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30.07.2010, 18:24 Uhr

 

„Ich gehe immer bis ans Limit“

Von Gert-Dieter Meier

BAYREUTH. Dieser Mann ist ein penibler Arbeiter. Und ein großer Künstler. Vor drei Jahren hat er erstmals seine Visitenkarte als Regisseur in Bayreuth abgegeben. Seither ist Stefan Herheims ausgeklügeltes Konzept für Richard Wagners Weltabschiedswerk ein echter Publikumsrenner. Am Donnerstag nun ging der „Parsifal“ in seine dritte Spielzeit (Kritik auf Seite 19). Der Kurier sprach mit Herheim kurz vor der Premiere über Bayreuth und seine weiteren Pläne als Regisseur.

 


Frage: Das dritte Jahr „Parsifal“. Wie nah ist er Ihnen noch?

Herheim: Zunächst ist er natürlich sehr weit weg, wenn man zwischendurch „Rosenkavalier“ gemacht hat, eine Wiederaufnahme von „Rusalka“ oder sich mit „Lulu“ auseinandersetzt, die noch vor mir liegt. Dann kommt man hier an und denkt: Wie war das denn noch mal .... Aber innerhalb weniger Stunden ist alles wieder sehr präsent. Wir haben ja, vor allem im ersten Jahr, unglaublich intensiv an diesem Stück gearbeitet. Es nun zu reproduzieren, ist lange nicht so anstrengend wie das erste Jahr. Es ist vielmehr faszinierend und schön, zurückzukehren und feststellen zu können, wie entwicklungsfähig diese Arbeit ist. Außerdem haben wir in Person von Susan Maclean eine Kundry, die sich unheimlich reinwirft. Und dieser Figur neue Facetten verleiht.

Frage: Es gibt also Ansatzpunkte für Veränderungen? Steht denn die Grundidee noch?

Herheim: Vieles steht hundertprozentig, da hat sich meine Einstellung nicht verändert. Aber es ist eine höchst komplexe Herangehensweise, die wir gewählt haben. Und da ergeben sich immer wieder neue Fragen und Ansatzmöglichkeiten. Das Bedürfnis nach Veränderung hatte ich an mehreren Stellen. Das hat aber zur Konsequenz, dass Teile der Ausstattung neu gemacht werden müssten, was mehr Geld kostet. Und das wäre in dem mir zur Verfügung stehenden Rahmen nicht mehr möglich gewesen.

Frage: Das ist aber wohl der Regisseure Schicksal, dass sie nicht immer können, wie sie gerne würden?

Herheim: Klar. Man kann ja nur mit dem Apparat. Nicht gegen ihn. Nur muss man halt schauen, dass man nicht zu viele Kompromisse eingeht.

Frage: Der „Parsifal“ ist beim Publikum unglaublich beliebt. Hätten Sie damit gerechnet, dass er so nachhaltig gut ankommt?

Herheim: Man rechnet immer damit, dass man Menschen erreicht. Man will ja kommunizieren. Und etwas bewirken. Die Leute packen. Aber jede diesbezügliche Spekulation wäre gefährlich. Es muss im Team stimmen. Und man muss, bei der Umsetzung, auf die Energie der Künstler bauen.

Frage: Mal ganz ehrlich: Hören Sie zwischendurch gelegentlich „Parsifal“?

Herheim: Das ist nicht unbedingt das Werk, das mir einfällt, wenn ich eine CD einlege. Was aber auch sehr pragmatische Gründe hat: Ich bin ja fast die ganze Zeit mit Musik beschäftigt. Habe auch immer Musik im Ohr. Natürlich gibt es spezielle „Parsifal“-Momente. Ich bin zum Beispiel mal nachts aufgewacht und habe über eine Stelle nachgedacht, mit der ich nicht vollends zufrieden war. Da schau ich dann auch schon mal in die Partitur rein. Oder höre rein, was der Meister wollte.

Frage: Wie lange läuft er denn noch, Ihr „Parsifal“ in Bayreuth?

Herheim: Das wissen wir alle noch nicht. Klar ist, dass wir bis 2012 spielen. 2013 kommt dann der neue „Ring“, dann hat „Parsifal“ Pause. Was danach kommt, weiß ich noch nicht.

Frage: Kommen wir mal zum „Ring“. Katharina Wagner hat unlängst ein Modell, wie es in Stuttgart lief, nicht mehr ausgeschlossen. Was hielten Sie davon: vier Regisseure, ein „Ring“?

Herheim: Ich habe ja selbst an einem solchen Modell mitgewirkt – in Riga. Damals hatte ich das „Reingold“ gemacht. Ich halte viel von einer solchen Idee. Sie muss nur sehr konsequent verfolgt werden. Das einzig Problematische in Bayreuth ist sicherlich, dass alle vier Stücke innerhalb einer Woche herauskommen sollen. Was bedeuten könnte, dass die vier Regisseure womöglich mit vier unterschiedlichen Sängerteams arbeiten müssten.

Frage: Wie lief das in Riga – gab’s da erst einmal den großen runden Tisch der Regisseure?

Herheim: Nein, das war auch nie der Ansatz, so zu tun, als wäre man ein Regieteam. Das widerspräche dem Ausgangsgedanken. Ich habe bislang immer Probleme gehabt bei der Vorstellung, dass ich 16 Stunden Musik unter einen konzeptionellen Rahmen stellen sollte. Insofern war ich erleichtert, dass ich „nur“ das „Rheingold“ machen brauchte.

Genauso spannend fände ich es allerdings, einem Regisseur den Gesamtauftrag für den „Ring“ zu geben – ohne von ihm eine einheitliche Leitlinie über vier Stücke hinweg zu verlangen. Das ginge meines Erachtens auch deshalb, weil die vier Stücke extrem unterschiedlich sind. Auch von der Entstehung. Wagner hat sich ja fast ein halbes Leben lang mit dem „Ring“ auseinandergesetzt.

Allerdings habe ich aktuell kein Bedürfnis, einen ganzen „Ring“ zu machen. Obwohl er mir, für das Jahr 2013, mehrfach angeboten wurde. Viele Häuser wollen da ja einen neuen „Ring“. Da entsteht ein richtiggehender Wettbewerb.

Frage: Der Bühnenbildner Reinhard von der Thannen ist in unserem Interview auch auf das Thema „Parsifal“ eingegangen. Da sind sie ja, obwohl sie ein Team bilden sollten, nicht zusammengekommen. Er meinte, dass er Sie sehr schätze – aber diese Zusammenarbeit möglicherweise zu früh gekommen wäre. Sehen Sie das ähnlich? Sind Sie vielleicht sogar froh, dass es jetzt dieser Weg geworden ist?

Herheim: Ich bin jedenfalls heilfroh, dass es so gut ausgegangen ist. Es war ja in der Tat eine dramatische Situation. Weil uns die Zeit davonlief. Und der totale Umbruch, der dann erforderlich wurde, nicht so ganz einfach war. Aber ich hatte mich unterdessen so sehr mit dem Thema beschäftigt und auch darunter gelitten, dass wir nicht zu dem Punkt kamen, an dem es klick macht, dass wir den Versuch einfach abbrechen mussten. Ich habe mich dann für Heike Scheele entschieden, mit der ich ja schon viel gemacht habe. Ursprünglich wollte ich mit von der Thannen eine neue Konstellation ausprobieren. Wir hatten ja zuvor nie zusammengearbeitet. Das Problem: Ich habe sehr genaue Vorstellungen von den Bildern. Und offensichtlich Probleme, jemand die Freiheiten zu gewähren, die ein von der Thannen nun mal braucht. Dabei mag ich seinen extremen Perfektionismus sehr gerne. Vor allem seine Kostüme finde ich grandios. Vielleicht klappt es ja ein anderes Mal.

Frage: Wenn Sie so perfektionistisch sind – hat es da jeder Bühnenbildner neben Ihnen schwer?

Herheim: Bei mir ist es undenkbar, dass der eine nur für dies oder die andere nur für jenes zuständig ist. Da mische ich mit, baue am Modell mit, liefere auch Skizzen. Andererseits lasse ich es nicht nur zu, sondern wünsche mir sogar, dass jeder sich in die dramaturgische Regieebene einbringt. Ich mag wirkliches Teamworking. Nur so, finde ich, kann der Anspruch eines gesamtkunstwerklerischen Ansatzes eingelöst werden.

Frage: Wie viel Aufwand steckt denn jetzt noch in dieser Vorbereitungsarbeit auf den „Parsifal 2010“?

Herheim: Es ist eine völlig andere Form von Intensivität. Natürlich ist man nicht mehr Tag und Nacht im Theater und macht sich Sorgen, wie man den Tag überleben soll. Im ersten Jahr sind es natürlich immens viele Probleme, die es zu bewältigen gilt. Andererseits bin ich jemand, der extrem genau weiß, was er will. Und ich kann auch meine Vision gut versprachlichen. In den ersten Wochen schaffe ich ein detailliertes Raster, in dem sich jeder Mitwirkende zunächst zurechtfinden muss. Da ist viel Disziplin gefragt. Aber dann, wenn jeder für sich entdeckt, welches Koordinatensystem bei einer solchen Arbeit entsteht, und erkennt, wie er den Raum ausfüllen kann, der ihm gegeben ist, beginnt Phase zwei. Da kann man dann aus dem Vollen schöpfen. Und die individuellen Möglichkeiten des Einzelnen herausarbeiten. Bei einer Reproduktion einer bestehenden Inszenierung hingegen hat man einen klar abgesteckten Rahmen. Und viele sind ja noch von den ersten Jahren dabei. Wenn dann die Neuen, die hinzukommen, eine sichere Basis für sich erarbeitet haben, muss man die Prozesse erneuern – und versuchen alle gemeinsam zu neuer Entfaltung zu bringen.

Frage: Haben Sie diese Arbeitsweise schon immer angewendet? Oder hat sich das nach und nach entwickelt?

Herheim: Das hängt natürlich auch vom Stück ab. Aber ich bin schon ein fanatischer Drehbuchautor. Und habe für jede Szene eine ganz klare Idee. Die aber immer im Laufe des Prozesses relativiert wird. Ich halte mir viele Optionen der Veränderung offen – wenn es denn dazu dient, zu noch besseren Ergebnissen zu kommen.

Frage: Goutieren Sänger diese Arbeitsweise?

Herheim: Das ist abhängig von den Künstlern. Ich erlebe, dass die meisten Sänger sehr froh sind, wenn sie mit jemand arbeiten können, der aus dem Vollen schöpft, eine klare Vision hat und sich bemüht, alle darauf einzuschwören. Natürlich ist das nicht leicht. Weil auch Sänger sich mitunter dem Neuen öffnen und sich womöglich von eigenen Vorstellungen verabschieden müssen.

Frage: Schlingensief und Neuenfels haben sich beide dahingehend erklärt, dass die Arbeit als Regisseur (in Bayreuth) extrem intensiv sei. Und sie an den Rand der Erschöpfung gebracht habe. Empfinden Sie das auch so?

Herheim: Ich gehe immer bis ans Limit. Und manche glauben schon, dass ich auf Koks sei, weil es immer weitergeht und ich in der Probenphase unaufhaltsam bin. Aber ich brauche kein Koks. Wenn ein Mensch ans Klavier geht oder ein Sänger den Mund aufmacht, dann schenkt mir das nicht nur viel, viel Kraft, sondern ich bekomme unmittelbar das Bedürfnis, mitzumachen. Das treibt mich an – und gibt mir Kraft. Allerdings muss man seine Kräfte auch entsprechend disponieren.

Frage: Aber mentale Stärke braucht es bei diesem Job wohl in Hülle und Fülle?

Herheim: Klar. Wobei man mit den Jahren auch eine gesunde Routine entwickelt. Das A und O aber ist, dass man ein gutes Team hat, das Halt bietet. Und Kraft gibt. Das Gute ist, dass bei dieser Arbeit sehr schnell ein geschützter Raum entsteht, in dem man sich aufgehoben fühlt. Man kommt da sehr schnell zusammen. Nach zwei, drei Minuten ist man per Du, nach einer halben Stunde redet man dann schon über Ängste, Krankheiten oder sexuelle Vorlieben.

Frage: Mal angenommen, Sie wären Festspielleiter in Bayreuth. Hätten Sie denn Ideen für dieses Festival? Was darf es? Was darf es nicht?

Herheim: Ein großes Thema! Grundsätzlich gilt es, Altbewährtes, Traditionelles zu bewahren. Und auch zu schützen. Der museale Aspekt dieses Hauses muss einfach erhalten bleiben. Aber natürlich immer im Rahmen dessen, was sich Richard Wagner für diesen Ort vorgestellt hat: Kinder, schafft Neues! Es braucht diesen geschützten Raum, damit neue Ansätze, neue Interpretationen, Diskussionen hier stattfinden können. Es braucht eine konstruktive Kontinuität.

Frage: Es wäre aber doch kindisch, hier, sagen wir, Verdi zu spielen.

Herheim: Intellektuell kann man sich mit vielen Gedankenspielen auseinandersetzen. Und auch darüber reden. Aber aus Bayreuth ein beliebiges Opernfestival zu machen, das wäre in der Tat absurd. Es ist ja auch kein Zufall, dass es in der Geschichte eigentlich nie Versuche gab, dieses Haus zu kopieren. Es war ein Experiment. Mit Chance und Risiken. „Parsifal“ funktioniert hier wunderbar, weil das Stück für dieses Haus geschrieben wurde. Während „Tannhäuser“, „Lohengrin“ oder die „Meistersinger“ teils problematisch sind. Neue Stücke schreiben für diesen Ort? Fände ich absolut interessant! Aber man muss immer fragen: Was geht? Und was hat man. Die Werke Richard Wagners – das sieht man am allgemeinen Spielbetrieb – bieten noch so viel Stoff für eine konstruktive Auseinandersetzung, dass man an diesem Erbe unbedingt festhalten sollte.

Frage: Es gehörte ja durchaus ein Stück Wahnsinn dazu, sich für seine eigenen Werke mitten in der Prärie ein eigenes Theater zu bauen. Schlingensief hat das ja nun, in Afrika, nachvollzogen. Treiben Sie solche Gedanken auch um? Zum Beispiel an einem einsamen Fjord in Norwegen Theater zu machen?

Herheim: In gewisser Hinsicht habe ich ja genau das gemacht. Ich habe ein Puppentheater mit einem eigenen Ensemble aufgebaut und war zwei Jahre lang überall in Norwegen, auch am abgelegensten Fjord, mit Opernliteratur unterwegs. Große Festspiele en miniature. Momentan bin ich aber so eingedeckt mit Arbeit – und das bis 2017 –, dass ich hierfür keine Zeit mehr hätte.

Frage: Insgesamt gesehen: Sehen Sie angesichts der vielen Finanz- und Strukturprobleme schwarz für das Theater?

Herheim: Ich sehe nicht schwarz. Ich sehe es genauso grau, wie es in Wirklichkeit ist. Aber das spornt mich an, aus dieser grauen Masse heraus immer etwas Eruptives zu schaffen. Egal, an welches Stück man herangeht oder an welchem Theater man arbeitet: Es ist jedes Mal eine einmalige Chance, etwas nie Gemachtes zu versuchen. Was nicht bedeutet, dass man provoziert nur um der Provokation willen. Nein: Es geht genauso um Besinnung. Und um die Liebe zur Tradition.

Foto: Lammel





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