BAYREUTH. Einmal mit der Zeitmaschine in die Bayreuther Vergangenheit zurückfahren. Nur einmal!
Stephan Mösch. Foto: Lammel
Es wäre lehrreich und faszinierend, allein den Bayreuther Klang der ersten und zweiten Festspiele im Originalton zu hören – denn das, was heute im Festspielhaus sich akustisch
ereignet, ist sehr weit von dem entfernt, was ein „Ring“- oder „Parsifal“-Besucher damals wahrnahm. Wer hier von der „berühmten Akustik“ schwärmt,
verkennt, so Stephan Mösch, dass Wagner anderes plante und die Probleme des Klanges – für das Orchester, aber auch für den Chor – seit damals nicht kleiner geworden
sind.
Dicht neben dem Festspielhaus erleben wir gerade die „Zäsuren“ – eine Veranstaltungsreihe mit bekannten Rednern, die etwas zum Thema Wagner zu sagen haben. Zwischen damals
und heute liegen Zäsuren, die auch jene klanglichen Aspekte betreffen, die alles andere als marginal sind. Das macht der dicht gewirkte, von Dramaturg Carsten Jenß mit verbaler
Überinstrumentation eingeleitete Vortrag von Dr. Stephan Mösch klar. Zum Zweiten sprach der Autor des herausragenden „Parsifal“-Buchs, das 2009 erschien, über den Begriff
der „Tradition“, zum Dritten über den einstigen „Bayreuther Stil“ – und alle diese Begriffe sind weit davon entfernt, fest und sicher zu sein.
Schon Wagner hatte selbstkritische Anmerkungen zum Orchester gemacht, die die Ökonomie des spezifischen Bayreuther Klanges betreffen. Als er starb, war das Experiment Orchestergraben noch
längst nicht beendet, nachdem bereits während der Erbauung des Saales Wagners ursprünglicher Plan verändert werden musste. Er habe selbst den „Parsifal“ noch zu
stark instrumentiert, meinte er, bevor diverse Veränderungen im Bau des Orchestergrabens vorgenommen wurden. Kommt hinzu der inzwischen erhöhte Kammerton und die technische
Aufrüstung der Instrumente im Verlauf des späten und des 20. Jahrhunderts, der den Klang verdickte und monumentalisierte.
Soll man auch Wagner im Originalklang spielen? Mösch ist skeptisch: Wagner selbst war zwar mit einigen modernen Intrumentenmodellen unzufrieden, aber auch mit dem, was er in Bayreuth endlich
hören konnte. Man darf gespannt sein, wie unter Thomas Hengelbrock, einem Matador der „historisch informierten Aufführungspraxis“, der „Tannhäuser“ klingen
wird.
Dieselbe Spanne zwischen dem zunächst festgeschriebenen Autorwillen und Wagners eigenem Pragmatismus in Sachen Aufführung erläutert der gebürtige Bayreuther Mösch anhand
der Höhenchöre des „Parsifal“, die zunächst für einen Knabenchor geschrieben wurden. – Man kann das alles sehr genau und sehr spannend in seinem
„Parsifal“-Buch nachlesen. Heute werden diese Chöre von Frauenstimmen gesungen, damals schlug der Assistent Humperdinck vor, doch Knaben- mit Frauenstimmen zu mischen: was Wagners
Idee des vermischten, geschlechtslosen Klanges vielleicht entgegenkam, ohne dass er diese Problemlösung je fixiert hätte.
Wagner erweist sich, kennt man nur die Fakten, als erstaunlich offener Typ, der vielleicht einen „Bayreuther Stil“ projektierte, doch erst unter Cosima Wagner wurde das in einem
hochpathetischen, kaiserzeitlichen Sprechmusikstil kodifiziert, was ursprünglich zwischen Text, Probe und individueller Aufführung einem produktiven, beweglichen Prozess ausgesetzt war,
denn „Sinn ist immer eine flexible Größe“.
Schlanker Klang
Wie unterschiedlich schon kurz nach dem Tode Siegfried Wagners die musikalischen Interpretationen in Bayreuth ausfielen, erweist ein Blick auf die Tatsache, dass lange vor Pierre Boulez Maestri wie
Toscanini oder die zu Recht hoch gelobten „Ring“- Dirigenten Joseph Keilberth und Rudolf Kempe den „schlanken Klang“ in Bayreuth realisierten. Der Rest sind, neben der
Freude über die neue, flexible und solidarische Bayreuther Dirigentenarbeit, einige Anekdoten über Böhm, Bernstein und Wolfgang Wagner, die es bedauerlich machen, dass man nicht
einmal wenige Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückfahren kann – aber detailgesättigte Beiträge wie die von Stephan Mösch vermögen zumindest zeitweise das farbig
flimmernde, schon damals nicht konfliktfreie Fluidum der Bayreuther Vergangenheit in die Gegenwart zu holen.
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