BAYREUTH. Der Ruf, der ihm vorauseilt, ist gigantisch. „Lance Ryan ist vielleicht einer der überzeugendsten Siegfriede dieser Zeit“, schrieb beispielsweise das Opernglas Anfang 2008. Nun endlich feiert der Kanadier sein Bayreuth-Debüt in Tankred Dorsts „Ring“ – natürlich als Siegfried. Was er von dieser Partie hält, wie er sie singen will, das erzählt Ryan im Kurier-Interview.
Frage: Jung Siegfried ist ein forscher Typ. Kühn, der Natur verbunden, wissensdurstig. Erkennen Sie da Parallelen zu Ihrer eigenen Jugend?
Lance Ryan: Ich bin auf dem Land in Kanada aufgewachsen. Und damals gab es ja noch richtig viel Wald, in dem die Vöglein sangen, verschlungene Wege – und meinen Entdeckerdrang. Ich habe
sogar ein paar Erfahrungen mit Bären gemacht. Nur Drachen bin ich nie begegnet. Und leider, leider, hatte ich auch kein Schwert (lacht). Das sind wahrscheinlich die wichtigsten
persönlichen Erfahrungen, die ich in die Rolle einbringen kann.
Frage: Würden Sie sich auch heute noch als naturverbundenen Menschen bezeichnen?
Ryan: Meine Frau und ich leben in diesem Sommer nahe Scheßlitz – in einem Schloss. Und verbringen die freie Zeit, die uns bleibt, sehr häufig mit Spaziergängen in der
wunderschönen Natur. Und wenn wir in Kanada sind, machen wir gerne Camping in der Wildnis. Das ist ein schönes Kontrastprogramm zu meinem Beruf, wo ich ja fast immer in großen
Städten unterwegs bin.
Frage: Sie debütieren in Bayreuth mit dem Siegfried, mit dem Sie zuvor schon andernorts große Erfolge gefeiert haben. Was gibt Ihnen diese Rolle? Was macht sie besonders, was macht sie
schwer?
Ryan: Natürlich ist die Sprache eine besondere Herausforderung – gerade weil ich kein Muttersprachler bin. Ansonsten liegt die Rolle gut in meiner Stimme – es ist nicht zu hoch und
nicht zu tief. Und die Länge der Partie macht mir nicht wirklich etwas aus. Ich habe lange Partien schon immer gemocht, weil ich sie gut aushalten kann. Natürlich war es ein gewisses
Risiko, als ich die Partie 2006 zum ersten Mal in Karlsruhe gesungen habe. Aber ich bin das sehr ernsthaft angegangen. Und nach diesen Erfahrungen habe ich viel daran gearbeitet. Und immer wieder
neu gelernt. Wagner hat in diese Rolle so unglaublich viele Ebenen gelegt, dass es als Künstler immer wieder Neues zu entdecken gibt. Das ist eine faszinierende Aufgabe, die einen jedes Mal
neu fordert.
Frage: Und wenn Sie nun vergleichen – „Siegfried“ und „Götterdämmerung“. Was ist Ihnen lieber?
Ryan: Der junge Siegfried ist konstanter. In der Stimmlage, in der Art, wie die Partie geschrieben ist. In der „Götterdämmerung“ fängt man mit einem schönen Duett an
– das erinnert mich fast an Puccini. Und dann geht’s zur Gibichungenhalle – da ist dann der dramatische Tenor gefragt. Am Ende der Szene nähert man sich dann fast dem Bariton
an. Im zweiten Akt wird es dann wieder dramatisch, fast schon wieder lyrisch – heldenhaft. Und auch im dritten Akt wird es sehr abwechslungsreich. Kurzum: Im „Siegfried“,
könnte man sagen, hat man es mit einem Stimmfach zu tun, in der „Götterdämmerung“ sind ganz viele verschiedene Arten des Singens gefragt. Das finde ich sehr schön
– weil man es sonst nicht so häufig hat.
Frage: Wenn Sie nun sagen, Sie haben ein großes Durchhaltevermögen – ist das ein Naturtalent? Ist Singen ein Hochleistungssport?
Ryan: Mein früherer Lehrer Carlo Bergonzi hat mir immer eingetrichtert, dass ich immer lyrisch singen solle – auch wenn man Othello oder Wagner singt. Ich habe in den letzten Jahren die
Erfahrung gemacht, dass er recht hat. Deshalb bemühe ich mich – unabhängig von der besonderen Farbe, die einzelne Partien verlangen – immer eher lyrisch zu singen. Und mit
einer guten, gesunden Stimmtechnik. Dann fühle ich mich am wohlsten und bringe die beste Leistung. Ich hatte am Anfang so meine Zweifel, ob ich mit dieser Haltung beim Siegfried Erfolg haben
würde. Weil viele sich für diese Partie doch eher einen dunkleren, einen Heldentenor erwarten. Umso erfreuter war ich, dass ich mit der Partie richtig schöne Erfolge feiern
konnte.
Frage: Sie haben den Siegfried jetzt vermutlich mehr als 20-mal gesungen. Gibt es da noch die ganz große Nervosität? Oder ist alles Routine?
Ryan: Routine gibt es da wohl niemals. Aber: Ich vertraue meiner Stimme, weiß, was ich brauche und tun muss. Und doch muss man ständig an sich arbeiten, sich auf den jeweiligen
Dirigenten einstellen, an der Aussprache arbeiten. Wobei ich unglaublich gerne mit Herrn Thielemann zusammenarbeite.
Frage: Was macht ihn denn so besonders?
Ryan: Er hat ein untrügliches Gespür dafür, was dieses Stück ausmacht. Ich kann das gar nicht erklären. Aber als ich die „Walküre“-General- probe erlebt
habe, habe ich zu mir gesagt: Ja, das stimmt, so muss es sein. Einzigartig!
Frage: Wie kommen Sie mit der besonderen Bayreuther Akustik zurecht?
Ryan: Es ist sehr einfach hier, die eigene Stimme zu hören. Das gibt Sicherheit. Aber was man vom Orchester hört, unterscheidet sich doch sehr stark von anderen Häusern. Hörner
und Posaunen hört man fast gar nicht. Und wenn du von ihnen bei Einsätzen abhängst, wird das schwierig. Dafür sind die Geigen sehr stark zu hören. Daran muss man sich eben
gewöhnen. Ich liebe diese Akustik. Ich habe vor vier Jahren hier mal den „Parsifal“ im Zuschauerraum erlebt – das war unglaublich. Diese Erfahrung werde ich nie vergessen.
Man spürt förmlich, dass dieses Werk für dieses Haus geschrieben wurde.
Frage: Haben Sie die Sorge, dass Sie nun, nach Bayreuth, endgültig im Wagnerfach gefangen sein werden?
Ryan: Das wäre, in gewisser Weise, eine Gefahr. Weil meine Stimme tatsächlich auch für andere Werke gut geeignet ist. Zum Beispiel – wegen meiner Spitzentöne –
für Puccinis „Turandot“, die ich zuletzt im Mai in Amsterdam gesungen habe. Das passt sehr gut zu mir. Deswegen versucht meine Agentur auch, immer auch die lyrischen Partien
anzunehmen. Ich möchte da sehr gerne eine gewisse Balance halten.
Frage: Haben Sie schon alle Wagnerpartien einmal gemacht?
Ryan: Es fehlt noch „Meistersinger“, „Parsifal“, „Tristan“ und „Tannhäuser“. „Tannhäuser“ werde ich sicherlich früher oder
später machen, den „Tristan“ vielleicht nie.
Frage: Warum?
Ryan: Ich würde mir die Partie zwar zutrauen, aber mit meiner Stimmfarbe – ich weiß es nicht. Da braucht es wohl eher eine reife, baritonale Stimme. Was nicht so ganz dem Charakter
meiner Stimme entsprechen würde. Vielleicht in zehn, 15 Jahren, vielleicht aber auch nie.
Frage: Wie entspannen Sie neben der ganzen Singerei, was sind Ihre Hobbys?
Ryan: Wie gesagt: In der Natur unterwegs sein. Und ich lese leidenschaftlich gerne. Früher habe ich auch viel Sport getrieben. Heute fehlt mir dafür leider häufig die
Gelegenheit.
Frage: Wo sind Sie zu Hause?
Ryan: Eigentlich in Karlsruhe. Aber man ist eben doch ständig unterwegs. Dabei mag ich die Herumreiserei nicht. Deshalb versuche ich mich möglichst häufig in Europa
aufzuhalten.
Frage: Ihre Frau ist ja auch Sängerin ...
Ryan: Richtig. Manchmal geben wir gemeinsam Konzerte oder treten bei Benefizveranstaltungen auf. Ich engagiere mich gerne für junge Künstler – die brauchen immer Unterstützung.
Früher wurde mir auch mal über Stipendien geholfen – jetzt kann ich etwas zurückgeben.
Frage: Gibt es für Sie nur klassische Musik?
Ryan: Als ich jünger war, habe ich ab und zu auch mal Rockmusik gehört – Led Zeppelin oder Pink Floyd. Aber heute ist mir Rockmusik fast zu aggressiv. Und auch früher habe ich
schon gerne klassische Musik gehört. Ich habe ja mit zwölf Jahren begonnen klassische Gitarre zu lernen. Ich mag einfach klassische Musik. Das Interesse am Singen und an der Oper ist bei
mir eigentlich durch die drei Tenöre geweckt worden. Danach nahm alles seinen Lauf.
Frage: Lesen Sie Zeitungskritiken?
Ryan: Früher schon, heute nicht mehr. Man liest ja vor allem, was ein Einzelner gehört haben will. Und ich weiß doch sehr genau, wie ich gesungen habe. Was gut und was schlecht war.
Sicherlich sind Kritiken gut für das Publikum – und sie gehören wohl auch zum Geschäft. Aber ums Geschäft kümmere nicht ich mich, sondern meine Agentur. Die schicken
mir manchmal Kritiken – aber niemals schlechte (lacht). Ich als Künstler brauche das nicht. Als Künstler bist du gezwungen, Abend für Abend zu experimentieren. Und ein Angebot
zu machen. Ob das passt, ob das stimmt oder nicht – wer kann das schon sagen?
Frage: Und das Publikum?
Ryan: Klar, das will und muss urteilen. Völlig okay – ich hoffe nur immer, dass die Zuhörer offen in eine Vorstellung gehen. Und nicht mit einer vorgefertigten Meinung.
Dies ist eine Nachricht aus unserem Archiv. Es können daher keine neuen Kommentare verfasst werden.
Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich bei der Community registrieren und einloggen.