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04.04.2011, 17:53 Uhr

 

Basel deutet Parsifal als Gegenentwurf zu Tristan

Von Alexander Dick

BASEL. Schon bald nach Beginn dieses „Parsifal“ wird eine überdimensionale Parole auf dem Stahltor zur Hinterbühne sichtbar und fortan alle drei Aufzüge begleiten. Sie ist unschwer als die Handschrift Richard Wagners zu dechiffrieren, als Ausschnitt eines Satzes, den der Komponist in seinem vom Philosophen Ludwig Feuerbach so sehr beeinflussten, nach seiner Flucht aus Dresden in Zürich verfassten Aufsatz über das „Kunstwerk der Zukunft“ (1849) formulierte: „denn im Kunstwerk werden wir eins sein –“. Was nach dem Gedankenstrich folgt, unterschlägt Regisseur Benedikt von Peter. Wohlweislich? Wagner subsumiert das „Wir“ nämlich unter einem wichtigen Begriff: „glückliche Menschen“.

 

Es ist richtig – zwischen diesem Satz und der Vollendung des „Parsifal“ liegen über drei Jahrzehnte, in denen Wesentliches geschah – in Wagners Künstlerleben wie in jenem richtigen, das viele mit Gesellschaft und Politik gleichsetzen. Und es ist sicher nicht falsch, wenn diese Basler Produktion Wagners letzte Oper – „Bühnenweihfestspiel“ – als Antwort, ja Gegenentwurf zum „Tristan“ deutet: Erlösung durch Verzicht statt durch endlose Liebe. Was aber bei dieser Ausgangsposition weitgehend unberücksichtigt bleibt, ist ein Wesentliches in Wagners Philosophie – die dialektische Verschränkung von Kunst und Gesellschaft nach dem Vorbild der griechischen Tragödie: Das eine bedingt das andere. Das heißt, vielleicht ist es Bestandteil in von Peters „Parsifal“-Konstrukt – es erschließt sich nur nicht.

Mehrseitige Gebrauchsanweisung

Wie so vieles in dieser Inszenierung, für die sich eine Art mehrseitiger Gebrauchsanweisung im Programmheft findet. Ohne sie gelesen zu haben, wird man den Abend durchschreiten wie „Parsifal“ im Stadium des Toren. „Weißt du, was du sahst?“, wird der vom greisen Gralsritter Gurnemanz gefragt, der in Basel mit dem ganz vorzüglich deklamierenden, kraftvoll, aber zu jugendlich wirkenden Bass Liang Lis besetzt ist. Parsifal kann es nicht wissen, denn der Naturbursche kennt nicht die Rahmenbedingungen, die Nomenklatur dieser kranken Zivilisation.

Die Basler Regie wiederum erklärt sie sehr theoretisch und vor allen Dingen über die komplexe Hilfskonstruktion des Doppelgängers oder Zwillings, die sich aus der zentralen Figur des leidenden Gralskönigs Amfortas ergebe. Er ist omnipräsent, als Ich und Über-Ich, als Autor, der „sich quasi selber durch das Stück“ inszeniert, nach dem Vorbild des epischen Theaters zeitweise eingreift, mitleidet und mitkommentiert (sehr störend bei der Vorspielmusik) und schließlich nach der Erlösung allein mit sich bleiben muss und einem Fußball als Reminiszenz an die glückliche Zeit des gemeinsamen Spielens mit dem Zwillingsbruder. Schaut so die Einsamkeit des Künstlers aus?

Und so kryptisch wie Wagners enigmatische Schlusslosung „Erlösung dem Erlöser“ endet auch der Abend. Die beiden männlichen und weiblichen Gegenpole – Speer und Gral – werden wie Fetische wieder zu einer Einheit zusammengeführt; die neue Identität indes ist nicht mehr die alte, weshalb Kundry, die stärkste Figur in diesem Drama, mit lauten „Nein, nein“-Schreien dagegen anzukämpfen versucht. Vergebens. Der „Prozeß der Emanzipation des Weibes“, geht eben nicht, wie Wagner noch in seinem Sterbejahr prophezeite, in „ekstatischen Zuckungen vor sich“. Er endet hier.

Schwierig, schwierig

Schwierig, sehr schwierig all das. Und kaum zu referieren. Vor allem weil Benedikt von Peter sich einem Axiom des Theaters verweigert – eine Geschichte zu erzählen. Oft genug trägt der Abend auf weitgehend leerer Bühne (Natascha von Steiger) oratorische Züge, referieren die Erzählenden in ihren Alltagskleidern (Katrin Wittig) kaum sichtbar von den Seitenlogen. Am überzeugendsten gelingt der zweite Akt, vor allem in der Selbstverständlichkeit, in der die Welt der Blumenmädchen in die Karfreitagsblumenaue des Schlussaufzugs übergeht.

Auch die Deutung der Gralsritterschaft nicht als verkrusteter Sekte, sondern als großes „Wir alle“ überzeugt. Aber unterm Strich bleibt dieser „Parsifal“ ein gar zu theoretischer Traktat über Theater als Kunstreligion, zu allem Überfluss noch angereichert mit einer Installation im Foyer, die allzu viel Lärm macht um eine banale Mann-Frau-Beziehung: Amfortas–Kundry? Aha.

Dabei würde man sich in den beiden Pausen gerne sammeln und reflektieren, auch über die musikalische Interpretation, der Axel Kober eine sehr expressive, vitale Gestalt gibt, nicht zuletzt durch sehr konträre Tempovorstellungen. Doch als spiegelte sich die Unfähigkeit des kontinuierlichen Erzählens auch in der Musik wider, bleibt das Dirigat des Düsseldorfer Generalmusikdirektors unausgeglichen und unentschlossen.

Unkonzentriertes Orchester

Zudem wirkt das Orchester zu oft unkonzentriert, schleichen sich am Premierenabend viele Patzer ein. Vielleicht auch wegen der schwierigen Sängerverteilung über den ganzen Theaterraum und die problematischen akustischen Verhältnisse auf der offenen Bühne. Beim Chor (Henryk Polus) führt das zumal im ersten Akt zu beträchtlichen, sonst so in Basel nicht gekannten Intonationsproblemen. Teilweise auch bei der Kundry von Ursula Füri-Bernhard, trotz aller darstellerischen Präsenz, trotz aller vokalen Dramatik.

Das Experiment mit einem lyrischen Parsifal in persona Ralf Romeis dagegen ist geglückt: kein Heldentenor, dafür ein empfindsamer mit Durchschlagskraft und ausreichender Höhe. Stefan Stolls Klingsor hat genug Furor, und Alfred Walkers Amfortas ist von gleichbleibend-gestählter Qualität. Dass sein Alter ego Allan Evans auch noch den Titurel, also den eigenen Vater singt, ist dann vielleicht doch zu viel des dramaturgischen Inzests. Trotzdem – das Publikum stimmt mit seinem Applaus am Ende überwiegend zu. Denn im Kunstwerk werden wir eins sein... Also doch.

  • Weitere Aufführungen am 8., 15., 18., 25., 30. April



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