BAYREUTH. „Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste, was es gibt auf der Welt.“ Diese bekannte Liedzeile der Comedian Harmonists verdeutlicht sehr schön, wie wichtig wahre Freundschaft ist. Dass dieser Begriff in der heutigen Zeit anders definiert wird als früher, wird durch soziale Netzwerke wie Facebook und StudiVZ deutlich.
„Der Begriff der Freundschaft wird durch die neuen Medien verwässert“, sagt Thomas Schott, Psychologe und Professor für Allgemeine Pädagogik in Bayreuth. „Viele
können die Unterschiede zwischen wahrer Freundschaft und flüchtigen Bekanntschaften nicht mehr unterscheiden.“ Freundschaften, die bei Facebook oder StudiVZ geschlossen werden, sind
seiner Meinung nach oberflächliche Pseudofreundschaften, da sie keinen Tiefgang haben. „Im Internet Freunde zu suchen, ist nichts weiter als eine Flucht vor Konflikten. Man kann
Problemen aus dem Weg gehen und nach dem Prinzip der Wegwerfgesellschaft mit einem Klick alles beenden, wenn man keine Lust mehr darauf hat.“ Dies sei in der realen Welt nicht
möglich.
Solidarität, Zuverlässigkeit und Verständnis
Eine wahre freundschaftliche Beziehung müsse man über Jahre pflegen und ihr Auf und Ab gemeinsam erleben. Solidarität, Zuverlässigkeit und Verständnis gehören
natürlich dazu. Auf einen Knopf zu drücken, um eine Freundschaft zu schließen, könne nicht als tiefgründig bezeichnet werden, so Schott. Außerdem sei es sehr wichtig,
dass Kinder während ihrer Entwicklung Konfliktbewältigungsstrategien erlernen, um später Probleme selbst lösen zu können.
Ganz anderer Meinung ist Heiko Sollmann vom Stadtjugendamt Bayreuth: „Ich denke nicht, dass der Begriff Freundschaft durch soziale Netzwerke eine neue Bedeutung bekommt. Meiner Ehrfahrung
nach sind Jugendliche durchaus in der Lage, zwischen schnell hinzugefügten Freunden auf Facebook und echten Freunden zu unterscheiden. Jugendliche definieren Freunde in sozialen Netzwerken
eher als Bekannte.“
Professor Otto Hausmann ist Kommunikationswissenschaftler und lehrt Allgemeine Pädagogik an der Universität Bayreuth: „In einer Freundschaft muss man die Kritik des anderen ertragen
können. Man darf sich nicht verstecken, was im Internet durchaus möglich ist.“ Nach aristotelischer Sicht solle man das wahre Sein des Menschen erkennen und nicht den
äußeren Schein als wahr betrachten. Im Internet bliebe die innere Seite des Seins verborgen, so dass man nicht wisse, wen man vor sich habe. „Im Restaurant isst man ja auch nicht
die Speisekarte, sondern möchte die Speise probieren, um erkennen zu können, ob man sie mag“, vergleicht Hausmann.
„In einer virtuellen Freundschaft spielt man nur eine Rolle und zeigt nicht sein wahres Ich“, verdeutlicht Schott. Dies sei aus pädagogischer und entwicklungspsychologischer Sicht
problematisch. „Durch die im Internet vorherrschende Anonymität und Oberflächlichkeit lernen die Jugendlichen nicht, was wahre Freundschaft wirklich ausmacht. Ihre Wahrnehmung
verändert sich und im schlimmsten Fall kann das soziale Verhalten beeinträchtigt werden.“ Sie entwickelten Verhaltensstörungen und merkten nicht, dass das Internet nur ein
Mittel zum Zweck sein soll. Es werde zum Selbstzweck und die Jugendlichen selbst zum Mittel. Das einzige Ziel sei, die gesamte Privatsphäre im Internet zu präsentieren, kritisiert
Schott.
„Dieser Trend ist ein Phänomen unserer Beschleunigungsgesellschaft. Im Internet geht es vor allem darum, wer die meisten und nicht wer die besten Freunde hat. Man zählt nur noch
Namen, die Personen dahinter sind egal“, meint Hausmann. Schon Aristoteles habe diese Erkenntnis mit dem Satz „Viele Freunde, keine Freunde“ auf den Punkt gebracht.
Schott erklärt: „Eigentlich ist es paradox, da die Jugendlichen in Wirklichkeit auf der Suche nach wahren, engen Beziehungen sind, wenn sie die Zuneigung zu Hause nicht bekommen. Bei
Facebook sind sie leider auf dem Holzweg, da man dort nicht Glück, Liebe und echte zwischenmenschliche Beziehungen findet.“ Trotzdem sieht Hausmann die virtuelle Kommunikation als
Sprungbrett: „Soziale Kontakte können durch solche Foren eröffnet werden“, aber es fehle der Tiefgang. Auch Sozialpädagoge Sollmann sieht den Vorteil, dass die
Kontaktaufnahme durch das Internet vereinfacht werde: „Es ist eben oft einfacher, aus der vertrauten Umgebung heraus eine E-Mail zu schreiben, als jemanden auf dem Schulhof
anzusprechen.“
Foto: Lammel
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