18.07.2011
Von Michael Thumser
WUNSIEDEL. Der Ring ist zerbrochen. Unübersehbar ist das auf der Bühne zu erkennen, bevor noch das Spiel beginnt. Und bevor es beginnt, scheinen Splitter der Vor-Geschichte wie Fragmente eines schlimmen Traums: Ein moslemisches Kind schickt sich an, einen christlichen Ritter zu enthaupten; die schwarzen Reste eines Hauses brennen...
Dazwischen steht Nathan der Weise und findet all das nicht so schlimm. Er weiß, dass im Leben, wenn es einen schlägt, jeder trauern darf und jeder neu beginnen soll. Auch das scheinbar „Unmögliche“ hält Nathan für denkbar und hat es gar selbst schon erlebt: Christen massakrierten ihm, dem friedfertigen Juden, die Familie; doch ein Christenmädchen wurde ihm kurz darauf in die Arme gelegt, das er – im Glauben an Gott, nicht an eine Religion – wie seine eigene Tochter erzog.
Nun kehrt der Steinreiche von auswärtigen Geschäften heim wie Arthur Millers Handlungsreisender: ein unauffälliger Hagerer in Mantel und Hut und mit einem Koffer am Arm. Die Trümmer im Rauch sind die Reste seines Hauses. Doch er freut sich: Recha, das Mädchen, hat überlebt – der Christenritter, der Hinrichtung entgangen, zog sie aus den Flammen. Alles Übrige lässt sich ersetzen.
Ton getroffen
Wenn Heinz Trixner auf der Luisenburg den Nathan spielt, dann trifft er Lessings Intention und Ton sehr genau: kein Toleranz-Prophet, dessen laute Predigt Schule machen will; sondern ein lebendiges Beispiel für verträgliches Miteinander. Leid hat diesen Nathan ausgemergelt, Angst kennt er und krümmenden Schmerz, Liebe braucht, nimmt und schenkt er, Freude hat er an Besitz und Gewinn: einfach ein Mensch. Doch Trixner ist auch Nathan der Utopist: Still und stur weigert er sich, zuzugeben, dass es Streit geben müsse zwischen frommen Juden, Christen, Mohammedanern. „Lass dich umarmen, Mensch“, lächelt er dem wahrlich andersgläubigen Derwisch (Frank Wünsche) entgegen; ein Klosterbruder – Winfried Hübner, klein in Mantel und Kapuze als verschwiegener Grubenarbeiter des guten Willens – gehört zu seinen Vertrauten. Und ein Moslem, ein mächtiger, Sultan Saladin, fragt ihn um Rat.
Bei ihm tritt Nathan in eine Gegenwelt ein. Der Ring ist zerbrochen – an den Seiten der in schöner Surrealität gestalteten Bühne hat Szenenbildner Peter Engel zwei geschwungene Rampen aufgeführt, Segmente eines Kreises ohne Zusammenhalt. Von einer Sphäre wechselt der karge Jude hinüber in den Luxus der muselmanischen Residenz – in eine Operettenwelt. Dort plappern, tänzeln, tändeln Saladin und Sittah, seine Schwester: Peter Kaghanovitch in Husarenuniform, eher weichlich-unernst als wohlüberlegend und überlegen; Ina Meling, eher mondäner Vamp als emanzipierter Schlaukopf, geziert hinter rotem Schleier (Kostüme: Anja Gil Ricart).
Duldsamkeit
Das Stück – das sich seiner intellektuellen Kammerspiel-Dramaturgie wegen wenig für den übergroßen Freiluftschauplatz eignet – dröhnt in Christian Nickels Inszenierung glücklicherweise nicht als feierlicher Klassiker aus den Felsenkulissen. Äußerlich modernisierend, die Szenenfolge zügig verdichtend, hebt der Regisseur den Appell zu Friedlich- und Duldsamkeit mit dem Nachdruck vernünftiger Argumente hervor.
Aber dass sich, wie im Ring auf der Bühne, Brüche in der Spielqualität auftun, dass der so großartige Heinz Trixner in der Premiere am Freitag Probleme mit seinem Text hat, dass der wackere Matthias Lehmann als Tempelherr jeden Satz auf demselben grämlich-grimmigen Ton spricht – das ließ der Regisseur unkorrigiert. Dafür gefiel es ihm, hier, an Saladins Hof, einzugreifen in Nathans Kernmonolog, die Ringparabel: In jenem epochalen Gleichnisgedicht über den gemeinsamen göttlichen Ursprung und Auftrag allen Glaubens, ausgerechnet da strich Nickel herum. Das tut man nicht.
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