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06.04.2011, 12:07 Uhr

 

Burgenländisches Lisztprojekt am Dienstagabend im Kunstmuseum

Von Frank Piontek

BAYREUTH. Es war dies das 14. Konzert dieses Jahres, in dem man Franz Liszt begegnete. Wir hörten heuer bereits 89 Stücke, einige als Dubletten, so dass der Bayreuther Lisztfreund 2011 schon insgesamt 99-mal die Gelegenheit hatte, ein Werk des Komponisten zu hören.

 

Liszt-Spieler: Bernd Preinfalk (links), Gerhard Krammer und Christa Prets. Foto: Harbach

Für manche ist das offensichtlich schon ausreichend, obwohl wir bisher nur einen winzigen Bruchteil dessen hörten, was Liszt zwischen 1823 und 1886 sich imaginierte (allein für die Anhörung des Klavierwerks bräuchte man fünf Tage und drei Stunden). „Liszt? Kenn ich schon!“ Nur so ist es zu erklären, dass das Klavierrezital des im Burgenland geborenen und arbeitenden Komponisten und Pianisten Gerhard Krammer nicht mehr als zehn zahlende Zuhörer ins Kunstmuseum lockte.

Natürlich kann es auch sein, dass die Ankündigung des Programms verschreckte, denn „neue“ Musik gilt ja gemeinhin als grausam. Dieser Logik gemäß hätte man auch vor bald anderthalb Jahrhunderten in Liszts Klaviermusik die Spuren aufkeimenden Wahnsinns bemerken können. Kein Geringerer als Richard Wagner hat diese Diagnose übrigens seinerzeit abgegeben, aber es ist natürlich leicht, im Nachhinein die Güte manch Werks zu beklatschen. Paradox gesprochen: Man soll sich nicht irritieren lassen – denn Liszt schockiert immer noch, ist immer noch Avantgarde – der Pianist, mit seinen Haaren und seiner Silhouette eine Art Liszt-Kopie (im Burgenland scheinen sie alle irgendwie verwandt zu sein), zitiert da Sven Friedrich.

Schroffer Zyklus

Schluss mit der Polemik. Es ging um den Beweis, dass Liszts späte Klavierwerke noch mit heutiger „neuer“ Klaviermusik verwandt sind. Wer einzelne Sätze aus dem schroffen Zyklus „Via crucis“ hört (die Originalfassung für Chor und Klavier wird demnächst von Christoph Krückl und seinem Chor aufgeführt; wer’s versäumt, ist wieder mal selber schuld), könnte, kennte er die Musik nicht, mutmaßen, dass sie erst jüngst geschrieben wurde. Acht kleine Sätze sowie die Spätwerke „Nuages Gris“ und „Unstern“ strukturieren das Programm, indem sie die Klavierstücke von Kunsu Shim, Gerhard Stäbler, Bernd Preinfalk und Johannes K. Hildebrandt in einer Art Stationenfolge begleiten.

Strukturelle Ähnlichkeiten zwischen Liszts Werken und denen seiner Nachfolger sind nicht zufällig, sondern beabsichtigt: Hildebrandt schrieb über die ersten Takte der h-Moll-Sonate einen Variationszyklus, der zugleich hinübergrüßt zu Liszts Variationen über den basso continuo der Kantate „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“. Stäbler lässt in seinen „pièces chaudes“, den „heißen Stücken“, englische Übersetzungen von Zeilen Sapphos rezitieren – so wie Liszt in die „Années de Pèlerinage“ Texte moderner Autoren integrierte. Klingt Shims Musik wie pures Zen, so erinnert die Konfrontation von brutal lauten, brutal dissonanten Akkorden mit einfachsten, einstimmigen melodischen Linien an Liszts Technik; „Unstern“ heißt immer noch einer der Leitsterne neuer Musik.

Herrschende Klangautonomie

Hier wie dort herrscht, besonders stark bei Preinfalk, die Klangautonomie, die das Glockenzitat aus „Via crucis“ aufnimmt. Krammer ist ein exzellenter Pianist, der dem Seiler die schönsten, schwärzesten Farben entlockt. Nein, diese Musik ist nicht „schön“ – aber sie bewegt durch Bewegung und Stillstand. Mag sein, dass das „synästhetisch“ ist – das eingespielte DVD-Filmchen über den Liszt-Wallfahrtsort Raiding und das extrem störende Blitzlichtgewitter des herumtappenden Ziegenzauselbarts können unmöglich dafür gelten. Man bot auf jeden Fall eine gelungene Synthese mit der österreichischen eu-art-network-Initiative und dem Burgenland, die uns wieder davon unterrichtete, dass „Avantgarde“ schon immer war.




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