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30.07.2010, 14:24 Uhr

 

Das wandelnde Wagner-Lexikon

Von Gunter Becker

BAYREUTH. Wenn Hermann Feistl die Zeit addiert, die er im Laufe seines Lebens in Bayreuth verbracht hat, so kommt er auf rund zwei Jahre. 24 Monate, um seiner großen Passion zu frönen. Die Musik Richard Wagners zieht den gebürtigen Münchner seit 54 Jahren in die oberfränkische Regierungsstadt. Und keinen Tag, den er im Festspielhaus verbringen durfte, hat er bisher bereut.

 

Hermann Feistl. Foto: Lammel


Man nenne ihm einen Sänger, frage ihn nach einer bestimmten Inszenierung oder gebe eine Jahreszahl vor: als wäre er ein wandelndes Wagner-Lexikon kennt Feistl zu allen Stichwörtern die richtige Antwort, fällt ihm eine hörenswerte Episode ein oder berichtet er andeutungsweise über die aufsehenerregenden Kuriositäten abseits des Hügels. Feistl lebt und liebt Wagner. Seit 1957 – „als ich noch ein junger Mann war“ – kommt Feistl nach Bayreuth. Jahr für Jahr pilgert er auf den Grünen Hügel, besucht die Premiere und weitere Aufführungen, bleibt immer 14 Tage in der Stadt. Und fast genauso lange – nämlich 50 Jahre – wohnt er immer im selben Hotel, dem Goldenen Hirsch. Immer im Zimmer mit der Nummer 33. Und immer wieder trifft er dieselben Menschen, die sich Jahr für Jahr für wenige Tage zu seiner Gruppe zusammenfinden, um gemeinsam ihre große Leidenschaft, Wagners Musik, zu genießen.

Infiziert wurde Feistl als ganz junger Mann am Radiogerät. In dieser Zeit, als es noch keinen Fernseher gab, lauschte er am Radio den großen Opern. „Ich hörte schon in meiner Jugend viele Klassiksendungen im Radio. Nach mehreren Wagner-Übertragungen war ich lange Zeit für anderes verloren“, erinnert sich Feistl. Vor allem „Siegfried“ und die „Götterdämmerung“ waren es, die seine Leidenschaft entfachten. Als ihm seine Eltern die Schallplatten schenkten, er die Opern wieder und wieder anhörte, hatte er nur noch einen Wunsch: Er wollte nach Bayreuth, um die Interpretin Astrid Varnay zu erleben. Doch nicht eine seiner beiden Lieblingsopern sollte seine ganz persönliche Festspielpremiere werden, sondern „Tristan und Isolde“. Und erneut erlebte Feistl eine Erleuchtung der musikalischen Art: „Die Sängerin der Isolde kannte ich nicht, aber der erste Akt beeindruckte mich vor allem durch die Strahlkraft ihrer Stimme. Ab dem zweiten Akt war ich dann für lange Zeit und wahrscheinlich für immer an die ,Tristan‘-Musik ausgeliefert. Auch zu Hause hörte ich nur noch ,Tristan‘ und war süchtig nach dieser Musik.“

Freundschaft fürs Leben

Dieser ersten Begegnung mit Isolde alias Birgit Nilsson sollten noch weitere folgen: Aber nicht in Bayreuth geschah das eigentlich Unmögliche, sondern in München, Feistls zweiter musikalischer Heimat. Nach einer Aufführung traf er seine – rein musikalisch – Angebetete in einem Restaurant; man kam ins Gespräch, fachsimpelte und ging in Freundschaft auseinander. Eine mit Glückwunsch- und Weihnachtskarten sowie persönlichen Fotos von Birgit Nilsson geschmückte Wand in seiner Wohnung in Passau hält die Erinnerung wach an die jahrelange Freundschaft mit der großartigen Sängerin.

Feistl liebt das Konstante in seinem Leben: das immer selbe Hotel, das immer selbe Zimmer. Musikalisch jedoch mag er die Erneuerung, die Fortentwicklung. „Als ich nach Bayreuth kam, war ich gänzlich unvoreingenommen. Ich wurde von den Inszenierungen Wieland Wagners geprägt, der mit dem früheren Inszenierungsstil gebrochen hatte und mit wenigen Gegenständen auf der Bühne, aber großer Lichtwirkung arbeitete. Allein sein ,Tristan‘ ist für mich auch heute noch das Eindrucksvollste, was ich je in Bayreuth erleben konnte. Wieland war ein Genie, sein ,Tristan‘ inszenierte Musik“, erinnert sich Feistl.

Seit einigen Jahren ist dem in Passau ansässigen Feistl der Musikgenuss wichtiger als die Kritik. Was daran liegt, dass viele Mitglieder der Gruppe heute aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr kommen oder einfach nicht mehr leben, die gemeinsame Aufarbeitung des gerade Erlebten bei einem späten Abendessen nicht mehr möglich ist. „Ich habe mir nun abgewöhnt, mich über eine misslungene Regie zu ärgern und gelernt, mich speziell auf die musikalische Interpretation zu konzentrieren, sofern diese gut gewesen ist.“

Vieles hat sich verändert in Bayreuth in den vergangenen 54 Jahren. Die Geschäfte ähneln denen in anderen Städten – „die Innenstädte, auch die Bayreuther, sind heute austauschbar“ –, viele Weggefährten sind gestorben. Nur die Musik Richard Wagners ist geblieben. Dass nicht mehr Wolfgang Wagner die Festspiele leitet, sondern seine beiden Töchter – das ändert für Feistl nichts an seinen Zukunftsplänen: So lange es seine Gesundheit zulassen wird, so lange wird er jedes Jahr zwei Wochen in Bayreuth verbringen, wird möglichst viele Inszenierungen besuchen. Und sollte er einen Wagner-freien Abend haben, wird er die Freizeit mit einem Gang ins Stadtbad füllen. Die Temperaturen der dortigen Sauna dürften denen im Festspielhaus an einem heißen Sommertag kaum nachstehen.



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