BAYREUTH. Am Ende ist alles nur ein zum Scheitern angelegtes Experiment – es gibt keine bedingungslos vertrauende Liebe und keine höhere Macht, die den Verlauf der Geschichte noch in Richtung Happy End drehen könnte. So könnte die Kurzfassung von Hans Neuenfels Interpretation des „Lohengrin“ lauten, die Dramaturg Henry Arnold in seinem Einführungsvortrag auf Einladung der Gesellschaft der Freunde Bayreuths am Dienstagvormittag in der Universität Bayreuth erläuterte.
Stellte sich den Fragen der Besucher: Henry Arnold. Foto: Schwandt
Die aktuelle Inszenierung des „Lohengrin“ wirft Fragen auf, wenn die Zahl der Besucher des gut besuchten Vortrags als Indiz dafür herangezogen werden kann. Denn anders als in den
anderen Einführungsvorträgen ging es bei diesem nicht um die Musik Richard Wagners oder die Handlung und Figuren seiner Opern, sondern um die Deutung und Bildsprache von Neuenfels und
seinem Team.
Neuenfels’ Anspruch sei es gewesen, „immanent an dem zu bleiben, was Wagner vorgab“, so Arnold. Konkret heißt das: die Inszenierung interpretiert die Oper und nicht
Deutschland im 19. Jahrhundert. Im „Lohengrin“ gehe es nicht um die Verlängerung der christlichen Religion. „Dem Begriff des Glaubens und der Transzendenz wird die Liebe
entgegengestellt.“ Allerdings ist diese bedingungslose Liebe von vornherein zum Scheitern verurteilt, Elsa und Lohengrin seien bereits vor der schicksalhaften Frage getrennt gewesen, es gebe
keine andere Lösung, zitierte Arnold aus einem Brief Wagners zu diesem Sujet. Das Scheitern haben die beiden selbst zu verantworten, die Szene im Brautgemach gleicht einem Rosenkrieg in all
seiner Aggressivität. Dabei ist alles nur ein großes Experiment, und wo könnte das anders angesiedelt sein als in einem Labor. „Es gibt kein Außen in dieser
Inszenierung, keinen, der das Experiment leitet.“ Der Chor sei als Kollektiv gemeint, die Ratten als „symbolische Umsetzung des Bildes der Nicht-Individualität“.
In jedem Akt gebe es den Versuch der „Entschälung“, des Individualisierens. Die „Entwicklung der Entrattung“ lasse sich in der Kostümierung nachvollziehen, doch
auch die neuen Kleider der Ratten bieten keinen Fluchtweg aus der Masse.
Der Auftritt des „Monster-Babys“ Gottfried steht für die Geburt, den Neuanfang. Ein neues, fremdes Wesen taucht auf, das die alte Welt ablöst, ohne dass man weiß, wohin
das führt. Die Schlussszene sei eine „didaktische Umkehrung des Vorgangs“, beschrieb Arnold. Anders als im Libretto vorgesehen, reist nicht Lohengrin ab, sondern die Welt geht
zugrunde und er bleibt mit dem neuen Wesen Gottfried zurück. Neuenfels habe diese Szene als „Shakespeare-Bild“ bezeichnet, das an Hamlet erinnert.
Konzept stand früh fest
Das Konzept zu dieser Inszenierung stand schon früh fest. Mit der Analyse der Oper begannen Neuenfels und sein Team bereits im Januar 2009. Damals wurde auch das Bühnenbild festgelegt.
„Sobald die Konzeption festgelegt ist, wird auch die Ästhetik festgelegt“, erläuterte er. Dass sich diese Ästhetik und die verwendeten Bilder nicht jedem gleich
erschließen, wurde bei der anschließenden Diskussion deutlich, bei der eine Besucherin noch einmal wissen wollte: „Warum Ratten? Das ist die große Frage in
Bayreuth!“
INFO Am 25. August lädt die Gesellschaft der Kulturfreunde Bayreuth zum Einführungsvortrag „Ring des Nibelungen“ um 10.30 Uhr in die
Universität Bayreuth, Raum: NW II Hörsaal 18, ein. Der Dramaturg Norbert Abels spricht über die Konzeption der aktuellen „Ring“-Inszenierung von Tankred Dorst, die heuer
zum letzten Mal gespielt wird.
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