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12.12.2010, 12:00 Uhr

 

Stefan Herheim feiert Premiere in Dresden

Von Frank Piontek

DRESDEN. Die Liebe bleibt ein schwieriges Spiel – egal, ob wir uns in Prag, Brüssel, Dresden oder Bayreuth befinden. Fragt man den Regisseur Stefan Herheim – dieses Wunderkind der Oper, das mit „Parsifal“ die beste Bayreuther Inszenierung seit ewigen Zeiten zustande gebracht hat -, fragt man Herheim, wovon Antonin Dvoraks „Rusalka“ handele, so sagt er, dass es um die ewig aktuelle Frage nach der Liebe, der Beziehung der Geschlechter ginge.

 

So feierte seine „Rusalka“-Inszenierung an der Semperoper eine umjubelte Premiere, nachdem die Wassernixe, die an der Moldau zur Welt kam, bereits in Brüssel und Graz an Land gestiegen war, bevor sie nun an der Elbe Halt machte.

Wir schauen wieder auf das Spiegelkabinett der Herheimschen Phantasmagorien, die ihm seine kongeniale Bühnenbildnerin Heike Scheele architektonisch entworfen hat. Herheim erzählt auch hier eine völlig neue Geschichte, aber es ist seine Kunst, in der „ursprünglichen“ Geschichte von der unerlösten, unselig sich nach Liebe sehnenden Wasserfrau eine allgemeingültige Beziehungsgeschichte entdeckt zu haben. Eigentlich könnte das geniale Werk Antonin Dvoraks und Jaroslav Kvapils hier auch „Der Wassermann“ heißen, denn es ist zunächst seine Geschichte, die sich in den Gassen Prags, Brüssels oder der Dresdner Neustadt mit ihren abgeblätterten Gründerzeitfassaden, zwischen Blumenladen und Metroeingang abspielt.

Herheims genialer Kunstgriff: aus der Dreiergeschichte Rusalkas, des Prinzen und der Fürstin macht er eine Doppelpaargeschichte, in der zwei sich kreuzende Pärchen die Geschichte aller Hoffnungen auf eine geglückte Liebe erzählen. Es ist schier spannungsvoll, wenn die Prostituierte Rusalka – das ist heftig, aber stimmig interpretiert – zu einem widersprüchlichen Frauenidol zwischen Realismus und Traumgestalt wird. Herheim verfügt wieder über alle Mittel des Zaubertheaters, er greift tief hinein in seine Trickkiste, er lässt im wahrsten Sinn des Wortes die (Sex-)Puppen tanzen – und immer stimmt es mit dem Text und mit Dvoraks mehrdeutiger Musik zusammen.

Die Bühnentechnik hat wieder enorm zu tun, um zwischen der außerordentlich „echten“ Straßenecke und dem surrealen Traumland zu vermitteln, in dem sich nicht nur die Gebäude, auch die Figuren ständig wandeln. Rührung bleibt dabei – und auch das ist typisch für diesen hochmusikalischen Regisseur, der dem Sentiment und der Poesie den nötigen Raum lässt – nicht aus. Das Lied des Wassermanns, der darüber gelegte groteske Karneval und das Hineinschweben Rusalkas als silberglänzende Königin des Mondes und der Nacht, der Abschied der magisch über die Bühne fliegenden, gespenstisch untoten Wassergeister: es gehört zum Bewegendsten dieses Abends, der uns wieder mal mehr über das Stück sagte, als wir ahnen konnten.

Es taugte nichts, stünde dem Regietam nicht wieder ein erstklassiges Sänger- und Musikensemble zur Verfügung. Grandios schon die Sächsische Staatskapelle und der wie stets beglückende Chor unter der gleichsam originalsprachigen, differenzierten Leitung des Tschechen Tomas Netopil. Georg Zeppenfeld, der 2010 im am Werk vorbei inszenierten Bayreuther „Lohengrin“ als König Heinrich glänzte, ist drei Akte lang als Wassermann pausenlos beschäftigt. Tatiana Monogarova ist eine ausnehmend schön artikulierende Rusalka, Zoltán Nyári ein perfekter, leuchtend tenoraler Prinz. Marjorie Owens hat als Fürstin nicht nur sängerisch viel zu tun, und Tichina Vaughn ist schließlich eine glänzende Jezibaba, die als weitere Verdoppelung der Rusalka das Spiel so verwirrt, wie es die außerordentlich schwierige Liebe eben vorschreibt.

Nächste Aufführungen: 14., 18., 22., 25. Dezember.

Foto: Matthias Creutziger



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