2000 kleine Festspielfans erleben Live-Kinder-Oper
BAYREUTH. Viele sagen, Wagners Musik sei zu schwer, zu lang und mit zu vielen Leitmotiven besetzt. Das erste Public Viewing für Kinder beweist das Gegenteil. Nach der Aufzeichnung des "Tannhäuser" kann sich das junge Publikum bei der dritten Siemens Festspielnacht in Bayreuth selbst kreativ in Szene setzen und einen Blick hinter die Kulissen einer komplexen Opern-Inszenierung werfen.
Lene schlüpft in das Kostüm der Liebesgöttin Venus. Die angehende Maskenbildnerin Susanna Thullen schminkt die Fünfjährige und stylt ihre Haare. Auch der zehnjährigen
Franka hat die Figur der Venus in der auf gut eine Stunde reduzierten Fassung von Wagners "Sängerkrieg auf der Wartburg" am besten gefallen. Die neunjährige Julia bemalt ein T-Shirt mit
der Liebesgöttin. Wenige Meter weiter stehen Daniel (4) und Dennis (5) mit Helm und Brustpanzer des "Lohengrin", in der Hand große Schwerter, die ihnen deutlich über die Köpfe
reichen. Orchestermusiker erläutern ihre Instrumente, Bühnentechniker verraten, wie man einen Felsen entflammt, ohne die Bühne anzuzünden.
Katharina Wagner hat das Projekt "Wagner für Kinder" vor einem Jahr gestartet. Die 2000 kostenlosen Karten für die zehn Vorstellungen des "Tannhäuser" im Festspielhaus waren binnen
zehn Minuten vergeben. Rund 2500 Kinder und ihre Eltern nutzten am Samstag die Gelegenheit, eine Aufzeichnung des Stücks unter freiem Himmel anzuschauen.
Wagner für alle, global und generationenübergreifend, lautet das Motto der Festspielnacht. Wie in den beiden Vorjahren drängten sich Zehntausende am Nachmittag vor der 90
Quadratmeter großen LED-Wand. Der Wiener Klangkünstler Alfred Tögl sorgte mit 60 Lautsprechern und einem speziellen Computerprogramm für eine möglichst authentische
Übertragung der Akustik in Wagners Festspielhaus. Die Bilder der "Walküre" wurden von acht ferngesteuerten Kameras auf den Platz übertragen. 1250 verschiedene Einstellungen wurden
für die fast vierstündige Übertragung geplant, verrät Regisseur Michael Dillmann.
Das Public Viewing ist ein "Fest mit Kultur", sagt Stephan Heimbach, der Vorsitzende der Siemens Stiftung. Auf dem Platz herrscht Party-, Strand- und Biergartenatmosphäre zugleich, ein echter
Kontrast zur manchmal etwas steifen Atmosphäre oben auf dem "Grünen Hügel". Ungezwungen geht es zu, eine Kleiderordnung gibt es nicht. "60 Prozent der 40 000 Besucher im vergangenen
Jahr haben noch nie eine Wagner-Oper gesehen", verrät Moderator Axel Brüggemann.
Neben der Live-Übertragung auf dem Volksfestplatz kann "die Walküre" auch als Live-Webstream im Internet verfolgt werden. "Das ist kein Vergleich zu Bild und Ton bei Youtube", sagt
Philipp Schock. Das Videosignal wird in HD-Qualität über Server auf alle Kontinenten übertragen, erstmals auch in Raumklang-Qualität. "Unsere Erwartungen wurden weit
übertroffen", bilanziert Stephan Heimbach nach dem Kinderprogramm. "Unser Ziel ist es, ein Weltereignis einem Weltpublikum zu öffnen, das haben wir wieder erreicht."
dpa
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