BAYREUTH. Der Bedarf ist groß, doch es mangelt an der entsprechenden Infrastruktur: Im gesamten oberfränkischen Raum klafft eine große Versorgungslücke im psychiatrischen und psychotherapeutischen Bereich, was die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung betrifft.
Von einer dramatischen Situation sprechen Psychologinnen und Psychologen, die in Tagesstätten und Heimen für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung in Oberfranken
beschäftigt sind. Sylvia Lindner, Psychologin am Heilpädagogischen Zentrum in Bayreuth (HPZ), schätzt den Anteil der Kinder und Jugendlichen mit geistiger Behinderung, die psychische
Auffälligkeiten oder psychiatrische Erkrankung entwickeln, auf bis zu 50 Prozent. Das sind bis zu 300 Jungen und Mädchen in Oberfranken. Das Risiko für diesen Personenkreis,
Verhaltensauffälligkeiten und psychische Störungen zu entwickeln, sei drei- bis vierfach höher.
Die therapeutische Infrastruktur ist auf diese hohe Zahl an Patienten nicht ausgelegt. Und die niedergelassenen Fachärzte sind für diese Klientel nicht adäquat ausgebildet, sagt
Lindner. Auch im Bezirkskrankenhaus sei man nicht auf die therapeutische Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung eingestellt. Akutbehandlung sei möglich, auch eine
ambulante Betreuung, aber keine stationäre Behandlung. Lindner: „Die Kinder- und Jugendpsychiatrie des Bezirkskrankenhauses verfügt weder über geeignete Strukturen noch
über entsprechend ausgebildetes Personal. Junge Patienten mit geistiger Behinderung passen da nicht rein. Im Gegenteil: Sie werden oft schnell Opfer von Mobbing.“
Ein Jahr Wartezeit
Viel zu gering sei oberfrankenweit auch die Zahl der kinder- und jugendpsychiatrischen sowie kinder- und jugendpsychotherapeutischen Praxen, die Therapie und Begleitung von Kindern und Jugendlichen
mit eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten anbieten können. Dies äußere sich in langen Wartezeiten, die in Einzelfällen schon mal ein Jahr betragen können.
Außerdem verfügten nicht alle niedergelassenen Fachärzte über das notwendige spezielle Fachwissen.
Bisher mussten Kinder und Jugendliche, die einer stationären Behandlung bedürfen, entweder im Kinderzentrum in München oder in zwei Facheinrichtungen in Baden Württemberg
untergebracht werden. „Das ist mit mehreren Problemen verbunden“, sagt Andrea Weinkopf, die Elternbeiratsvorsitzende des HPZ. Zum einen müssen Eltern und Kinder lange
Anfahrtszeiten in Kauf nehmen. Die weiten Entfernungen machen es Eltern oft unmöglich, ihre Kinder während der stationären Behandlung zu besuchen und verhindern zumeist eine sich
anschließende kontinuierliche Nachbehandlung. Das größte Problem aber ist, dass diese drei Fachkliniken immer mehr dazu übergehen, Patienten aus dem Umkreis zu versorgen, so
dass es für Kinder und Jugendlichen immer schwerer wird, einen Therapieplatz zu ergattern.
Enttäuschte Eltern
Ein kleiner Hoffnungsschimmer hat sich vor wenigen Jahren am oberfränkischen Horizont abgezeichnet, als man auch im zuständigen bayerischen Gesundheitsministerium auf die
Versorgungslücke aufmerksam wurde. Doch die Hoffnung von Eltern, Betreuern und Psychologen hat sich nicht erfüllt. Nicht wie von ihnen gefordert am Bezirkskrankenhaus Bayreuth, sondern
mit dem Neubau einer kinder- und jugendpsychiatrischen Abteilung für Kinder mit kognitiven Einschränkungen in Würzburg will man die Misere in Nordbayern bereinigen. In dem Neubau,
der bis Ende des kommenden Jahres abgeschlossen sein soll, sind 15 Betten geplant. Zu wenig für den gesamten nordbayerischen Raum, sagt Psychologin Lindner. Was zur Folge habe, dass auch
zukünftig die meisten Kinder und Jugendlichen mit ihren speziellen Bedürfnissen und Voraussetzungen ohne die nötige Versorgung bleiben werden.
Deshalb sind sich Psychologen, Betreuer und Eltern einig: Der Ausbau psychotherapeutischer ambulanter und stationärer Plätze in Oberfranken für Kinder und Jugendliche mit einer
geistigen Behinderung ist dringend notwendig.
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