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13.06.2011, 15:51 Uhr

 

Naturbühne Trebgast feiert Premiere von Goethes „Faust“

Von Ute Eschenbacher

TREBGAST. Wahn, Magie, Liebe, Tod und Teufel – was braucht ein Kassenschlager mehr? Die Naturbühne Trebgast am „Kulturhügel Wehelitzer Berg“ hat in dieser Saison zehn Gastspiele und vier Eigenproduktionen auf dem Spielplan. Traditionell befindet sich unter den eigenen Stücken ein Klassiker. Und diesmal fiel die Wahl auf d e n deutschen Klassiker schlechthin – Johann Wolfgang von Goethes „Faust“. Gespielt auf sämtlichen Bühnen des Landes, zuletzt auch in beiden Teilen am Theater Hof.

 

Am Freitagabend gab das Trebgaster Theater die Premiere von Goethes Tragödie um das Schicksal des Gelehrten Faust, den der Teufel verführt, und das unschuldige Mädchen Gretchen, die zur Kindesmörderin wird. Es ist ein zeitloser, zutiefst menschlicher Stoff, der immer noch zu berühren vermag, obgleich man ihn schon in so vielerlei Variationen gesehen.

Regisseur Michal Sykora und seine Assistentin Doris Stein setzten für ihre Theaterproduktion auf der Naturbühne ersten Teil des „Faust“ um. Alle Kernszenen blieben erhalten, wenn auch stark gekürzt. Dennoch beträgt die Spieldauer immer noch zweieinhalb Stunden – und ist also nichts für ungeduldige Theaterbesucher.

Knallige Effekte

Langatmig ist der Theaterabend aber dennoch nicht. Denn Sykora, der in Trebgast unter anderem auch „Die Physiker“ erfolgreich inszeniert hat, setzt auf allerlei knallige Effekte (Technik: Birgit Haßfürther, Rainer Benedict) mit poppiger, musikalischer Untermalung. Das Bühnengeschehen spielt sich vor einem dagegen eher schlicht gehaltenen Bühnenbild (André Putzmann) ab. Vor allem in der zweiten Hälfte gewinnt die Inszenierung an Fahrt aufgrund vieler, guter Regieeinfälle. Da wird mit einer überdimensionalen Frauenfigur (Bühnenbau: Dieter Krause) hantiert, die sich beim Liebesstelldichein zwischen Frau Marthe (Carolin Feulner) und Mephisto (Sigurd Sundby) sowie Faust (Gerd Kammerer) und Gretchen (Mona-Isabelle Peter) im Garten als flexible Kulisse verwenden lässt. Sie ist ein anderes Mal auch eine Art Baum der Erkenntnis, um den sich Mephisto wie eine Schlange herum windet. Feierlich umhergetragene, mit Lichterketten bestückte Zweige sollen in der Gartenszene für Romantik sorgen – und entlarven zugleich die scheinheiligen Absichten von Faust und seinem Begleiter. Die Spinnradszene in Gretchens Zimmer verstärkt Sykora mittels eines Chors von Frauen, die mit Gretchen ihr Leid beklagen: „Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer, ich finde sie nimmer und nimmer mehr.“ Wer übrigens die kernigen Zitate des Klassikers schätzt, die größtenteils in den deutschen Sprachschatz eingegangen sind, kommt in der Inszenierung auf seine Kosten.

Drastisch

Ziemlich drastisch wird’s dann in der Walpurgisnacht, in der Sykora seine Darsteller eine wilde Orgie feiern lässt. Solch überdeutliche, erotische Anspielungen hat man wohl auf der Naturbühne noch nicht gesehen: ein Mann mit Engelsflügeln und einem großen Stoffpenis, der aus seiner Hose herausragt, eine Frau verkleidet als Domina in Reizwäsche und Spitzenüberhang, wabbernde, hervorquellende hängende Stoffbrüste, eine Babypuppe aufgespießt auf einem Stock, von einer finsteren Gestalt herum getragen. Sie alle tanzen um ein Feuer wie im Rausch. Sykora entwirft einen düsteren, lasziven Horrorreigen, der das Unheil von Gretchens Schicksal als Mörderin ihres Kindes und als Hure verschriene Frau vorwegnimmt.

Unter den Schauspielern ragt von Beginn an Sigurd Sundby heraus, der das diabolische Prinzip in Minenspiel (Maske: Katja Dietrich) und Körpersprache hervorragend verkörpert. Ob er auf seinen hohen Plateauschuhen ein Tänzchen aufführt, giftet und verführt, sich mit halbnacktem Oberkörper und Felljacke am Boden wälzt (Kostüme: Sabine Leithner) und Gott die Wette abtrotzt, oder als Faust verkleidet, den Wissenschaftsbetrieb auf Teufelsart verspottend. Manchmal überzieht Sykora allerdings ein wenig und dann droht manches wie der Nebel umhüllte Auftritt des Erdgeistes (Martin Besold) oder die Schlagergesangseinlage des Teufels vor Gretchens Haus ins Lächerliche abzugleiten. Doch der Regisseur kriegt auf wundersame Weise immer wieder die Kurve.

Ein wenig steif und blass wirkt Gerd Kammerer in der Rolle des Doktor Faust. Er bleibt auch in Momenten höchster Verzweiflung und Leidenschaft seltsam distanziert. Selbst nach dem er in der Hexenküche – schön: Felix Hirt und Natascha Eckert als aufdringliche, verspielte Meerkatzen – durch einen Zaubertrank verjüngt wird und das Bild Helenas in der Gestalt von Gretchen gesehen hat, wird er nur ein wenig lockerer. Selbst sein Assistent Wagner (Christine Kammerer) scheint trotz Krückstocks mehr Leben in den Knochen zu haben.

Ansonsten überzeugen die übrigen Darsteller rundum, wie auch Mona-Isabelle Peter als mädchenhaftes, rotbackiges Gretchen, die sich zur wahnhaften Büßerin im Kerker verwandelt und im Gegensatz zu Faust vor Gott Erlösung findet.

Zu erwähnen blieben noch die vielen, engagierten Nebendarsteller, die meist gleich in mehrere Rollen schlüpfen. So, um nur einige zu nennen, die souveräne Georgia Lauterbach als Direktor, Gott und Hexe, oder die äußerst wandlungsfähigen Martin Besold und Daniel Ganzleben.

Nach der unterhaltsamen, bilderreichen Inszenierung steht wohl fest: „Faust“, bereits 1978 auf der Naturbühne gespielt, ist im 21. Jahrhundert angekommenen. Zurecht bedachte das Publikum die Inszenierung mit langanhaltendem Applaus.

Foto: ri




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