30.07.2011, 11:49 Uhr
Von Alexander Dick
BAYREUTH. Eine noble Geste. Der Maestro nimmt den Applaus vor dem Vorhang entgegen und deutet gleich darauf in Richtung „mystischer Abgrund“ … Wer genau hinhört, wird den Unterschied spüren – der Beifallspegel fürs Orchester schlägt höher aus als für Daniele Gatti.
Nachvollziehbar? In gewisser Weise schon, auch wenn Gatti nichts „falsch“ macht. Aber seine „Parsifal“-Interpretation bewegt sich immer irgendwie dazwischen: Der Mailänder sucht die Musik zu zelebrieren, doch schon das Vorspiel gerät eher statisch denn weihevoll. Vor allem klingt das in einen perfekten Wohlklang gehüllte Orchester immer eine Spur zu matt, zu – ungewollt? – gleichförmig. Und dieser Eindruck setzt sich über alle drei Aufzüge fort – Gatti predigt einen „Parsifal“ in edlem Ebenmaß, aber er lässt zu wenig Emotion zu. Ob in Klingsors Zauberschloss oder auf der Karfreitagsaue, deren H-Dur-Leuchten allenfalls nach fluoreszierenden Tarnfarben klingt.
Breite Tempi
Breite, spannungsvolle Tempi allein stehen eben noch nicht für die Symptomatik von Wagners Alterspartitur. Sehr oft steht den Tempo- und Ausdrucksvorgaben des Komponisten ein „sehr“ voran – und da wirkt Gattis Dirigat oft doch ein bisschen zu glättend. Auch in vokaler Hinsicht bestätigt sich dieser Eindruck: Der neue Bayreuther Parsifal, der Neuseeländer Simon O’Neill, steht für Erlösungsdienst nach Vorschrift und versteht sich oberhalb der Passage, also in seinem höchsten Register, durchaus auf Strahlkraft. Darunter jedoch, und das ist immerhin in weiten Teilen der Partie, wirkt sein Tenor blass, undeutlich, uncharismatisch – ein Parsifal ohne Eigenschaften. Ein wunderbar plastischer Erzähler ist dagegen nach wie vor Kwangchul Youn als Gurnemanz. Auch Detlef Roths Amfortas zeugt von einer bewegenden, hochemotionalen Gegenwärtigkeit. Susan Maclean verleiht ihrer Kundry in ihrem zweiten Bayreuth-Jahr noch etwas mehr Mezzo-Sinnlichkeit; Lob verdient auch ihre so deutliche Artikulation. Thomas Jesatkos androgyner Klingsor und Diógenes Randes’ Titurel sind auf Rollen- und Inszenierungsprofil zugeschnitten, ebenso wie die beiden Gralsritter Arnold Bezuyen und Friedemann Röhlig sowie Simone Schröders Altsolo. Dem von Eberhard Friedrich einstudierten Festspielchor schlagen am Ende des Premierenabends dieses Mal nicht die ganz großen Beifallswogen entgegen; nun ja, die Männer agieren gewohnt geschlossen, doch gerade die Frauenchöre hat man in Bayreuth manchmal schon ein Stück weit weniger tremolierend erlebt ...
Die Qualität der Szene
Somit ist dieser „Parsifal“ in seinem vierten Jahr einer der eher raren Festspielfälle, in denen die Qualität der Szene die der musikalischen Interpretation übertrifft. Stefan Herheims Inszenierung hat ihren Platz in der Festspielgeschichte als maßgebliche Interpretation sicher – schade, dass das Regieteam (Bühne: Heike Scheele; Kostüme: Gesine Völm; Dramaturgie: Alexander Meier-Dörzenbach) offenbar nicht mehr zum Gang auf die Bühne zur Verfügung steht; denn der Grad an allgemeiner Zustimmung dürfte noch einmal zugenommen haben.
Kluge Regie
Was Wunder, schöpft hier doch eine Interpretation nicht nur aus dem Vollen der Aufführungsgeschichte des Bayreuther „Parsifal“, sondern untersucht das Bühnenweihfestspiel gerade auch im Hinblick auf seine Funktion als Kunstreligion. Das Ergebnis ist der seltene, wertvolle Fall einer Inszenierungs-Kunst-Religion, eine Verschränkung von direkter und indirekter Aussage, eine tiefenpsychologische (Um-) Deutung dieses in seinen Aussagen mitunter kryptischen Werkes. Man wird nicht müde, Herheims Gedankenlabyrinth zu durchstreifen, in dem einerseits die Inhalte eine Durchleuchtung und Interpretation erfahren, etwa wenn Herheim kongenial Parsifals Entwicklung bereits vom Vorspiel an nachzeichnet und dessen Tötung des Schwans als Kastration seines eigenen, kindlichen Egos darstellt. Und andererseits fasziniert es, wie das Regieteam die Handlung als ein Stück deutscher Geschichte entdeckt, ohne sich dabei einzig aufs Konstruieren zu verlegen. Vielmehr zeigt sich eben entlarvend und exemplarisch diese fatale Tendenz, Wagner nationalistisch zu okkupieren, etwa wenn Herheim zum Gralsritterchor „Brudergetreu zu kämpfen mit seligem Mute!“ Bilder vom Ersten Weltkrieg zeigt. Klug ist das gemacht, denn die Regie zeigt nicht mit dem Finger auf den Komponisten, sondern auf dessen vermeintlich heroische Interpreten.
Und noch eines: Wer den Beziehungsreichtum der historischen Anspielungen, der Bilder – von Joukowskys Gralstempel von 1882 bis zur Beleuchtungsästhetik Neu-Bayreuths – nicht in allen Prozessen nachvollziehen kann, wird vom Regieteam nicht alleingelassen oder gar ausgeschlossen.
Man darf also auch so seinen Spaß haben an diesem „Parsifal“, der in handwerklicher Hinsicht besticht und obendrein zeigt, welche Magie, welche Aura von einer modernen Bühnentechnik ausgehen kann. Dass das Publikum mehrfach mit einbezogen wird, durch Beleuchtung des Raums oder Spiegel, wenn das rätselhafte „Erlösung dem Erlöser“ am Ende erklingt, könnte man als Mode, die gerade den aktuellen Bayreuther Inszenierungskanon beherrscht, abtun. Wäre aber verkehrt. Herheim inszeniert nicht à la mode, und er muss auch nicht betonen, in der Tradition irgendeines epischen Theaters zu stehen, nur weil er einen Anschlag der Gebrüder Wieland und Wolfgang Wagner von 1951 („Hier gilt’s der Kunst!“) auf die obligatorische Leinwand projiziert. Dafür ist seine Kunst viel zu eigenwillig und selbstbewusst. Umso mehr – ceterum censeo – ist es schade, dass ausgerechnet diese Produktion nicht auf DVD festgehalten werden soll. Ach so – der Rezensent wird sich hüten, an dieser Stelle seine Meinung darüber kundzutun, bei welchen Bayreuther Inszenierungen man sich eine Aufzeichnung hätte sparen können …
Foto: Lammel
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