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21.08.2010, 15:08 Uhr

 

Raus aus dem Graben, rauf auf die Bühne

Von Gert-Dieter Meier

BAYREUTH. Er bringt all das mit, was es für eine Traumkarriere im Wagnerfach braucht: Strahlende Stimme, hohes darstellerisches Talent, jugendliches Aussehen, Charisma. Und obendrein eine kluge Einstellung zur eigenen Karriereplanung. Klaus Florian Vogt, der einstmals als Hornist begonnen hatte, schickt sich an, ein ganz Großer seines Faches zu werden. In diesem Jahr singt er bei den Bayreuther Festspielen noch einmal den Stolzing, im kommenden Jahr wechselt er in die Inszenierung von Hans Neuenfels – als Lohengrin. Der Kurier sprach mit dem 40-jährigen Tenor über seine Karriere.

 

Frage: In diesem Jahr singen Sie den Stolzing, im kommenden Lohengrin. Gibt es eine Partie, die Ihnen stimmlich besser liegt – oder die Ihnen besonders behagt?

Vogt: Früher war mir der Lohengrin sicherlich sehr ans Herz gewachsen. Aber inzwischen singe ich auch den Stolzing wahnsinnig gerne. Auch von der Figur her fasziniert mich diese Rolle.

Frage: Katharina Wagner zeichnet da ja die Figur des Stolzing als einen jungen Wilden. Haben Sie Parallelen zu Ihrem eigenen Leben in dieser Figur ausmachen können?

Vogt: Ich kann auf der Bühne Dinge machen und eine Frechheit an den Tag legen, die ich mich im normalen Leben nie trauen würde. Das ist es auch, was so viel Spaß macht.

Frage: Sie würden demnach im richtigen Leben nicht auf Tische steigen und irgendwelche Celli anmalen?

Vogt: Wohl kaum. Umso größer ist dann die Freude, wenn man seinem Temperament mal freien Lauf lassen kann.

Frage: Sind Sie eher ein ruhigerer Typ? Einer, der sich zwingen muss, den Wilden zu geben?

Vogt: Ruhiger Typ – ja! Aber ein gewisses Temperament liegt mir nicht fern. Um auf der Bühne mal einen rauszulassen, muss ich mich nicht zwingen. Das ist Vergnügen.

Frage: Nun dürfen die Regisseure in Bayreuth ihr Werk stetig weiterentwickeln. Sie etwa tragen heuer Rastalocken und haben sich zum bildenden Künstler fortentwickelt. Gibt es das Prinzip Werkstatt Bayreuth eigentlich auch für die Sänger? Feilen auch Sie an der Partie?

Vogt: Na klar! Diese Partien bieten in ihrem Umfang und in den vielen Farben, die in ihnen stecken, unglaublich viele Entdeckungsmöglichkeiten. Und nachdem sich ja auch die Stimme verändert und man vielleicht technisch noch zulegen kann, kann man bestimmte Passagen einfach besser gestalten, der Partie insgesamt mehr Farben und Ausdrucksmöglichkeiten geben. Insofern reift so eine Partie stetig weiter. Das ist ja gerade das Tolle an Wagnerpartien, dass man dadurch sich selbst auch immer weiterentwickeln kann. Auch durch ein verändertes Äußeres, wie in diesem Jahr, wird man ja eine andere Figur. Und das bringt Farben rein, die zuvor womöglich gar nicht gepasst hätten.

Frage: Sie sind ja nun schon ein paar Jahre mit dieser Produktion unterwegs. Eine Konstante gibt es: Das Publikum ist gespalten, es hagelt immer wieder Buhrufe. Wie sehr leidet man da als Sänger mit seiner Regisseurin mit, wenn sie sich, fast wie bestellt, ihr Buhkonzert einfängt?

Vogt: Ich leide da sogar sehr mit, bin auch kein Freund dieser Buhruferei. Denn ganz egal, wie man das nun finden mag: In so einer Produktion steckt unglaublich viel (Gedanken-) Arbeit und Herzblut. Insofern sind solche Unmutsäußerungen immer ungerecht. Unabhängig davon, wen sie treffen.

Frage: Haben Sie als Sänger das schon mal erlebt, dass Sie vom Publikum, salopp gesagt, richtig plattgemacht wurden?

Vogt: Nein, Gott sei Dank nicht. Aber ich kann mir vorstellen, dass das katastrophale Momente sind. Denn man kann ja mal davon ausgehen, dass jeder, der sich da hinstellt, sein Bestes gegeben hat. Natürlich passieren Fehler – wir sind alle Menschen. Aber es stirbt niemand daran, wenn mal ein falscher Ton vorkommt. Sänger öffnen sich an so einem Abend ganz und gar – denn nur so entsteht ein intensiver Kontakt zum Publikum. Und da empfinde ich es einfach als unfair, wenn man diese Öffnung so brutal quittiert.

Frage: Nächstes Jahr der Lohengrin. Das ist die Partie, mit der Sie richtig abräumen (lacht). Sie singen sie an vielen prominenten Orten, Sie sind schon fast „Mister Lohengrin“. Ist das jetzt ein besonderer Druck, wenn Sie die Partie im kommenden Jahr bei den Festspielen singen ?

Vogt: Was für ein Druck denn? Für mich geht da ein Traum in Erfüllung. Ich freue mich wahnsinnig darauf, eine meiner Herzenspartien ausgerechnet in Bayreuth singen zu dürfen. Das ist etwas ganz Besonderes.

Frage: Was behagt Ihnen denn so sehr an dieser Partie?

Vogt: Zunächst ist da natürlich die gesangliche Herausforderung. Dann die Vielfarbigkeit dieser Partie – vom Dramatischen bis ins ganz, ganz Lyrische ist alles drin. Und dann finde ich auch die Figur selbst sehr spannend: Die Reinheit, die er verkörpert und das Gute, was er eigentlich will – obwohl es nicht ganz gelingt – das sagt mir was, damit verbinde ich viel.

Frage: Das Reine, Gute, Schöne – glauben Sie, dass man Jugendliche von heute mit solchen Themen locken kann?

Vogt: Das glaube ich schon, ja. Das ist heute aktueller denn je. Bei den Jugendlichen geht es heute wieder um Werte. Und wenn man eine solche Produktion nicht nur gut, sondern ehrlich macht, berührt das ein jüngeres Publikum genauso wie ein älteres – und ein unerfahrenes Publikum in gleichem Maße wie die Opernprofis, die vielleicht schon den 20. Lohengrin gesehen haben. Das liegt natürlich auch und vor allem an der Musik. Die hat einfach eine solche Kraft, der man sich kaum entziehen kann.

Frage: Sie haben diese Partie ja schon an vielen Häusern in vielen Ländern gesungen. Und vermutlich erleben müssen, wie unterschiedlich die Regisseure diesen Lohengrin zeichnen. Mal soll’s der aktiv schauspielernde Sänger sein, mal ist die Figur sehr statisch gezeichnet. Was behagt Ihnen denn mehr?

Vogt: Ich spiele schon gerne. Ein Opernsänger sollte immer ein Sängerdarsteller sein. Das ist nie nur beschränkt auf den Gesang. Sonst könnte man die Werke auch konzertant machen. Und selbst da reicht es nicht, sich nur hinzustellen und zu singen. Trotzdem entdecke ich auch in sehr statischen Inszenierungen, wie etwa bei Robert Wilson, für mich viele Dinge, die mich begeistern. Ich suche in jeder Inszenierung meine eigene Linie. Und wenn ich die finde, dann entsteht etwas – egal wie statisch oder beweglich eine Inszenierung ist. Eine Bewegung ist ja nicht per se spannend.

Frage: Haben Sie sich schon ein Bild machen können, ob bei der Neuenfels’ schen „Lohengrin“-Inszenierung viel Leben, viel Spannung auf der Bühne ist?

Vogt: Nein, ich habe mir die Inszenierung nicht angeschaut. Ich lasse mich lieber überraschen und gehe unbefangen an eine solche Aufgabe heran. Weil ich mir dann meinen eigenen Weg in diese Inszenierung erarbeiten und die Rolle unbelastet von äußeren Eindrücken entdecken kann.

Frage: Haben Sie sich schon mit dem neuen Lieblingsthema in Bayreuth auseinandergesetzt – den Ratten?

Vogt: Nein, ich habe nur gehört, dass es den Lohengrin selbst kaum betrifft. Aber ich gestehe, dass ich froh bin, mich nicht in ein solches Rattenkostüm zwängen zu müssen.

Frage: Singen Sie die Partie denn vor Ihrem Rollendebüt in Bayreuth noch mal andernorts?

Vogt: Nein, das ist nicht vorgesehen.

Frage: Die Partie ist derzeit irgendwo im Hinterkopf abgespeichert. Wann holen Sie sie wieder hervor?

Vogt: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es dann, wenn man eine solche Partie wirklich gründlich gelernt und, wenn möglich, auch in einer Neuproduktion entdeckt hat, recht gut geht. Das ist bei mir sehr schnell wieder präsent. Aber klar: Ich bereite mich natürlich gründlich darauf vor.

Frage: Was mich immer wieder fasziniert ist die Textmenge, die Sänger im Kopf haben müssen. Sie singen ja eine ganze Reihe von Partien immer wieder. Ist da sehr viel Wiederaufbereitungsarbeit erforderlich – oder verlässt man sich doch insgeheim auf den Stichwortgeber im Souffleurkasten?

Vogt: Darauf kann man sich schon deshalb nicht verlassen, weil es den Souffleur nicht in allen Häusern gibt. Aber es stimmt: Ich staune selbst manchmal darüber, was so ein Gehirn alles leisten kann.

Frage: Haben Sie diese Fähigkeit schon in der Schule bei sich entdeckt?

Vogt: Nö, leider nicht (lacht). Wobei ich tatsächlich wenig Probleme hatte, Gedichte auswendig zu lernen. Als Sänger hilft einem natürlich die Musik. Und wenn man die Bewegungen einstudiert, entstehen im Kopf Bilder, kleine Filme. Dadurch und durch die Intensität, mit der man eine solche Partie erarbeitet, fällt es zumindest mir nicht schwer, den Text eines Stückes abzuspeichern.

Frage: Aber was machen Sie denn nun, wenn Ihnen tatsächlich mal eine Textpassage verloren geht? Singen Sie dann Lala?

Vogt: Bei den „Meistersingern“ ist es tatsächlich für den Stolzing schwierig, die Strophenlieder in der richtigen Reihenfolge am richtigen Ort zu singen. Zumal ich ja bei den Preisliedern in dieser Inszenierung immer eine szenische Handlung zu erledigen habe. Mal male ich, mal schneide ich was aus. Und wenn dann die Requisiten nicht richtig funktionieren – sei es, dass eine Farbtube klemmt oder der Prospekt auseinanderfällt –, dann kommt man schon mal kurz aus dem Konzept. Weil man in dem Moment erst einmal versucht, das kleine technische Problem zu lösen. Da ist dann die Gefahr groß, mal in eine falsche Strophe zu geraten.

Frage: Und dann?

Vogt: Bleiben wir beim Stolzing. Die Gefahr ist nicht, dass einem gar nichts einfällt, sondern – weil alles sehr ähnlich, aber nicht gleich ist – man in die falsche Bahn gerät. Dann muss das Gehirn Höchstleistungen vollbringen: Zunächst feststellen: Ich bin falsch. Und dann den Schalter umlegen und ins richtige Preislied zurückfinden. Aber in solchen Fällen hilft tatsächlich meine liebe Kollegin Gabi Auenmüller, die da unten im Kasten sitzt. Wenn ihre Augen größer und ihre Bewegungen intensiver werden, dann merke ich: hoppla, da stimmt etwas nicht. Sie hilft mir dann schon wieder rein ...

Frage: Sie haben angefangen nicht als Sänger, sondern als Hornist. Was war denn der Grund dafür, das Horn ins Eck zu stellen? Und das Risiko einer Sängerkarriere in Angriff zu nehmen?

Vogt: Es war tatsächlich eine Lebensstellung, die ich da hatte. Und es bestand eigentlich keinerlei Anlass, irgendetwas zu verändern. Aber da kam dann vielleicht doch der Stolzing in mir durch: Ich wollte einfach noch mal etwas Neues entdecken. Zu guter Letzt hat es mich einfach gereizt, mich auf das Ungewisse einzulassen und herauszufinden, wie weit ich mich noch entwickeln kann.

Frage: Nun ist es ja gutgegangen. Hätte aber auch anders enden können ...

Vogt: Natürlich, es ist mir auch immer bewusst, dass es ganz anders hätte ausgehen können. Deshalb ist mir diese Entscheidung damals ja auch so schwergefallen. Ich war ja nicht naiv. Sondern kannte die Risiken dieses Schrittes. Mir ist jedenfalls immer bewusst, welches große Geschenk es war, dass ich gleich zweimal mein Hobby zum Beruf machen konnte. Das erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Frage: Ihr Beruf hat ja eine wunderbare Komponente: Sie machen Menschen glücklich dann, wenn Sie gut singen. Sie werden angehimmelt, Sie sind Star. Ist es schwer, damit umzugehen?

Vogt: Eigentlich nicht. Ich weiß, woher ich komme und wo ich stehe. Und ich habe Menschen, die mir helfen, mit beiden Beinen fest auf der Erde zu bleiben. Insofern genieße ich das einfach. Weil es schön ist, wenn man nicht nur selbst Erfüllung spürt beim Singen, sondern andere Menschen mit ins Boot holen kann, die das auch gut finden.

Frage: Also keine Angst vor dem Starkult?

Vogt: Nein. Die Grenze wäre für mich erreicht, wenn ich mich verbiegen müsste. Oder Dinge tun müsste, die ich selber gar nicht gutheißen kann.

Frage: Sängerehen sind ja nicht die leichtesten. Sie sind häufig weg von der Familie. Hat Ihre Frau Verständnis für Ihren Terminkalender?

Vogt: Sie kommt ja aus dem Metier, ist selber Sängerin. Und kennt daher das Geschäft. Aber dass es nun so ,schlimm‘ wird mit dem Reisen und der Karriere, das hat sie wohl selbst nicht vermutet. Aber ich bin ja in der komfortablen Lage, dass sie es war, die mich damals bestärkt hat, ins Sängerfach zu wechseln. Deshalb kann sie jetzt nicht wirklich meckern (lacht).

Frage: Welche Pläne, Partien, Karrierewünsche treiben Sie denn um?

Vogt: Das lasse ich alles auf mich zukommen. Ich bin ja mit dem, was ich derzeit mache, sehr zufrieden. Da ist schon sehr viel dabei, wovon ich früher nicht zu träumen gewagt hätte. Natürlich habe ich vor, irgendwann einmal Tannhäuser, Tristan, vielleicht sogar Siegfried zu probieren. Aber da lasse ich mir viel Zeit.

Frage: Angebote wird es ja wohl zuhauf geben ...

Vogt: Ich hätte das in der Tat alles schon gesungen haben können.

Frage: Sind Sie selber es, der da auf die Bremse drückt und sich nicht verheizen lassen will? Die Gefahr, immer mehr in kürzeren Zeitabständen zu wollen, ist doch real?

Vogt: Die Gefahr besteht, ja, Aber wenn man sich dieser Gefahr bewusst ist, ist das schon die halbe Miete. Bisher war es immer so, dass die Partien irgendwann zu mir gekommen sind – und dann war das auch okay. Ich warte einfach den richtigen Moment ab. Bereite mich vor. Ich singe mal Teile dieser großen Partien. Das fühlt sich schon gut an. Aber dabei belasse ich es dann auch im Moment.

Frage: Sie leben nicht in der Metropole, sondern auf dem Land. Ist das der Ausgleich zur stressigen Sängerkarriere?

Vogt: Für mich ist es das, ja. Ich brauche nicht die Großstadt. Und meine Familie auch nicht. Ich genieße es, auch mal ab vom Schuss zu sein. Ich mag die Natur vor der Haustüre. Und die frische Luft von Schleswig-Holstein. Mal über den Deich zu laufen ist einfach eine schöne Abwechslung. Als Freiberufler ist es egal, wo man lebt. Heute kommt man von jedem Ort schnell weg.

Frage: Stichwort wegkommen: Wie kommen Sie denn – mental – von der Bühne weg?

Vogt: In erster Linie durch die Familie. Da ist man sehr schnell wieder auf Normalnull. Weil dort die Karriere unwichtig ist. Ansonsten: Viel Sport, draußen sein, all das tun, was Spaß macht.

Frage: Wie gehen Ihre vier Kinder damit um, dass Papa Opernsänger ist?

Vogt: Das klappt eigentlich prima. Sie sind auch theaterinteressiert. Und wissen ziemlich genau, was sie gut finden und was nicht. Und das äußern sie dann auch.

Frage: Aber man muss sich das nicht so vorstellen, dass im Hause Vogt am Frühstückstisch nur über Oper geredet wird?

Vogt: Natürlich nicht nur, aber auch. Wenn die abends mal in einer Vorstellung waren, dann reden wir natürlich darüber. Zum Beispiel war mal einer meiner Kleinen mit im „Rheingold“. Und in der Inszenierung gab es keinen Wurm. Dann hat er Bilder mit einem schönen Wurm gemalt. Und die musste ich dann dem Regisseur geben, damit der weiß, wie es „richtig“ gehört.

Frage: Was kommt nun, ganz konkret, nach Bayreuth?

Vogt: Eine „Holländer“-Produktion in Paris. Das wird mein Debüt in der französischen Hauptstadt, auf das ich mich sehr freue. Danach bin ich in München mit „Rusalka“.



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