt Karin Anders freilich mit – sie ist gelernte Schneiderin. Das ist schon deshalb wichtig, damit man abends, bei einer Vorstellung, auch mal jemand aus der Not helfen kann. Geplatzte Nähte, abgefallene Knöpfe. Und so weiter.
Gute Nerven
Ihr erstes Jahr am Grünen Hügel – eine Freundin hat sie gedrängt, sich bei den Festspielen zu bewerben – war gleich ein ganz Besonderes. Denn mit Yohji Yamamoto entwarf erstmals ein Stardesigner die Kostüme für den „Tristan“.
Und wie ist das heuer, beim „Lohengrin“? Schließlich ist Garderobiere Anders dabei, wenn sich der Chor links und rechts der Bühne komplett umzieht. Anders: „Da steht die Luft. Und wenn der Chor kommt und sich so viele Menschen auf einmal umziehen, dann braucht’s nur zwei Dinge: Handtücher – und gute Nerven.“
Der gelernte Schneider Wolfram Broeder kam vor 26 Jahren aus dem Erzgebirge nach Bayreuth, um sich wenig später zunächst mit einem Atelier, später auch noch mit einer Boutique selbstständig zu machen: „Ich habe die Damen von Bayreuth angezogen“, erzählt er. Mit dem Euro kam die Mode-Flaute. Folge: Die Aufträge wurden weniger. Broeder bewarb sich am Hügel – ohne zu wissen, dass die Schneiderei dort nur knapp drei Monate besetzt war: „Ich wurde genommen – und war zunächst ganz entsetzt, dass nur im Sommer Arbeit da war.“ Seinerzeit wurden die meisten Aufträge nämlich außer Haus gegeben. Dank seiner damaligen Chefin Heike Ammer gelang es aber, aus dem Saison- einen (Fast-)Ganzjahresbetrieb zu machen: „Seither haben wir viele, viele Kostüme hier in Bayreuth produziert“, sagt Broeder, der in der Herrenabteilung tätig und seit 2004 Gewandmeister ist. Zum Beispiel für den aktuellen „Parsifal“. Was macht der Gewandmeister? „Wir besprechen mit dem Kostümbildner die Kostüme einer Neuinszenierung, die Schnitte, schneiden zu, erledigen die Bestellung und betreuen die Probenarbeit.“
Fünf Meter pro Ratte
Insgesamt arbeiten heute etwa 30 Frauen und Männer an den Kostümen der Festspiele. Anzüge oder Cocktailkleider zu fertigen – „das ist für uns Standard“, sagte Anders, die auch schon für die Studiobühne Bayreuth Kostüme entworfen hat. Und Broeder ergänzt: „Die richtigen Herausforderungen sind so Dinge wie die Rattenkostüme im neuen ,Lohengrin‘.“ Die bestehen aus beschichtetem Schaumstoff mit Jerseystoff innen. Broeder: „Es war eine heikle, aber tolle Aufgabe.“ Welche Stoffmengen es hierfür braucht? „Für die gelben Cuts im ,Lohengrin‘ haben wir 900 Meter Stoff bestellt – für einen Chorsatz.“ Bei den Ratten brauchte man noch mehr Material: fünf Meter pro Statist. Mal 134 Choristen. Plus Solisten, Statisten und Reservekostüme. Broeder hat heuer zudem die Kostüme für die Kinderoper hergestellt: „Das war besonders spannend, weil die Ur-Entwürfe ja von Kindern stammen.“
Was den Mythos Bayreuth für Anders ausmacht? „Das Sommerfeeling ist einmalig! Dieses Miteinander und Arbeiten-Wollen! Und die vielen langjährigen Freundschaften.“ Broeder, der in seiner Freizeit auch Laientheatergruppen in Bindlach mit Kostümen versorgt: „Natürlich hat sich durch den Gesellschaftswechsel vieles verändert. Aber das Festspielhaus ist einfach etwas Besonderes.“
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