BAYREUTH. Regisseur Hans Neuenfels eilt ein Ruf voraus und so stellt ein Mitarbeiter der Markgrafen-Buchhandlung gleich einmal einen Aschenbecher bereit. Die missbilligenden Blicke Anwesender – Rauchen! Zwischen Büchern! – kommentiert der Buchhändler mit entschuldigendem Schulterzucken. „Wenn er nicht raucht, wird er nervös.“
„Lohengrin“-Regisseur schreibt in geistreicher Sprache über seine Begegnungen mit Regisseuren. Am Dienstag las er aus diesem Buch. Das Interesse war groß. Foto: Lammel
So viel Vorsorge hätte es gar nicht gebraucht: „Lohengrin“-Regisseur Hans Neuenfels wird sich im Laufe der rund einstündigen Lesung aus seinem Buch „Wie viel Musik
braucht der Mensch? Über Oper und Komponisten“ keine einzige Zigarette anstecken. Unaufgeregt legt er seinen gepunkteten Seidenschal zur Seite, lächelt leise, als ihn der Chef der
Markgrafen-Buchhandlung, Rolf J. Geilenkirchen, als „letzten überragenden Opernrevoluzzer, der verzaubert und provoziert“, vorstellt und in Anspielung an Neuenfels’
Inszenierung schnell noch ein Heine-Gedicht rezitiert („Es gibt zwei Sorten Ratten: die hungrigen und satten“). Dann greift Neuenfels zum Mikrofon. Er will nicht groß plaudern an
diesem Vormittag, er will lesen.
Ein bisschen spät
Zwei Kapitel trägt der 69-Jährige aus seinem Buch vor, zwei Essays, die von Begegnungen zwischen ihm und Komponisten erzählen. Diese Begegnungen beschränken sich nicht, wie man
vielleicht meinen möchte, auf Begegnungen Neuenfels’ mit den Werken dieser Komponisten. Nein, Neuenfels ist den Komponisten (im Fall der zwei vorgetragenen Essays Verdi und Richard
Wagner) leibhaftig begegnet. Sagt er. Im Traum. So wie anderen Menschen die Mutter Gottes erscheine, erscheinen ihm Verdi, Wagner, ja sogar Mozart. Obwohl der ja sehr scheu sein soll. Mit Verdi
trank Neuenfels gleich mehrmals Wein, Wagner begegnete ihm bei seinem ersten Besuch im Bayreuther Festspielhaus vor drei Jahren. Ein bisschen spät, fand Richard Wagner. Aber nun ist er ja
da.
Es ist eine unglaublich philosophische Sprache, mit der Neuenfels seine Begegnungen schildert, geistreich und witzig gleichermaßen. Wenn sein Publikum laut lacht, über Neuenfels’
Erlebnisse auf der Zugfahrt nach Bayreuth oder die pikierte Reaktion seiner Frau, die Verdi so gerne vorgestellt worden wäre, muss Neuenfels selbst schmunzeln.
Am Ende dann plaudert Neuenfels doch noch ein bisschen. Beispielsweise über seine Arbeit in Bayreuth, die ihm „große Freude“ gemacht habe. Er beschwört auch hier den
Geist – „wenn wir uns kaputtschufteten, wussten wir warum und wofür wir das taten“. Er spricht von Abenteuer auf außergewöhnlichem Gebiet. Nur die Probenzeit, die
sei doch viel zu kurz. Die müssen die „zwei Schwestern“ ausdehnen. Jetzt hofft er mit dem Publikum, das seinen „Lohengrin“ gesehen hat, auch ins Gespräch zu
kommen. Über sein Konzept spricht er dagegen ungern. Nur so viel: Ihm gehe es um die große Geschichte von Liebe und Verlust der Liebe und die Frage nach der eigenen Identität.
Richard Wagner, um noch einmal auf die Erscheinungen zurückzukommen, hat Neuenfels einen Brief hinterlassen. In dem schreibt er: „Hoffentlich haben Sie noch genügend Zeit, mein Werk
zu verstehen!“
Die Lesung endet mit einer Weinverkostung.
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