14.04.2011, 12:11 Uhr
SALZBURG. Der Regisseur spricht im Interview mit Kurier-Mitarbeiter Jörn Florian Fuchs über seine Salzburger „Salome“, Bayreuth, Dekadenz, Opulenz und den Mond als Seelenspiegel.
Frage: Publikum und Kritik lieben ihre Inszenierungen. Sie
sind gut gebucht, Ihre Aufführungen meist ausverkauft. Und doch gibt es vermutlich einen Berufsstand, der Sie nicht sonderlich schätzt. Nämlich die Finanzdirektoren und
Disponenten. Eine Herheim-Premiere bedeutet ja: sehr aufwendig und sehr teuer. Wie gehen Sie damit um, solch ein erheblicher Kostenfaktor zu sein?
Stefan Herheim: Das ist eine extrem merkwürdige Frage insofern, dass Geld nicht immer Geld ist und jedes Haus eine ganz eigene finanzielle Dynamik hat, was etwa die
Werkstätten betrifft. Ich hatte Bühnenbilder, die nach zwei Millionen Euro aussahen, aber nur 15 000 gekostet haben. Aber auch umgekehrt. Ich weiß natürlich, worauf die
Frage zielt. Generell stimmt es schon: ich produziere teuer, aber auch mit mir wird vertraglich festgelegt, in welchem Rahmen sich das zu bewegen hat. Es bleibt natürlich jedem Intendanten
überlassen, ob er sein Budget strapazieren will oder nicht.
Frage: Ihre Arbeiten leben ja meist von und durch sehr opulente Bühnenbilder. Geht es Ihnen da nur um eine adäquate Ästhetik für die jeweilige Produktion oder
könnte man das auch als sportliche Herausforderung für die technischen Abteilungen verstehen? Und stößt man an bisweilen nicht an Grenzen des Machbaren?
Herheim: Es hängt immer direkt mit dem aktuellen Konzept zusammen. Ich suche ja auch nie eine eigene Theatersprache im Sinne einer Handschrift, die ich unter Beweis stellen
muss, ganz im Gegenteil, ich suche immer wieder eine neue Form, Theater zu machen. Natürlich muss man alles im Rahmen der heutigen medialen Wirklichkeit sehen. Die Leute sind Hollywood
gewöhnt, die Leute sehen Shows wie den Cirque du Soleil, die Oper lebt dagegen nach wie vor im letzten Jahrhundert. Ich empfinde oft einen unglaublichen musikalischen Reichtum in den
Partituren und den versuche ich zu theatralisieren – und ich liebe einfach das ganz große Theater. Was die technische Umsetzbarkeit betrifft, so stellt sich eine Grundfrage: Wie wird
Theater heute geleitet, in welchen Bereichen könnten die Infrastrukturen zugunsten einer höheren Effizienz verbessert werden? An einigen Theatern sind die Kompetenzen hier wirklich
jenseits von Gut und Böse. Ich denke, es muss einiges im Theatersystem passieren. Da muss sich etwas ändern, statt immer nur zu jammern: Wir haben kein Geld.
Frage: Jetzt inszenieren Sie „Salome“ bei den Osterfestspielen. Dieses Festival ist ja recht elitär und teuer, bisweilen gewinnt man den Eindruck, Teilen des
Publikums ist der Cocktailempfang wichtiger als die Kunst. Sie nehmen gerne auf den Ort der Premiere direkten Bezug. Hat Salzburg hier eine Rolle gespielt, Stichwort Dekadenz?
Herheim: Es hat uns gereizt, diese Klimt-artige Juwelenwut, die im Text und in der Musik drin sind, in Szene zu setzen. Und natürlich lächelt im Hinterkopf schon die
Vorstellung von meiner Erfahrung letztes Jahr zu Ostern, als ich Teil des Festspielpublikums war und alles genau beobachtet habe.
Frage: Verraten Sie etwas über das Konzept?
Herheim: Es ist der Versuch, sehr eng am Material entlang diese Geschichte zu erzählen. Aber was ist die Geschichte? Jenseits des Textes spricht die Partitur ihre eigene
Sprache und man muss das alles fürs Auge hörbar machen. Ich verstehe es als letzte Station einer Ehe und dachte öfters an Richard Burton und Elizabeth Taylor. Dazu ist in diesem
Stück die Problematik von Schuld ganz wichtig. Die Stimme von Jochanaan spricht ständig von der Schuld, die sich diese Menschen aufgeladen haben. Salome ist eine Schwester von Lulu,
eine Projektionsfläche für die männliche Lust, sie wird zum Sprachrohr für das, was die Männer bei sich unterdrücken. Das geht so lange, bis die korrupte Seele des
Herodes beginnt, sich selbst zu zerstören. Jochanaan ist wie ein unterirdisches Gewissen, das sich Gehör verschafft. Ich zeige also einen Prozess der Selbstzerstörung.
Frage: Eine große Rolle spielt im Stück die Mondsymbolik …
Herheim: … auch bei uns. Der Mond ist Projektionsfläche, wie eine Leinwand, auf der die Charaktere ihre Seelenzustände ausmalen. Ohne zu viel zu verraten: Es gibt
ein großes Teleskop auf der Bühne. Ganz zentral ist das Betrachten, das Ansehen, nicht nur des Mondes, sondern der Seelenspiegel, die anfangen zu leuchten. Das Teleskop ist auch Waffe,
die vernichten kann.
Frage: Springen wir noch kurz von der Salzach an den Roten Main. Auf dem Grünen Hügel sucht man dringend einen Regisseur für Wagners „Ring“ im
Jubiläumsjahr 2013. Wollen Sie nicht als Retter einspringen?
Herheim: Ich habe bereits sieben Angebote für einen „Ring“ abgelehnt. Bayreuth hatte übrigens nicht gefragt.
Frage: Warum wird eigentlich Ihr Bayreuther „Parsifal“ nicht auf DVD veröffentlicht oder als Public Viewing gezeigt? Die Festspiele sprechen ja immer von
Rechteproblemen.
Herheim: Es war und ist mein ausdrücklicher Wunsch, dass der „Parsifal“ aufgezeichnet und übertragen wird. Dass dies nicht geschieht, hat nichts mit mir
bekannten Rechteproblemen zu tun.
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