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26.07.2010, 14:30 Uhr

 

Da steckt Wumms drin

Von Christina Knorz

BAYREUTH. Das kam gut an: Große und kleine Premierengäste beklatschen zweite Kinder-Oper minutenlang.

 

Wild und bunt: Venus (Alexandra Petersamer) mischt die Wartburg auf. Fotos: Ritter
Wild und bunt: Venus (Alexandra Petersamer) mischt die Wartburg auf. Fotos: Ritter
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Wild und bunt: Venus (Alexandra Petersamer) mischt die Wartburg auf. Fotos: Ritter
Fantasievoll hat Lea Wolloschke Bühne und Kostüme der diesjährigen Kinder-Oper gestaltet.
Tannhäuser (Jeffrey Dowd) und Elisabeth (Sonja Mühleck).
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Es ist ein drängendes Stück geworden, das Regisseurin Reyna Bruns nach Richard Wagners „Tannhäuser“ geschrieben und inszeniert hat. Ein kraftvolles Stück, das dafür kämpft, anders, individuell sein zu dürfen und trotzdem angenommen zu werden. Es rüttelt an Ordnung und Regeln, die Kindern aufgepfropft, ohne erklärt zu werden; verbietet blinden Gehorsam und Anpassung ohne nachzufragen. Vielmehr will es Mut machen, Träume und geheime Wünsche zu haben und danach zu leben. Dabei folgt es der „Tannhäuser“-Handlung vom Verlassen der Venuswelt über den Sängerwettstreit bis zur Rom-Erzählung. Die großen Themen von Christen- oder Heidentum, reiner oder leidenschaftlicher Liebe sind durch die Suche nach echter Freundschaft und dem Drama eines in Konvention gezwängten Künstlers ersetzt.

Zugegeben: eine ganze Menge Stoff. Dessen Vermittlung durch die große Zahl an Akteuren, Chorsängern, kleinteiligen Requisiten und Bühnenbildern nicht erleichtert wird. Dafür wird es nie langweilig und das Stück drängt so leidenschaftlich auf die Macht des Spiels und der Fantasie, dass man sich dem schlecht entziehen kann. In diesem Sinn ist es ein starkes Stück Kinder-Oper geworden, das kleine wie große Zuschauer fesseln kann.

Aus allem wird Musik

Mit einer der schönsten Szenen beginnt’s: kurz vor dem Schlafengehen beschäftigen sich die Jungen des Wartburg-Internats – um den späteren Streit zwischen Tannhäuser und den anderen erklären zu können, wurde seine Flucht aus der Wartburg der Venus-Szene vorangestellt. Ein Junge isst Chips, zwei spielen Backgammon, einer blättert in einem Buch, während Tannhäuser komponiert. Aus den Geräuschen der Jungs entsteht ein Rhythmus, den der musisch Begabte aufgreift und in ein Lied umsetzt.

„Ich mache keinen Ärger, ich mache Musik“, verteidigt sich Tannhäuser. Aber die anderen sind genervt. „Geh doch weg“, sagen sie. Und er tut’s. Begibt sich auf die Suche nach echten Freunden und begegnet Venus. Ihr Motto ist: „Ich darf alles.“ Bunt ist sie und wild, das absolute Gegenteil zu den angepassten – „wir halten streng die Ordnung ein“ – Schulbuben. Eine sinnentleert sinnliche Zauberwelt entsteht. Eine Zwischenwand schwingt auf und enthüllt – ein wunderbarer Effekt – auch das Orchester, das so durch den Traumwald hindurch zu sehen ist und so Teil der Interpretation vom Kunstschaffen wird.

Im Zauberwald

Tentakelartige Stoffkörper hängen von der Decke, an denen Alltagsgegenstände zur Verzierung hängen – Wäscheklammern, Papiertüten, Spülbürsten. „Wozu sind die da? Was macht man damit?“ Tannhäuser ist überfordert von Zwecklosigkeit und Freiheit der Venus-Welt. Ein schöner, lyrischer Sprechgesang über Sinn und Unsinn entsteht. „Sie sind da, weil sie da sind. Sie sind zum Dasein da, weil sie schön sind, weil sie da sein ...“, lacht Venus im Erklären ihrer Welt. Bei ihr findet Tannhäuser Anerkennung für sein Dichten – „du kannst singen?“ „Die anderen sagen: Das nervt.“ „Du bist ein Sänger?“ „Die anderen sagen: ein Spinner.“ Die Geschichte funktioniert, die Dialoge sind gut, ergänzen die Arien, so dass ein untrennbares, explosives Gemisch aus Musik, Gesang, Theater und Spiel entsteht. Vom Überfluss der Venus-Welt irritiert, verlässt Tannhäuser seine neue Freundin. Auch sie lässt ihm – wenn auch aus anderen Gründen als seine Klassenkameraden – keine Ruhe zum Komponieren. „Ich muss mein Lied fertig schreiben.“ Ohne Freund und ohne Frühstück findet er sich vor den Toren einer Stadt wieder; ein Zeitungsjunge besingt den Mai, Straßenkehrer und Arbeiter geben den Pilger-Chor. Sie verschwinden in der düsteren Skyline der Stadt, die das Orchester hinter grau-schwarzen Stellwänden verbirgt. Hier gilt's der Pflichterfüllung, nicht der Kunst. Folgerichtig bleibt Tannhäuser vor den Toren, in seiner bunten Flickenjacke erkennt ihn der Suchtrupp der Schüler kurz darauf kaum.

Wolframs Leid

Die Stadt verwandelt sich zur Schule, durch die Erinnerung an Elisabeth zurückgezogen, nimmt Tannhäuser am Sängerwettstreit teil. Ein kurzer Monolog enthüllt Wolframs Leid des ewig Zweiten in Elisabeths Leben – ein kleines Drama am Rande, das im raschen Erzähltempo zu Unrecht unterzugehen droht. Doch gegen den unangepasst-aufbegehrenden Tannhäuser hat der treue Freund keine Chance. Im Bestreben, jede Konvention zu sprengen, schnarcht Tannhäuser provokativ bei Wolframs Lied, um die Versammlung schließlich mit Hilfe von Venus komplett zu sprengen.

Die Lösung kommt schließlich von Elisabeth, nachdem Tannhäuser von seiner in ein Auslandsjahr verwandelten Rom-Fahrt wiederkehrt. Sie malt bunte Kleider, in der die Schüler zur Schlussszene erscheinen. Das Ende der Uniformität schafft Toleranz und Freiheit für den Einzelnen, so die Botschaft. Den Schlusschor schmetternd und tanzend, verlassen die zu Individuen Geläuterten schließlich auch den Theaterraum – durch die großen, aufgestoßenen Bühnentüren hinaus in die Realität. Gänsehaut ist garantiert. Großer Applaus!




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