BAYREUTH. Klein gedacht hat Richard Wagner nie. Er strebte stets danach, das Große und Ganze zu ergründen. Und weil man das, was sich da an fundamentalen Fragen auftut, natürlich nicht mit einer einzigen Form der Kunst erfassen kann, wollte er nur eines: Das Gesamtkunstwerk.
In seinem Theater sollten sich Text und Musik, Tanz und Schauspielerei zusammenfügen zu einem großen Ganzen. Und als Kraftort für alle seine Wünsche und Taten schuf er sich das
Haus auf dem Grünen Hügel – das Festspielhaus. Hätten sich dem Komponisten damals schon die heutigen Möglichkeiten eröffnet, er hätte sicherlich, wie
selbstverständlich, auch das Internet, den Film und die Fotografie in seinen Kanon der Künste mit aufgenommen. Kühn war er ja schon immer, unser Richard ....
So sind es nun eben seine Nachfahren, die die neuen Künste für die hohe Kunst in Bayreuth entdecken. Katharina Wagner pflegt über die BF Medien das Video-Podcast, es gibt das Public
Viewing (das Wagners Anspruch, möglichst viele Menschen mit seiner Kunst zu erreichen, auf fast schon ideale Weise erfüllt), Wagner für Kinder.
Bilder aller Inszenierungen
Das beste Mittel, sich die das Bühnengeschehen einer Spielzeit nachhaltig zu konservieren, ist der offizielle Festspielkalender, der seit vielen Jahren vom Verlag Ellwanger in Bayreuth
herausgegeben wird und nun in der 15. Ausgabe vorliegt. Er beinhaltet zwölf großformatige Fotoaufnahmen der Bayreuther Festspiele (580 mal 450 Millimeter, Querformat), die auf
eindrucksvolle Art sämtliche Inszenierungen der Spielzeit 2010 für die Ewigkeit konservieren. Dass viele Wagner-Freunde sich diesen Kalender als Sammlerstück aufbewahren, liegt
jedoch nicht nur an den wunderbaren Aufnahmen, sondern auch an den bisweilen humoristischen, immer aber informativen Zwischentexten (in deutscher, englischer und französischer Sprache), die
bei diesem Kalender auf durchsichtigem Papier mitgeliefert werden.
Texte, die Wagners Denken und Fühlen erläutern, das Umfeld seines Schaffens beschreiben und dazu beitragen, die damalige Zeit besser zu verstehen. So erfahren wir etwa, wie schwer es der
„Lohengrin“ in Frankreich hatte. Der Zorn, den die Franzosen damals dem in Deutschland als „vaterländisches Werk“ umjubelten „Lohengrin“ entgegenbrachten,
war so groß, dass die Erstaufführung am 3. Mai 1887 nur unter Polizeischutz stattfinden konnte. Dem Vernehmen nach trug der damalige Dirigent sogar eine Pistole – so groß war
die Angst vor der rebellierenden Menschenmenge.
Herrlich auch der Beitrag, mit welchen Tricks und Kniffen ein bis heute komplexes bühnentechnisches Problem bewerkstelligt wurde: Die (möglichst naturalistische) Darstellung des Schwans.
1882 war das offenbar so gut gelungen, dass der Wiener Musikschriftsteller Max Kalbeck sogar glaubte, ein „so naturgetreues, bis auf die flügelzuckende Todesangst wohlgetroffenes
Thier“ gebe es auf keiner anderen Bühne zu sehen. Die Bayreuther Bühnenkunst – schon damals ein Phänomen. gdm
Festspielkalender 2011, 580 x 450 mm, Spiralbindung; erschienen bei Ellwanger, Bayreuth, mit einem Vorwort der Festspielleitung; ISBN 978 – 3 –92531
–80 –7; Preis, 29,90 Euro; erhältlich bei Ellwanger und im Fachhandel.
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