BAYREUTH. Das hat was von Urgewalten, wie sich dieser Beifall entlädt. Wie ein Vulkanausbruch, wie ein akustischer Tsunami brandet er mit seinem Bravosturm durch das Innere des Bayreuther Festspielhauses.
Frank Philipp Schlößmann hat das Bühnenbild für die "Ring"-Inszenierung von Tankred Dorst entworfen. Foto: Nawrath/Bayreuther Festspiele
Und selbst wenn man konzediert, dass der erste Aufzug der „Walküre“ schon aufgrund durchkomponierter Steigerung – wie eine überdimensionale Stretta in der italienischen
Oper – mehr emotionalisiert als vieles andere von Wagner, so ist doch dieser Premierenabend besonders. Das hat vor allem etwas zu tun mit stimmlicher Brillanz. Endlich wieder ein Siegmund,
der das Wälsungenblut vokal erblühen lässt. Oder wie es Thomas Mann in seiner gleichnamigen Novelle beschrieben hat: „… die Musik drehte sich in einem tosenden,
brausenden Wirbel reißender Leidenschaft, drehte sich, drehte sich und stand mit gewaltigem Schlage still!“ Dieser „brausende Wirbel reißender Leidenschaft“
gehört in vokaler Hinsicht Johan Botha. Dass der südafrikanisch-österreichische Tenor geradezu eine Erlösung für diese „Walküre“ bedeutet, zeigt auch der
gewaltige Applaus. Leider ereignet sich das alles erst im Finaljahr dieser Produktion. Und leider, so möchte man ergänzen, stirbt Siegmund schon mit dem zweiten Aufzug … Bothas
flutender, ebenso geschmeidiger wie gestählter Tenor, seine außerordentliche Kunst, Töne an- und abschwellen zu lassen und nicht zuletzt vor allem seine exzellente Passage, jener
schmale Übergangsbereich zwischen Mittellage und Höhe, machen seinen Siegmund zu den Bayreuther Interpreten dieser Partie der letzten Jahrzehnte absolut konkurrenzfähig.
Stimmlich. Dass seine Optik nicht ganz mit dem Idealbild des „freien Helden“ übereinstimmt, muss man hinnehmen. Aber was ist schon ganz ideal – auch in Bayreuth?
Die Sieglinde Edith Hallers hat Annäherungswerte, vor allem gefällt sie dem Publikum. Ihr jugendlich-frischer, leichter Sopran neigt indes in der Höhe zum Flackern, und so fehlt es
ihr ein bisschen an Innerlichkeit. Ihr „O hehrstes Wunder“ im dritten Aufzug wirkt reliefartig und vertrüge bei aller notwendigen Dramatik mehr lyrische Nuance – und
Deutlichkeit. Auch Kwangchul Youns Stimmenprofil ist ideal zugeschnitten – auf einen perfekt artikulierenden Hunding.
Abstriche gilt es zu machen bei Mihoko Fujimuras zänkischer Fricka, weil ihr Mezzosopran oft allzu grell, schrill klingt. Schrille, teilweise ins Inhomogene tendierende Aufgeregtheit
kennzeichnet auch das Walküren-Oktett (Sonja Mühleck, Anna Gabler, Martina Dike, Simone Schröder, Miriam Gordon-Stewart, Wilke te Brummelstroete, Annette Küttenbaum, Alexandra
Petersamer).
Und dann wird es schwierig für den Kritiker. Albert Dohmens Wotan hat fraglos zwischendurch vereinzelte schöne Momente. Aber für Minimalismus ist die Partie nicht erdacht. Gerade der
„Walküren“-Wotan braucht große stimmliche Tragfähigkeit, Kondition und Autorität. Dohmen dagegen verlegt sich in den erzählerischen Passagen („Als junger
Liebe Lust mich verblich“) auf einen fast stimmlosen Sprechgesang, wohingegen seine großen dramatischen Momente im – keineswegs zu lauten – Orchesterklang unterzugehen
drohen.
Dass Linda Watson auch im Finaljahr dieses „Rings“ die Brünnhilde geben darf, mag ein schönes Geschenk für sie sein. Nicht für den Zuhörer:
Übermäßig tremolierender Kraftgesang versus Intonation – das ist keine gute Basis für eine überzeugende Brünnhilde.
Schade, sie hat die Zeit für einen würdigen Abgang wohl verpasst. Das ist umso bedauerlicher, als Christian Thielemanns „Walküre“-Dirigat doch jede Menge berückender
instrumentaler Schönheiten besitzt. Er und das emotional aufwühlend spielende Festspielorchester suchen immer wieder nach dem kammermusikalischen Nukleus in dieser lyrischsten aller
„Ring“-Musiken. Und auch wenn der große Spannungsbogen nicht immer bis ins Letzte durchgehalten werden kann, so spürt man doch, wie Thielemann gerade mit der
„Walküre“ beweisen will, wie berückend unpathetisch diese Musik jenseits des Walkürenritt-Klischees doch sein kann.
Irgendwie passt das auch zu Tankred Dorsts Querschnitt-Sicht auf die Handlung. Jetzt, im letzten „Ring“- Jahr, erweitern er und seine mitinszenierende Frau Ursula Ehler noch einmal den
Beziehungsreichtum der Handlung mit szenischen Querverweisen. Da blickt Wotan zu Beginn des ersten Aufzugs zum Beispiel in Hundings Hütte auf den gehetzten Siegmund, ebenso wie er die Flucht
des Wälsungen-Geschwisterpaares verfolgt – schließlich ist das ja alles seine Dramaturgie. Oder auf Siegmund richtet sich ein Lichtkegel von oben, wenn ihm Brünnhilde den
bevorstehenden Tod verkündet. Dass Inszenieren indes mehr bedeutet, als nur optische Fußnoten zu setzen und ein paar mehr Bezüge zu schaffen – darüber kann auch dieser
„Erste Tag des Bühnenfestspiels“ nicht hinwegtäuschen. Und so behält Frank Philipp Schlößmanns Bühnenlandschaft unter atmosphärischer Mitwirkung von
viel, viel Trockeneis vor allem illustrativen Charakter.
Bis hin zum Feuerzauber. Aber das hatten wir ja schon im Vorjahr besprochen: Stimmungsvoll ist das Finale auf jeden Fall. Gute Voraussetzungen für den Bayreuther Public-Viewing-Abend am 21.
August mit der „Walküre“. Aber bitte: Feuerzeuge zu Hause lassen …
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