"Es ist richtig, was wir tun": Katharina Wagners Bilanz
Von Gert-Dieter Meier
BAYREUTH. Mit einer Aufführung der „Meistersinger“ in der Inszenierung von Katharina Wagner gehen heute die 99. Bayreuther Festspiele zu Ende. In einem Kurier-Interview zieht Katharina Wagner, die gemeinsam mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier die Festspiele leitet, eine Saisonbilanz.
Katharina Wagner freut sich auf die 100. Bayreuther Festspiele, wenn Sebastian Baumgarten den Tannhäuser inszenieren wird. Foto: Archiv
Frage: Ziehen Sie doch bitte mal Bilanz: Wie waren Sie mit den Inszenierungen in diesem Jahr zufrieden?
Wagner: Ich denke, dass der „Lohengrin“ beim Publikum gut angekommen ist. Natürlich gab es einige, die sagten: So geht das gar nicht. In der
Summe aber waren die Bewertungen gut bis sehr gut.
Frage: Es heißt jetzt auch Abschied nehmen vom „Ring“. Ein schwerer Abschied?
Wagner: Er fällt vor allem deshalb schwer, weil Christian Thielemann mit dem Orchester eine herausragende Leistung geboten hat – viele sprechen
deshalb vom Thielemann- „Ring“. Bezogen auf die Inszenierung kann man sagen, dass sie beim Publikum durchaus beliebt war.
Frage: Und Ihre „Meistersinger“?
Wagner: Konträr und kontrovers wie immer! Es gibt Besucher, die finden meine Inszenierung super – andere finden sie furchtbar. Was für mich
erstaunlich ist: Bei vielen Inszenierungen gibt es in Bayreuth einen gewissen Gewöhnungseffekt – mit der Zeit finden selbst anfängliche Kritiker die Produktion plötzlich gut.
Das ist bei meinen „Meistersingern“ so nicht der Fall. Die spalten nach wie vor. Das sagt mir, dass diese Inszenierung unverändert lebendig ist.
Frage: Kommen wir mal zu den Sängern. Es gab heuer eine Reihe von Bayreuth-Debüts, darunter herausragende. War das die Antwort der Festspielleitung auf
den gern zitierten Satz von der Sängerkrise in Bayreuth?
Wagner: Wir hatten tatsächlich bei den Riesenpartien tolle Leistungen. Ich denke da in erster Linie an James Rutherford – unser neuer Sachs
–, eine sensationelle Leistung. Für mich wird das der neue Sachs. Er ist jung, hält die Partie grandios durch und gestaltet sie genial. Man könnte sagen: Das war „ein
gutes Händchen“.
Frage: Beim „Lohengrin“ gibt es ja im kommenden Jahr einen Wechsel – Klaus Florian Vogt kommt für Jonas Kaufmann. Vogt hat die Rolle ja
vergangenen Sonntag schon gesungen. Warum hat eigentlich nicht das offizielle Cover gesungen, Simon O’Neill?
Wagner: Er war auch erkrankt.
Frage: Und dann wäre da ja noch Johan Botha ...
Wagner: Ja, er wäre, würde der „Ring“ weiterlaufen, unser absoluter Wunschkandidat. Aber der „Ring“ wird ja jetzt
abgesetzt.
Frage: Es gab in dieser Spielzeit eine ganze Reihe von Erkrankungen – und gute Ersatzsänger ...
Wagner: Stimmt – ich habe nicht eine einzige negative Meinung gehört. Wir können froh sein, dass wir wirklich auch gute etablierte
Sänger als Einspringer haben.
Frage: Bei den Dirigenten gab es nur einen einzigen Novizen – Andris Nelsons. Ein Wort zu ihm?
Wagner: Ich finde es sensationell, was er hier schon im ersten Jahr erreicht hat – und: sein Dirigat wird von Aufführung zu Aufführung
differenzierter. Zudem schätzt ihn das Orchester sehr. Kein Wunder, er ist ja auch persönlich ein sehr sympathischer Mensch.
Frage: Was war für Sie der Höhepunkt dieser Spielzeit?
Wagner: Natürlich die „Lohengrin“- Premiere – Premieren sind immer Höhepunkte. Aber auch die Siemens-Festspielnacht möchte
ich herausheben. Bei einer solchen Veranstaltung weiß man ja nie, wie sie ankommt – ob genügend Besucher kommen, wie das Stück ihnen gefällt, ob das Wetter passt. Ich bin
total begeistert, wie es in diesem Jahr gelaufen ist – und wie viele Menschen auf den Volksfestplatz gekommen sind. Es war ja einmal mehr ein riesiger organisatorischer Aufwand – und
ich bin froh, dass wir mit dem Unternehmen Siemens einen sehr, sehr professionellen Partner haben. Der gigantische Zuspruch der Menschen hat uns alle, die wir für diese Veranstaltung
gearbeitet haben, bestätigt, dass es richtig ist, was wir tun.
Frage: Sie haben vor Ort sicherlich viel Resonanz von Besuchern bekommen. Was nehmen Sie davon mit?
Wagner: Ich habe mich riesig darüber gefreut, dass mir so viele Leute gesagt haben, es hätte ihnen sehr gut gefallen. Was mir aufgefallen ist: Die
Leute waren unheimlich konzentriert – die wollten wirklich das Stück sehen. Ich fand das sensationell. Vor allem, weil auf dem Platz eine hervorragende Stimmung herrschte.
Frage: Ist eigentlich gezählt worden, wie viele Menschen vor Ort waren?
Wagner: Der Platz ist für 20 000 Menschen zugelassen – und diese Zahl haben wir auch erreicht.
Frage: Heuer haben Sie ja erstmals auch die Kinderoper in die Siemens-Festspielnacht einbezogen. Wollen Sie das fortsetzen?
Wagner: Wenn es nach mir geht, auf alle Fälle. Wenn in der Hauptferienzeit 2000 bis 2500 Kinder auf dem Platz waren, die sichtlich einen riesigen
Spaß hatten, dann finde ich, kann sich dieses Ergebnis sehen lassen.
Frage: Der nächste Termin steht ja auch schon fest...
Wagner: Ja – am 14. August 2011 wird der „Lohengrin“ gezeigt – und für die Kinder der „Ring“. Siemens hat bereits
eine Sponsoringzusage erteilt, was mich sehr freut. Und im Jahr darauf wird der „Tannhäuser“ live übertragen.
Frage: Man hört, dass im kommenden Jahr das Fernsehen mit einsteigt – wird es erstmals eine Liveübertragung aus dem Festspielhaus im deutschen
Fernsehen geben?
Wagner: In diesem Jahr ist die „Walküre“ schon im japanischen Fernsehen live übertragen worden. Und wir führen in der Tat
Gespräche mit einem großen deutschen Sender, der den „Lohengrin“ live übertragen will.
Frage: Bei der Siemens-Festspielnacht hat sie eine sehr traurige Nachricht erreicht – die vom Tod Christoph Schlingensiefs. Vielleicht erläutern Sie uns
nochmal, wie nah sie sich – künstlerisch und menschlich – waren.
Wagner: Christoph war zum einen ein faszinierender Künstler. Er hat es geliebt, Konventionen der Oper aufzubrechen. Das hat mir damals in Bayreuth
zunächst sehr viel Arbeit und Stress bereitet. Aber, im Rückblick, eben auch eine sehr große Denkfreiheit gegeben. Zum anderen mochte ich ihn als Mensch, als Freund. Mich hat die
Nachricht sehr, sehr betroffen und traurig gemacht.
Frage: Es war seinerzeit gerade für Sie eine vertrackte Situation: Es gab Reibungen zwischen Schlingensief mit Ihrer Mutter und mit Ihrem damaligen Freund. Und
Sie mittendrin.
Wagner: Ich war damals Regieassistentin. Und es war meine Aufgabe, zum Regisseur zu stehen. Das war ein Gebot der Aufgabe. So viel Professionalität habe
ich immer. Ich wusste, wo ich zu stehen hatte – unabhängig davon, ob das nun Zoff mit dem eigenen Partner auslöste. Ich war in erster Linie Regieassistentin – und erst in
zweiter Linie die Freundin vom Freund oder die Tochter.
Frage: Aber es war auch eine harte Bewährungsprobe?
Wagner: Sicherlich. Zumal Christoph nun mal war, wie er war – er ist mit großer Lust gegen sämtliche Konventionen des Probenbetriebs
vorgegangen. Was auch zu Beschwerden von allen Seiten geführt hat. Aber mein Vater hat wohl, als er ihn während der Probenarbeit beobachtet hat, verstanden, dass man diesen Künstler
einfach machen lassen musste. Ich erinnere mich noch gut an eine Szene, als Christoph nach einer Probe ins Bühnenbild gegangen ist und angefangen hat, wie wild zu malen. Als mein Vater
vorbeikam, sagte er zu ihm: „Herr Wagner, ich male.“ Mein Vater hat ihn kurz angeschaut und gesagt: „Malen Sie mal weiter.“ Wer meinen Vater kannte, weiß, dass so
etwas gleichsam die höchste Legitimation war, die er einem Regisseur zukommen lassen konnte. Mein Vater wusste genau, wie Schlingensief tickte. Aber für ihn als Festspielleiter war dieser
Mann oft furchtbar schwer zu nehmen.
Frage: Wenn man Sie mit Ihrer Halbschwester während der Saison beobachtet hat, konnte man spüren, dass Sie sich gut verstehen.
Wagner: Tun wir auch. Mögen das gewisse Leute auch anders herbeireden wollen: Wir verstehen uns. Es ist zwischen uns alles besprochen, es gibt keine
Differenzen. Wir wissen, wer wie tickt.
Frage: Ein wichtiges Thema dieser Spielzeit waren – zumal nach der Gründung von Taff – die Mäzene Bayreuths. Wie sehen Sie deren Zukunft: Gibt
es eine Chance auf friedliche Koexistenz der beiden Mäzenatenvereinigungen?
Wagner: Das glaube ich, ja. Weil die Programme unterschiedlich sind. Ich finde es klasse, was Taff in der kurzen Zeit schon alles gemacht hat. Sie haben den
Künstlerempfang gesponsert, ein Fest nach der letzten „Götterdämmerung“, sie werden im kommenden Jahr einen Festspielball in der Stadthalle veranstalten – unter
anderem mit dem Festspielorchester – das kann sich schon sehen lassen. Das sind alles Dinge, die die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth in der Form nicht mehr bietet.
Frage: Sie stecken ja schon mitten in den Vorbereitungen für die Spielzeit 2011. Was erwartet uns denn mit dem neuen
„Tannhäuser“?
Wagner: Sebastian Baumgarten, ein sehr geschätzter Kollege von mir, wird inszenieren – mit einer ganz anderen Ästhetik als etwa Hans
Neuenfels. Ich finde es auch gut, wenn wir unterschiedliche Handschriften in einem Haus spürbar werden lassen. Mir gefällt sein Konzept super und ich freue mich drauf. Obwohl seine Arbeit
sicherlich viele Diskussionen auslösen dürfte – vermutlich viel mehr als beim „Lohengrin“. Aber ich weiß, dass Baumgarten ein Vollprofi ist – und bin da sehr
ruhig.
Frage: Dirigieren wird Thomas Hengelbrock – wird es die von ihm angekündigte historische Aufführung geben?
Wagner: Teilweise. Aber nicht so, wie auch schon kolportiert wurde – ohne Pausen etwa. Wir haben ein paar Strichfassungen drin, die man historisch
begründen kann und die wir auch legitim finden. Aber es wird keine andere Instrumentierung geben.
Frage: Die Frage, die Sie erwartet haben werden: Gibt es schon Namen für den Regisseur für den „Ring“ 2013?
Wagner: Wir sind kurz davor – aber es sind noch nicht alle Verträge unterschrieben. Wir wollen das Team erst bekanntgeben, wenn es komplett ist.
Eine Frage ist da noch offen.
Frage: Wird es denn eine Lösung mit vier Regisseuren werden?
Wagner: Derzeit sieht es so aus, als würde es keine Viererlösung geben.
Frage: Kommen wir zu den für 2013 geplanten Aufführungen der Jugendwerke. Wie man lesen konnte, wäre Christoph Schlingensief ein Kandidat
gewesen?
Wagner: Zunächst muss man sagen: Dieser Plan ist noch nicht finanziert. Und es steht in den Sternen, ob wir die Gesamtfinanzierung hinbekommen. Wenn es
nach mir geht, sollen da sehr unterschiedliche Handschriften erlebbar werden. Aber in der Tat: Schlingensief war im Gespräch.
Frage: Was hätte er denn machen sollen?
Wagner: Wir hatten über „Liebesverbot“ oder die „Feen“ geredet.
Frage: Was machen denn Ihre eigenen Regiepläne?
Wagner: Fest steht, dass ich „Tiefland“ in Mainz mache. Und für 2013 habe ich sehr viele Anfragen ...
Frage: Alles Wagner?
Wagner: Alles Wagner, ja. Aber ich bleibe dabei: Ich werde nur eine Regiearbeit pro Jahr machen. Zumal wir 2013 ja hier in Bayreuth besonders viel vorhaben:
Den neuen „Ring“ im Festspielhaus, die Jugendwerke, einen Videowettbewerb, viermal Public Viewing. Da ist genügend zu tun.
Frage: Wird denn das neue Ticketingsystem schon im nächsten Jahr zum Einsatz kommen?
Wagner: Die Bestellscheine für 2011 gehen ja jetzt schon raus. Wir werden deshalb erstmals die nächsten Generalproben über das neue Programm
abwickeln ...
Frage: Aber die Generalprobenkarten werden doch wohl kostenlos bleiben?
Wagner: Weiterhin zum Nulltarif, ja – aber als E-Ticket. Damit sparen wir Kosten.
Frage: Werden Sie die Preise wieder anheben?
Wagner: Nein, die Preise bleiben gleich. Mit liegt sehr viel daran, dass wir unsere Karten zu einigermaßen verträglichen Preisen anbieten.
Frage: Das nächste Jahr wird aufgrund des neuen Tarifvertrags eine neue Herausforderung bringen, was die Probenzeiten angeht.
Wagner: Stimmt. Pausenzeiten müssen eingehalten werden, freie Tage müssen geplant werden, sonntags wird es keine Proben mehr geben. Allein das
bedeutet, dass uns fünf Probentage fehlen werden. Und früher anfangen geht ja auch nicht. Das muss man halt irgendwie kompensieren. Es muss einfach noch effektiver geprobt werden.
Frage: Was kommt für Sie jetzt, nach der Festspielzeit? Urlaub?
Wagner: Urlaub!
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