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27.07.2010, 09:00 Uhr

 

Glücksgefühle auf dem Bretterboden

Von Gert-Dieter Meier

BAYREUTH. Ein Mann wie ein Fels. Ausgestattet mit einer wunderbaren Stimme, die keine Hürden zu kennen scheint. Johan Botha (44) zählt zu den gefragtesten Sängern der Gegenwart.

 

Johan Botha. Foto: Lammel

Nachdem er 1990 im Festspielchor gesungen hat, kehrt er nun als Solist auf den Grünen Hügel zurück. Mit Spannung erwarten viele sein Bayreuthdebüt als Siegmund. Der Kurier sprach mit dem Südafrikaner, der nicht nur gerne lacht, sondern auch freimütig bekennt, dass ihn Musik zum Weinen bringen kann, über seine außergewöhnliche Karriere.

Frage: Sie sind in Südafrika geboren. Sind Sie denn, so kurz nach der WM, auch ein Fußball-Fan?

Botha: Als ich 1990 hier im Bayreuther Festspielchor gesungen habe, habe ich erfahren, wie wichtig das Thema Fußball hierzulande ist. Ich habe damals bei Familie Hübsch in Bayreuth gewohnt – das waren große Fußball-Fans. Damals war ja die WM in Italien. Damals habe ich zum ersten Mal Fußball geschaut. Zwischenzeitlich sind meine Söhne und ich richtige Fans.

Frage: Glauben Sie, dass dieses Weltereignis für Südafrika und die Menschen, die dort leben, wichtig war?

Botha: Ungeheuer wichtig sogar. Die Welt weiß jetzt, wo Südafrika liegt, wie es dort aussieht, wie die Menschen dort leben. Es ist ein wunderschönes Land. Und es lohnt sich, dort Urlaub zu machen. Wichtig aber war diese WM vor allem für die Menschen, die dort leben. Wie nach der Rugby-WM sind die Menschen durch dieses Ereignis zusammengewachsen. Ich bin froh, dass alles friedlich abgelaufen ist.

Frage: Wie sind Sie zum Sänger geworden – sind Sie in einer musikalischen Familie groß geworden?

Botha: Nein, ich war der einzige Verrückte, der diesen Weg eingeschlagen hat (lacht). Mein Vater und mein Großvater mütterlicherseits haben klassische Musik geliebt. Ich bin 1965 geboren. Damals gab es in Südafrika kaum eine große Rockmusikszene. Überhaupt gab es nur zwei Radiosender. Und auf einem lief eben vor allem klassische Musik. Mein Vater hatte zudem viele Schallplatten gekauft, die bei uns zu Hause oft liefen. Und so begann ich diese Musik mitzusingen. Sehr zum Leidwesen meines Vaters, der mich immer mal wieder mahnte, endlich die Klappe zu halten (lacht). Da war ich fünf Jahre alt. Andererseits hatte er nichts dagegen, als unser Pfarrer nach einem Hausbesuch meiner Mutter empfohlen hatte, mir Gesangsunterricht geben zu lassen. Da war ich zehn Jahre alt. Und so hat alles begonnen. Nach dem Abitur und meiner Militärzeit ging ich dann zur Opernschule. Und dann ging es richtig los.

Frage: Wenn man bei Wikipedia über Johan Botha liest, steht da, dass Sie ein echtes Stimmphänomen seien. Ich zitiere: „Botha gilt aufgrund seiner technischen Beherrschung als Stimmphänomen, das heute praktisch ohne Vergleich ist. Trotz seiner großen dramatischen Stimme kann er auch die schwierigsten dynamischen Vorschriften einer Partie im Pianobereich mühelos befolgen und reüssiert gleichermaßen im italienischen und deutschen Repertoire wie sonst kein Sänger in der heutigen Opernwelt.“ Ist das eine Gabe der Natur oder ist es harte Arbeit, zum Phänomen zu werden?

Botha: Ich würde sagen: Richard Wagner meint, es sind immer zehn Prozent Talent und 90 Prozent Arbeit. Wie viel auch immer: Der Großteil ist tägliche harte Arbeit. Ich hatte aber auch das große Glück, schon in Südafrika zwei tolle Lehrer zu haben. Und auch jetzt habe ich mit Ira Hartmann in Berlin schon seit 18 Jahren eine hervorragende Lehrerin. Sie ist einerseits eine sehr freundliche Dame. Aber sie hat ein unglaubliches Gehör – und korrigiert mich gnadenlos, wenn ich mal einen Fehler mache. Und diese Kontrolle hilft mir ungeheuer weiter. So wie man sein Auto in die Werkstatt bringt, mache ich das Feintuning mit Frau Hartmann.

Frage: Sie haben ja schon angedeutet, dass Sie schon mal in Bayreuth gesungen haben – 1990 im Chor der Bayreuther Festspiele. War das eine große, wichtige Erfahrung für Sie?

Botha: Natürlich war es eine aufregende Erfahrung. Vor allem aber war es ein Sprungbrett, um aus Südafrika wegzukommen. Da gab es keine Perspektive für einen Wagnertenor. Mein damaliger Lehrer hat mir den Weg nach Bayreuth geebnet – nachdem ich stimmlich einiges durchgemacht habe: Nach dem Stimmbruch war ich Bass-Bariton, dann kletterte meine Stimme urplötzlich in die Höhe. Und innerhalb von wenigen Monaten war ich dann ein Tenor. Zwar habe ich auch danach die tieferen Register beibehalten, aber der Weg ins Tenorfach war geebnet. Gleichzeitig habe ich mich auch auf das italienische Fach vorbereitet. In Bayreuth – ich habe damals im Chor „Lohengrin“, „Parsifal“, „Holländer“ und „Götterdämmerung“ gesungen – habe ich tatsächlich sehr viel gelernt. Einen Monat später hatte ich dann meinen ersten Vertrag in Hagen. Und so begann meine Solokarriere.

Frage: War Ihnen damals schon klar, dass Sie hierher noch mal zurückkehren wollten?

Botha: Es war sicherlich eine Zeit lang ein großer Wunsch, hier eingeladen zu werden. Das ist leider dann nicht in Erfüllung gegangen – aus welchen Gründen auch immer. Ich habe aber die großen Wagnerpartien an allen großen Häusern der Welt gesungen – an der Scala, in Wien, in Covent Garden oder an der Met. Nur eben in Bayreuth nicht. Mittlerweile habe ich aber meine Karriere und mein Leben so eingeteilt, dass ich mir die Sommer möglichst freihalte, um Zeit für meine Frau und meine beiden Söhne – sie sind zwölf und 14 Jahre alt – zu haben. Und bis 2015 ist der Terminplan praktisch voll. Aber wer weiß – vielleicht klappt es ja irgendwann wieder. So, wie jetzt – ich springe ja hier relativ kurzfristig für einen Kollegen ein. Der ausschlaggebende Grund für mich, das zu den vielen Verpflichtungen in Wien und Hamburg im Juni und Juli zu machen, war die Tatsache, dass Maestro Thielemann dirigiert. Mit ihm habe ich zuvor schon die „Meistersinger“ in Wien gemacht, die auch aufgezeichnet wurden. Das war eine fantastische Erfahrung, allein wie wir die Schusterstube gestaltet haben. Er hat mir tolle Tipps gegeben – und sehr interessante Stimm-Farben von mir gefordert. Sich mit ihm hinzusetzen, einzelne Passagen durchzusprechen und an einzelnen Stellen zu feilen – das hat mir große Freude bereitet. Das liegt mir einfach – weil ich auch nach der 60. Vorstellung in einer Rolle versuche, der Partie eine neue Farbe zu geben.

Frage: Das heißt: Die Dirigenten geben Ihnen Tipps und helfen Ihnen, die jeweilige Partie noch besser auszufüllen. Kommen solche Hilfestellungen gegebenenfalls auch von den Regisseuren?

Botha: Wenn der Regisseur eine Idee hat und es versteht, dieses Konzept den Sängern zu vermitteln, dann kann man auch hier großen Spaß haben. Aber ich habe große Probleme dann, wenn ein Regisseur auf die Bühne kommt mit einem Konzept, das weit weg vom Text ist.

Frage: Spielen Sie gerne?

Botha: Ja, ich bin ein Sänger, der sehr gerne spielt. Ich habe das auch früh in meiner Karriere gelernt. Und offen gestanden ärgere ich mich darüber, wenn ich neu in eine Inszenierung komme und es mit einem Regisseur zu tun habe, der mich allein aufgrund meiner Körperlichkeit unterschätzt. Natürlich kann ich spielen! Ich habe beispielsweise Harry Kupfer nachgewiesen, dass ich, wenn ich mich von der einen zu anderen Seite bewegen und noch dazu über einen Haufen steigen muss, deutlich schneller bin als er erwartet hat (lacht). Und ich bin mit dem Schwert nicht langsamer als andere Kollegen. Man muss nur mit mir arbeiten und mit mir reden. Dann kann ich es gescheit machen. Und wenn ich, wie jetzt, eine Sportverletzung im rechten Knie habe, dann finde ich schon Lösungen, damit umzugehen.

Frage: Sollten Regisseure sich demnach mehr Angebote von den Sängern geben lassen?

Botha: Ich erwarte vor allem, dass der Regisseur das Stück – Musik und Text – kennt. Das steht in seinem Vertrag. In meinem Vertrag steht, dass ich die Rolle zu 100 Prozent kenne. Dann kann es nicht sein, dass er zu mir kommt und sagt: Machen Sie mal was! Das ist der Moment, wo ich dann nach Hause gehe. Er soll mir eine – seine – Idee geben. Dann gebe ich ihm meine. Und wenn das zusammengeht, dann wird daraus eine runde Sache. Wobei ich erwarte, dass ich ein Regiekonzept vorfinde, in dem ich meine Partitur optimal singen kann. Wagner hätte es wohl auch nicht gewollt, dass ein Sänger brüllen muss, nur um ein Regiekonzept richtig auszufüllen. Es geht ja doch noch in erster Linie ums Singen. Aber in den meisten Fällen gelingt das auch. Weil man mit dem Regisseur meistens Kompromisse schließen kann – sofern man ihnen ein gutes Angebot macht.

Frage: Sie haben im Wagnerfach ja schon eine ganze Menge gesungen – Erik, Lohengrin, Tannhäuser, Stolzing, Siegmund und Parsifal. Ist da noch eine Rechnung offen?

Botha: In den Sternen steht vielleicht geschrieben, dass ich irgendwann einmal Tristan singen werde. Aber das braucht noch ein bisschen Zeit. Jedes Mal, als ich bisher die Partitur in die Hand genommen habe, hat mich der Mut verlassen (lacht). Aber er wird kommen. Vielleicht in ein paar Jahren. Ich habe die letzten 20 Jahre jedes Jahr zwei bis drei neue Stücke erarbeitet. Jetzt will ich das reduzieren und die vorhandenen Rollen vertiefen.

Frage: Auch für den Sänger gibt es ja an vielen Abenden Glücksmomente. Wenn etwas besonders gut gelungen ist oder eine besonders schwere Aufgabe perfekt gelöst wurde. Können Sie sich als Sänger da eigentlich Emotionen erlauben?

Botha: Das gibt es unheimlich oft. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch. Ich weine selbst bei besonders schönen Filmen. Und als ich mir, an der New Yorker Met, den „Rosenkavalier“ mit Renée Fleming angeschaut habe, bin ich dort gesessen und habe Rotz und Wasser geheult. Eine Dame neben mir hat mich gefragt: Wieso weinen Sie – das ist doch schön. Da habe ich geantwortet: Eben! Für mich ist Musik ein Teil meiner Emotionen. Wenn ich wütend bin, höre ich Prokofjew oder Tschaikowskys 1812-Ouvertüre an. Oder, um zu entspannen, Beethoven oder Mozart. Auch im „Tannhäuser“ habe ich regelmäßig mit den Tränen zu kämpfen. Bei Tannhäusers Tod muss ich wirklich aufpassen, dass ich noch „Heilige Elisabeth“ singen kann, weil ich so von der Musik gerührt bin. Auch in Bayreuth habe ich schon Tränen vergossen. 1990 war ich im Höhenchor bei „Parsifal“. Und jedes Mal habe ich wie ein kleines Kind geweint, weil mich diese Schlussmusik wirklich ergriffen hat.

Frage: Ist die Emotion also der Feind der Kontrolle?

Botha: Das stimmt. Wenn man sich da nicht in Griff kriegt, kann man in große Probleme kommen.

Frage: Sie sind ja mittlerweile österreichischer Staatsbürger, leben in Wien und haben mit Ihrer Frau zwei Söhne. Würden Sie denen empfehlen, Sänger zu werden?

Botha: Mein Vater hat mir, als ich ihn mit dem Berufswunsch Sänger konfrontiert hat, gesagt: Okay, wir sprechen wieder darüber. Er hat mich nie in einen Beruf gedrängt oder gesagt: Das und das darfst du nicht machen. Er hat später dann gesagt: Wenn du das machen willst, mache es. Aber bleibe dran. Und mache es aus Überzeugung. So will ich das mit meinen Söhnen auch machen. Als mein Jüngster vor zwei Jahren zu mir kam mit dem Wunsch, Pauke zu lernen, habe ich ihn unterstützt. Unter der Voraussetzung, dass er es ernst meint. Und er meint es ernst. Bei einer ersten Probestunde hat mir ein Musiker versichert, dass er ein außerordentliches Rhythmusgefühl hat. Seither hört er nur klassische Musik. Ich lasse ihn. Und ich freue mich, dass er das so ernst nimmt.

Frage: Sie feiern heuer 45. Geburtstag. Findet die Feier in Bayreuth statt?

Botha: Leider nicht, weil ich an dem Abend Fidelio singen muss.

Frage: Zwei Tage später ist dann wieder die „Walküre“ angesagt – mit einer Liveübertragung ins Freie. Finden Sie das gut?

Botha: Wenn es dadurch gelingt, mehr Leute für Oper zu begeistern – wunderbar. Ich würde auch lieber Oper im Freien genießen als in irgendeinem Opernhaus. Weil man dazu ein Bier trinken und die Vorstellung richtig genießen kann. Wie zu Hause ein Fußballspiel (lacht). Die Met zeigt zum Beispiel bestimmte Vorstellungen weltweit in Kinosälen. So konnten mich meine Eltern in Südafrika im Kino erleben. Die waren richtig glücklich.

Frage: Haben Sie noch Kontakte zu den Chorleuten von damals?

Botha: Man trifft sich immer wieder – das ist wie eine große Familie. Und ich muss, wenn ich Lohengrin singe, höllisch aufpassen, dass ich nicht plötzlich den Chor mitsinge (lacht). Oder im „Parsifal“. Da musste ich mich, in Wien, mit dem Rücken zum Publikum drehen – und da habe ich eben mit dem Chor mitgesungen. Die Macht der Gewohnheit.






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