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29.07.2010, 11:48 Uhr

 

Ihrem Ende eilen sie zu

Von Alexander Dick

BAYREUTH. „Das Rheingold“, Vorspiel. Nirgendwo fluten die Es-Dur-Wogen des Rheins so eindringlich wie in Bayreuth. Dabei konnte Richard Wagner sein „Rheingold“-Vorspiel überhaupt nicht in Kenntnis der Festspielhausakustik geschrieben haben.

 

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Doch die physikalisch bedingten Klanginterferenzen scheinen gerade durch diese eine vollendetere Wirkung zu entfalten als anderswo. Als schwängen hier noch mehr Obertöne mit als die theoretisch ohnehin bereits unendlich vielen … Solches beherrschen Christian Thielemann und das Festspielorchester schon perfekt: Klangmalerei, die sich aus dem Nichts entwickelt. Delikate instrumentale Zurückhaltung, kein Forcieren der Töne, allerdings nie Ausschöpfen ultimativer Steigerungsmöglichkeiten.

Erste Szene.

Im Grunde ein beeindruckendes Bild. Das Flussbett des Rheins mit gewaltigen Kieselsteinen, weit darüber die schillernde Wasseroberfläche, in der sich immer wieder schwimmende, anmutige, nackte Nymphen mit auffallend buschigem Schamhügel spiegeln. Vielleicht eine verborgene Botschaft? Jetzt, im wirklich letzten Jahr von Tankred Dorsts „Ring“-Inszenierung, kommt mir auf einmal diese abstruse Frage in den Sinn. Weshalb? Weil sich jenseits des Dekorativen so wenig ereignet bei diesem „Rheingold“-Beginn, der doch einst so vielversprechend schien?

Statisch die drei Rheintöchter (Christiane Kohl, Ulrike Helzel, Simone Schröder), obendrein im Zusammenwirken untereinander und mit Orchester heftiger tremolierend und weniger homogen als in Bayreuth wünschenswert. Dazu noch ein paar sich tummelnde Statistinnen in hautengen, metallicfarbenen Ganzkörperanzügen zwischen den Steinen und dieses merkwürdige Krötenwesen Alberich, das der Liebe ohne szenisch erkennbaren Grund abschwört – so richtig ärgern tun sie ihn ja alle nicht.

Unmotivierter denn je das Ganze, und ich ertappe mich jetzt schon beim Abschweifen der Gedanken. Der Raub des Goldes, wie halbherzig ist das alles inszeniert. Ja, das ist Behauptungstheater. Theater, das von sich behauptet, solches zu sein. Den Beweis aber bleibt es auch auf der Zielgerade schuldig.

Zweite Szene.

Dieser Durchgangsort mit Straßenlaterne, Graffiti an den Mauern, der Rückseite einer großen Werbetafel, was sollte er eigentlich sagen? Frank Philipp Schlößmanns Talent für Räume des Alltags mit Symbolcharakter sei unbestritten. Aber der interessanteste Raum bleibt Vakuum, wenn er nicht mit Regie erfüllt wird.

Dorst und Ehefrau Ursula Ehler aber kreieren Tableaus – man steht irgendwie herum in den dekorativen, ebenso mythischen wie poppigen Kostümen von Bernd Ernst Skodzig. Und zur Vernetzung des Ganzen mit unserer – gottlosen – Welt latscht dann immer mal wieder so eine Type aus der Gegenwart über die Bühne. Hier einer, der Graffiti fotografiert. Und weiter? Da muss der Rauchkringel, der aus Loges wandernder Flamme aufsteigt, schon als großer Einfall gewertet werden. Erheiterung im Publikum.

Ganz so wie in den Vorjahren allerdings überzeugt Arnold Bezuyen mit dieser Partie nicht mehr; vieles klingt verhaltener, uninspirierter. Festspieldurchschnitt: die Götter Donner (Ralf Lukas) und Froh (Clemens Bieber). Angenehm präsent dagegen die energische Stimme Mihoko Fujimuras, der die Fricka weit besser liegt als die Erda im Vorjahr; und auch die Freia von Edith Haller hat Biss. Bestechend schließlich die Riesen Fafner (Diógenes Randes) und Fasolt (Kwangchul Youn), auch dank ihrer guten Artikulation und Legato-Sangeskunst.

Dritte Szene.

Wieder ein unendlich langer Zwischenvorhang, dahinter hörbarer Szenenwechsel. Genau das, was Wagner nicht wollte. Nibelheim, die moderne Industrieanlage mit Hausmeister und eingebauter Grotte samt Goldschatz. Hauptsache illustrativ. Aber warum bloß wirkt dieser „Ring“-Vorabend noch immer so halbherzig, unausgegoren?, frage ich mich. Selbst die bühnenwirksamen Alberich-Verwandlungen unter Zuhilfenahme von ordentlich Bühnennebel wirken lieblos und ungenau getimt. Wolfgang Schmidts Mime bringt ein bisschen charaktertenorale und spielfreudige Farbe in dieses Bühneneinerlei. Schade, dass der Hausmeister nach Alberichs Gefangennahme nicht noch mal nach dem Rechten sehen darf ...

Vierte Szene.

Endlich. „Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich wähnen.“ Davor aber ist die Rückkehr der Kidnapper in die „freie Gegend auf Bergeshöhen“ angesagt. Und es verwundert mich wenig, dass auch diese keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Auch hier wieder – Behauptungstheater, Herumstehtheater, Illustration des Mythos in Bildern, denen es an Überzeugungskraft mangelt. So bleibt es an Andrew Shore, mit seinem – Alberichs – Fluch wenigstens musikalisch zu fesseln.

Nicht ganz so expressiv wie im Vorjahr (besonders in der dritten Szene) gelingt ihm hier wieder ein – wagnerisch gesprochen – „geifernder“, elektrisierender Ausbruch. Freilich, deutlichere Textverständlichkeit wäre kein Fehler, was mindestens ebenso für den Walvater gilt. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Albert Dohmen ist ein Wotan ohne Eigenschaften, ohne Pathos, ohne Leidenschaftlichkeit, aber auch ohne lyrische Geschmeidigkeit. Alles irgendwo dazwischen – ganz im Gegensatz zur überaus achtbaren Erda Christa Mayers mit ihrem dunkel grundierten, angenehm timbrierten Stimmfundament.

Hier, wie überhaupt in der vierten Szene, weichen Christian Thielemann und das spielstarke Festspielorchester auch vom bislang vorherrschenden lyrischen Erzählfluss ab und brechen die Partitur stärker auf, lassen die Amplitude kräftiger nach oben und unten ausschlagen. Trotzdem kann auch das nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses „Rheingold“ wenig Spuren in der Festspielgeschichte hinterlassen wird. „Alles, was ist – endet!“, belehrt uns die weise Erda. Man muss darüber nicht immer traurig sein.




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