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24.07.2010, 16:30 Uhr

 

Katharina Wagner: "Formular trifft Kunst"

Von Gert-Dieter Meier

BAYREUTH. Festspielleiterin Katharina Wagner spricht mit dem Kurier über die zunehmende Bürokratisierung der Arbeit am Grünen Hügel, über die nunmehr beginnende lückenlose Aufarbeitung der Bayreuther Geschichte und ihre Pläne für das Wagner-Doppeljubiläum im Jahr 2013.

 

Im Jahr zwei der schwesterlichen Doppelspitze in Bayreuth ist vieles ruhiger, manches normaler, einiges aufregender geworden. Eines aber hat sich seit der Geschäftsübernahme nicht verändert. Katharina ist und bleibt die „Außenministerin“ des Grünen Hügels, während sich Eva Wagner-Pasquier ums Ressort Inneres kümmert. Im Kurier-Interview spricht Katharina Wagner über die Arbeit am Hügel. Ihre Bewunderung für die Arbeit von Hans Neuenfels. Und die Pläne für die nahe und mittlere Zukunft. Während Eva Wagner-Pasquier schweigt. Sie gibt keine Interviews.

Frage: Frau Wagner, Hand aufs Herz: Hatten Sie sich die Leitung der Festspiele so stressig vorgestellt?
Wagner: Eigentlich schon. Ich habe ja schon in meiner Kindheit mitbekommen, wie das hier läuft. Insofern weiß man, was einen erwartet.
Es ist nicht so, dass ich sagen würde: Ich bin völlig schockiert, weil der Stress so groß ist. Aber ja: Es sind sehr anstrengende Monate.

Frage: Und die Doppelbelastung Festspielleiterin und Regisseurin?
Wagner: Das ist eben eine Doppelbelastung. Da muss dann schon mal eine Sitzung oder Besprechung mit dem Team in den Abend verlegt werden, wenn die Aufgaben der Festspielleiterin beendet sind.

Frage: Gibt es für die Regisseurin Wagner eine Sonderbehandlung durch die Festspielleiterin Wagner?
Wagner: Genau das will ich vermeiden. Ich versuche da sehr vorsichtig zu sein. Ich bin mir gegenüber eher zu streng, weil ich nicht will, dass es heißt: Die gibt sich die besseren Probenzeiten oder, oder, oder. Ich war daher wohl die Einzige, die nur einen Bühnentag hatte in diesem Jahr.

Frage: Was eine Analogie zur Arbeit Ihres Vaters war. Der ja auch seine Arbeit stets hintangestellt hat – im Interesse der Kollegen.
Wagner: Richtig.

Frage: Können Sie uns denn ein bisschen aufklären über das Organigramm der Festspielleitung – wer macht was? Und wie funktioniert die Zusammenarbeit?
Wagner: Es hat sich, wie ich finde, so gut eingespielt zwischen Eva und mir, dass man gar nicht so genau sagen könnte, dass die eine nur dies und die andere nur jenes machen würde. Die Mitarbeiter sind längst dazu übergegangen, bei einem Problem den anzusprechen, den sie gerade antreffen. Weil wir beide über alle Vorgänge informiert sind und alles besprechen. Das ist wirklich ein Miteinander.

Frage: Und gegenüber den Gesellschaftern?
Wagner: Die erwarten, dass der Laden läuft – was man verstehen kann. Und wenn es eine wichtige Sitzung gibt, dann werfen wir nicht Münzen, sondern gehen da gemeinsam hin. Dann sind beide Ansprechpartnerinnen vor Ort.

Frage: Vor gut einem Jahr ist im Paradies am Grünen Hügel plötzlich ein Thema aufgetaucht, das es in früheren Jahren nie gab: Gewerkschaften drohten mit Streik! Es gab ja nun auch in diesem Jahr wieder Verhandlungen zwischen Ihnen und den Arbeitnehmervertretungen. Wie ist die Lage?
Wagner: Die Lage ist momentan ruhig, weil wir fertig verhandelt haben.
Und auch davon ausgehen, dass der Verwaltungsrat das Ergebnis absegnen wird. So weit, so gut. Allerdings haben wir es nun mit einem Tarifvertrag zu tun, der nicht primär auf künstlerische Arbeitsprozesse ausgelegt ist. Und das merken wir hier schon. Das macht die Arbeit extrem unflexibel. Das sind die Nachteile eines solchen Abschlusses – gerade in einem Betrieb, in dem Kunst entstehen soll. Wir spüren das schon sehr deutlich: die Einteilung der Leute, die Einhaltung der Pausenzeiten etc. – das wird immer schwieriger. Und immer bürokratischer. Nächstes Jahr wird es an Sonntagen beispielsweise überhaupt keine Proben mehr geben können. Klar, man könnte sich nun hinstellen und sagen: Früher war alles besser! War es auch! (lacht) Aber jetzt müssen wir eben mit der neuen Situation umgehen, die sich schon daraus ergibt, dass wir nun quasi ein öffentlich-rechtliches Haus sind.

Frage: Die neuen tariflichen Bestimmungen machen nicht nur Ihnen die Arbeit schwerer, sie verteuern auch die Festspiele ...
Wagner: Na klar, das bringen tarifliche Besserstellungen nun mal mit sich.

Frage: Aber diese Mehrkosten sind doch schon in der mittelfristigen Finanzplanung enthalten?
Wagner: Wir mussten, um diese Tarifforderungen überhaupt bezahlen zu können, die Kartenpreise massiv erhöhen. Was uns, offen gestanden, gar nicht geschmeckt hat.

Frage: Der Umbau von einem Einmann-unternehmen zu einem Staatsbetrieb hat doch sicherlich auch Auswirkungen auf die Festspielleitung?
Wagner: Schnelle Entscheidungen sind schwieriger geworden, die Bürokratie hat zugenommen. Das ist aber auch logisch, wenn Sie drei öffentliche Gesellschafter haben, die zu Recht darüber wachen, dass öffentliche Gelder ordentlich eingesetzt werden. Aber der Papierkram ist ins Unermessliche gestiegen.

Frage: Das war ja mal ganz anders ...
Wagner: Stimmt. Es ist halt alles etwas gleicher jetzt.

Frage: Beschreiben Sie die Lage doch bitte mal in einem Satz.
Wagner: Formular trifft Kunst.

Frage: Sie sind ja angetreten, den Festspielen viel frischen Wind ins Gesicht zu blasen. Es gibt Podcasts, Public Viewing, Kinderoper, ein neues Corporate Design. Was steht denn sonst noch alles auf Ihrem Veränderungszettel?
Wagner: Wir haben eine neue Veranstaltungsreihe namens „Zäsuren“ ins Leben gerufen. Und dann wollen wir uns natürlich sehr ausgiebig dem Jahr 2013 zuwenden, in dem das Wagner-Doppeljubiläum gefeiert wird.

Frage: Da wollen Sie ja die Frühwerke Wagners in Bayreuth auf die Bühne bringen ...
Wagner: Ja, unbedingt. Bayreuth sollte es sich zum Ziel machen, diese Frühwerke im Wagner-Jahr hier aufzuführen. Aber dazu braucht man Sponsoren. Aktuell fehlt uns für dieses Projekt noch richtig viel Geld.

Zum anderen haben wir vereinbart, den ganzen „Ring“ beim Public Viewing zu zeigen. Das ist nur möglich, weil Siemens sich hier sehr stark einsetzt.

Und dann schwebt uns noch vor, ein kleines Wagner-Film-Festival auf die Beine zu stellen. Wir wollen jungen Leuten die Chance geben, ihre Filme über Wagner ins Internet zu stellen – fast wie bei Youtube. Die Filme sollen drei bis fünf Minuten lang sein und ein spezielles Wagner-Thema behandeln.

Frage: Kommen wir noch mal zu den Frühwerken. Sie denken ja wohl nicht da ran, die im Festspielhaus aufzuführen – wo denn dann?
Wagner: Das ginge allein schon logistisch gar nicht, das im Festspielhaus zu machen. Wir haben ja 2013 immerhin einen neuen „Ring“.
Nein, uns schwebt vor, dafür ein Theaterzelt aufzustellen, das auch den akustischen Anforderungen standhält, die wir nun mal haben. Es geht also nicht nur darum, irgendein Zelt hinzusetzen und den frühen Wagner irgendwie zu spielen.

Frage: Welche Werke werden gespielt?
Wagner: „Rienzi“, „Liebesverbot“ und die „Feen“.

Frage: Mit der Regisseurin Katharina Wag ner?
Wagner: Sicherlich nicht. Es gibt einen neuen „Ring“, ein Mammut-Public-Viewing, ein Filmfestival, die Fortführung des „Wagner- für-Kinder“-Projekts und, und, und. Das ist einfach nicht machbar. Herr Thielemann hat mich auch schon wegen des „Rienzi“ gefragt – aber das geht einfach nicht.

Frage: Sponsoren brauchen Sie für dieses Vorhaben vor allem wohl deshalb, weil das Projekt „Frühwerke“ nicht über den normalen Festspiel-Etat zu finanzieren ist?
Wagner: Richtig. Deshalb lassen wir das über die BF-Medien laufen.

Frage: Wenn sich jemand dafür engagieren mag, wird er bei Ihnen offene Türen einrennen?
Wagner: Absolut!

Frage: Über welche Kosten reden wir denn da?
Wagner: Das sind schon sehr hohe Kosten: Man braucht Chor und Orchester, Solisten und vieles andere mehr.

Frage: Gibt es denn Hilfsangebote seitens der Stadt?
Wagner: Die Stadt ist sehr bemüht. Aber auch da geht es ja um einen tragfähigen kommunalen Haushalt. Mit der Stadt alleine jedenfalls ist dieses Projekt nicht zu schultern.

Frage: Wann sollten denn die Frühwerke gespielt werden – während der Festspielzeit?
Wagner: Derzeit ist angedacht, die Frühwerke kurz vor den Festspielen aufzuführen. Aber das hängt ganz davon ab, mit wem man kooperiert.

Frage: Das hört sich alles, in der Verdichtung, mehr und mehr an wie ein Generalplan für ein Off-Festival, für das sich etwa auch der Regisseur Philippe Arlaud starkgemacht hat.
Wagner: Wenn Sie „Off“ nicht in dem Sinne verstehen, dass Laienspieltruppen auf der Straße unprofessionelles Theater machen – ja!

Wir sind jedenfalls bestrebt, dass bei den Projekten, hinter denen wir stehen, immer erstklassige Qualität geboten wird. „Off“ also verstanden in dem Sinne, dass da nicht-staatlich subventionierte Projekte laufen sollen. Klar bin ich dafür, dass das Thema Wagner in Bayreuth auf eine breitere Basis gestellt wird.

Frage: Sie hätten auch nicht die Sorge, dass dadurch die hohe Kunst im heiligen Gralstempel irgendwelchen Schaden nimmt?
Wagner: Natürlich nicht. Die Akustik, die wir hier haben, kann man nirgendwo anders vorweisen. Das ist unser wichtigstes Alleinstellungsmerkmal. Und wenn drum herum andere hochqualitative Dinge stattfinden, dann schadet das nicht den Festspielen. Sofern dort, wo sich die Festspiele mittelbar engagieren, die Qualität stimmt. Deswegen sage ich ja auch, dass die Frühwerke entweder in einem Rahmen aufgeführt werden, den wir vertreten können, oder eben nicht. Nur was hinzustellen, um nachher sagen zu können: Wir haben was gemacht – das ist nicht mein Ding!

Frage: So sind Sie ja auch an das Projekt Kinderoper rangegangen.
Weshalb liegt Ihnen denn dieses Projekt so sehr am Herzen? Verstehen Kinder überhaupt Wagner?
Wagner: Absolut – die finden das, wenn man es ihnen entsprechend vermittelt, spannend. Ich habe das zuletzt beim „Tannhäuser“ feststellen können. Ich hatte mir fest vorgenommen, beim Thema Venusberg das Wort Sex nicht in den Mund zu nehmen. Und was ist passiert? Die erste Frage war, ob Tannhäuser und Elisabeth Sex miteinander hatten oder ob er nur was mit der Venus hatte. Wobei man den Venusberg ja nicht nur unter sexuellen Gesichtspunkten sehen kann – sondern zum Beispiel als Gegenwelt, in der man tun und lassen kann, was man will. Und so sind wir auch auf die Kinder zugegangen. Wir haben ihnen vermittelt, dass, im zweiten Akt, Landgraf Hermann der Direktor eines Internats ist. Und Venus die ist, die vor dem Internat ist, ins Bett gehen darf, wann sie will, die spielen darf, wann sie will. Das verstehen Kinder ganz wunderbar – und es passt inhaltlich wunderbar zum Stück.

Frage: Sind Sie da noch in der Testphase oder würden Sie sagen: Das wird jetzt ein ständiger Begleiter der großen Festspiele?
Wagner: Ich wünsche mir unbedingt eine Verstetigung. Und so lange es Sponsoren gibt, denen Kinder am Herzen liegen, werden wir das auch machen.

Frage: Muss ja auch in Ihrem Interesse sein – denn irgendwann sterben selbst Wagnerianer. Und wenn man keine Nachwuchsarbeit macht, wird es die Oper irgendwann schwer haben ...
Wagner: Um Bayreuth ist mir nicht bange – das ist eine Marke, die immer überleben wird. Aber es geht ja auch um die vielen anderen Häuser, die sonst, früher oder später, ein Problem haben. Kinder zu fördern, ist eine sichere Investition in die Zukunft des Theaters überhaupt.

Frage: Zurück zu den großen Festspielen. Sie haben sich ja wiederholt als Neuenfels-Fan geoutet. Was macht ihn denn so besonders? Und was erwartet uns mit seinem „Lohengrin“?
Wagner: Es ist einfach eine Freude zu beobachten, wie unglaublich gut er das Handwerk des Regieführens beherrscht. Und wenn man sieht, wie handwerklich sauber er arbeitet – dann kann man als Regisseurin nur staunen. Was mit dem Inhalt, zunächst einmal, nichts zu tun hat. Aber es wird uns hier eine sehr spannende „Lohengrin“-Inszenierung er warten, die sicherlich einige Leute zunächst überraschen wird. Ich finde aber, sie ist in sich völlig stringent. In meinen Augen eine absolut gelungene Produktion. Das ist ästhetisch, das hat einen Standpunkt, das ist sehr genau gearbeitet. Aber es wird kontrovers diskutiert werden.

Frage: Sehen Sie die Schlagzeilen vor dem inneren Auge schon aufziehen?
Wagner: Ich könnte da schon einige aufzählen, ja – aber das geht doch bei fast jeder Inszenierung. Ist ja auch nichts Schlechtes, wenn über die Inszenierungen diskutiert wird.

Frage: Kommen wir zu Ihrer eigenen Inszenierung, zu den „Meistersingern“. Die hat ja nun auch schon drei Jahre auf dem Buckel. Sind Sie mit Ihrer „Ur-Idee“ noch im Reinen? Wird es viele Veränderungen geben?
Wagner: Klar, das ist noch immer das Konzept, hinter dem ich stehe. Und doch haben wir in diesem Jahr eine ganze Menge verändert, was mir schon seit langem ein bisschen im Magen liegt. So gibt es starke Veränderungen im ersten Akt. Stolzing sollte ja immer der Künstler im größeren Sinne sein – und dafür den adäquaten Bühnenausdruck zu finden, das ist nicht leicht. Dass einer in der Oper singt – klar! Malen – das kann der Sänger nebenher ganz gut. Aber er war mir am Ende zu sehr auf Malerei fixiert.

Ich wollte lieber einen Multifunktionskünstler haben – einen Schlingensief eben. Und ich denke, dass wir nun ein sehr schönes Bild gefunden haben. Er baut jetzt Kunst. Und hat zudem eine neue Frisur. Am Anfang hat mir noch etwas das Wilde in ihm gefehlt, er war mir zu glatt. Jetzt hat er deutlich mehr Kontur. Außerdem haben wir an der Sachs-Eva-Beziehung gearbeitet. Da war ich nicht klar genug. Jetzt, mit unserem neuen Sachs, der übrigens richtig gut ist, sind wir ausgezeichnet weitergekommen. Und jetzt weiß ich, für mich auch, eine Antwort auf die Frage, in welcher Beziehung die beiden zueinander stehen: Ja, Sachs und Eva haben was miteinander! Zwischen dem neuen Sachs und der Eva gibt es jetzt plötzlich eine Spannung, die sich so zuvor nie aufgebaut hatte.

Frage: Kaufmann, Dasch, Botha – in diesem Jahr kommen plötzlich drei große Namen nach Bayreuth. Ist das auch eine Antwort auf die immer wieder gern zitierte Sängerkrise in Bayreuth?
Wagner: Dasch und Kaufmann sind noch Verpflichtungen meines Vaters – die stehen also schon länger auf der Liste. Und Botha ist doch ein toller Sänger. Warum also sollte man auf so einen verzichten?

Frage: Die Bayreuther Festspiele sind seit ihrer Wiederbegründung 1951 immer auf Mäzene angewiesen. Nun hört man, dass es zwischen der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth und der Festspielleitung Spannungen gäbe. Andererseits hat sich mit TAff eine zweite Mäzenatenvereinigung gegründet, der Sie sehr nahestehen sollen. Wie sehen Sie diese Angelegenheit – je mehr Mäzene und Förderer, desto besser?
Wagner: Zum einen ist, seit die Freunde auch Gesellschafter der Festspiele sind, alles noch ein bisschen bürokratischer geworden. Die Dinge laufen zäher. Weil das Gesamtkonstrukt ein anderes ist. Als Wolfgang Wagner Alleingesellschafter war, lief vieles sehr viel leichter. Wobei mich Aussagen ärgern, dass bei Wolfgang Wagner alles auf Zuruf gegangen sei. So war es selbstverständlich nicht. Natürlich gab es auch damals Pläne, Kostenvoranschläge und eine Überprüfung, ob man die gewünschten Dinge nun braucht oder eben nicht. Nur heute hängt eben an allem ein riesiger Rattenschwanz von Formalien dran. Und da ist es gut, jemanden zu haben, der dann, wenn Not am Mann ist, unbürokratisch helfen will. Das Schöne an TAff ist eben, dass sie nicht Gesellschafter sind. Und deshalb ohne Bürokratie helfen können. Nehmen Sie mal unser Kartenprogramm – das liegt in den letzten Zügen. Seit zwei Jahren reden wir mit den Freunden, dass wir unbedingt ein neues brauchen. Das ist unsere Geschäftsgrundlage. Nach zwei Jahren kam dann endlich die Zusage – nur: Es hätte in diesen zwei Jahren mehrfach abstürzen können. Da hatten wir riesiges Glück. In solchen Fällen ist unbürokratische Hilfe vonnöten.

Frage: Stichwort Karten: Sie arbeiten ja daran, dass Bestellungen künftig auch im Internet aufgegeben werden können?
Wagner: Ganz ehrlich: Ich würde bei uns keine Karte kaufen! Ich bestelle nämlich grundsätzlich nichts, wo ich zur Post muss. Das ist doch kein Service. Aber wir werden die alte Bestellscheinpraxis gleichwohl weiterlaufen lassen für diejenigen, die diesen Weg bevorzugen – obwohl das, weil alles händisch bearbeitet wird, furchtbar aufwendig ist. Wobei auch eine neue Software richtig Geld kostet. In Bayreuth können wir keine Standardsoftware nehmen, weil die mehrjährige Wartezeiten zum Beispiel nicht abbilden können. Auch die Parallelität mit der Bestellscheinpraxis muss berücksichtigt werden.

Frage: Karten waren ja für viele Wagnerfreunde auch ein Argument, sich der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth anzuschließen. Weil man auf diesem Wege eben doch schneller an die begehrten Tickets kam. Wird es denn auch für TAff ein Kartenkontingent geben?
Wagner: Das steht noch nicht fest, darüber haben wir auch noch gar nicht gesprochen. Was es aber geben wird, ist die Nähe zur Festspielleitung – deshalb firmieren die ja auch unter dem Motto „Wir sind Festspiele“. Es gab beispielsweise schon exklusive Probenbesuche. Und TAff wird, weil sie die Nähe zu den Künstlern suchen, den Künstlerempfang mitfinanzieren. Den wir ansonsten gar nicht mehr hätten machen können. Es wird Exklusivführungen und Künstlergespräche geben – und wir wollen diesem Verein ermöglichen, hinter die Kulissen zu blicken.

Frage: Handeln Sie sich da nicht Ärger bei der GdF ein, wenn Sie die Nähe zu TAff zum Prinzip erheben, die ja womöglich die GdF auch gerne gehabt hätte?
Wagner: Die Freunde fragen solche Dinge mitunter gar nicht mehr nach. Wir sind ja wegen der Finanzierung des Künstlerempfangs auch an die GdF he rangetreten. Das geht jetzt seit einem Dreivierteljahr hin und her. Und es hat sich nichts getan. Und dann kam TAff – und hat zugegriffen. Dafür sind wir dankbar. Nein, ich glaube nicht, dass ich mir da Ärger einheimse – weil ich das der GdF ja nicht weggenommen habe.

Frage: In diesem Zusammenhang hat ja auch ein vergleichsweise kleines Projekt ziemlich großen Wirbel verursacht: Ihr Wunsch nämlich, eine Probebühne zu bauen. Wie sehr brauchen Sie denn eine zusätzliche Probebühne?
Wagner: Sehr – vor allem hätten wir sie schon in diesem Jahr dringend gebraucht. Die Bäume und andere Kulissenteile stehen ja teilweise schon auf der Straße – und wenn es regnet, dann gehen sie kaputt. Und der „Parsifal“ wird in einer Halle im Industriegebiet geprobt. Das kostet Geld, das bindet Ressourcen. Letztlich ist das ein einziges Ärgernis!

Frage: Liegt denn jetzt eine Förderzusage für dieses Projekt vor?
Wagner: Nein, die Finanzierung ist noch völlig ungeklärt. Und die GdF wartet ab, ob die öffentliche Hand Geld zuschießt. Wobei ich nicht glaube, dass Bund, Land und Stadt sich da beteiligen werden – weil sie sich nicht beteiligen können. Aber genau für solche Vorhaben gibt es eben Freunde. Und es ist tatsächlich so, dass uns die Zeit davonläuft. Es kommen ja jedes Jahr Neuinszenierungen dazu.

Frage: Es geht also nicht um eine High tech-Initiative zur Überplanung des Grünen Hügels, sondern um eine Probebühne?
Wagner: Man muss da zwei Dinge unterscheiden. Einerseits ist es natürlich richtig, dass man eine solche Halle nicht einfach irgendwie in die Landschaft setzt, sondern ein solches Vorhaben einbettet in eine Gesamtplanung für die nächsten Jahrzehnte, in der festgeschrieben wird, was man in den nächsten zehn, 20 oder 150 Jahren bräuchte. So fehlt uns, wie Sie wissen, ein Orchesterprobensaal. In Bayreuth üben die Musiker im Festspielrestaurant – unter alles anderem als idealen Bedingungen. Das große Aber: Große Konzepte sind toll – nur bringen sie nichts, wenn man sie nicht bezahlen kann. Deshalb geht es hier, beim konkreten Fall Probebühne, um einen reinen Zweckbau, der am Ende auch Geld sparen soll. Jeder Kulissenumbau kostet Zeit und Geld. Wenn man aber gleich so groß bauen könnte, dass man zwei Akte auf eine Probebühne stellen könnte, dann spart das schon mittelfristig Ressourcen. Ich würde es begrüßen, wenn man sich in Bayreuth mal über eine Perspektivplanung unterhalten würde – das dürfte ja auch im Interesse der Stadt sein.

Frage: Die Sanierung von Haus Wahnfried ist ja auch so ein Langzeitprojekt. Wie stehen Sie zu diesem Vorhaben?
Wagner: Ich würde mir ein modernes Museumskonzept für Wahnfried wünschen, das eben mehr abbildet als nur das Leben Richard Wagners. Da gehen die Leute einmal rein und sagen: okay, das ist das Originalsofa. Und dann war’s das aber auch. Was sollte denn gegen eine Ausstellungshalle sprechen, in der man Wechselausstellungen zeigen kann. Und wenn’s dann mal nicht Wagner ist, der in einer solche Halle ausgestellt wird, dann bricht das keinem einen Zacken aus der Krone.
Wahnfried braucht ein neues Konzept. Und dafür braucht es neue, zusätzliche Räume.

Frage: Sie haben ja vor geraumer Zeit erklärt, dass Sie sich gegen eine Aufarbeitung auch der dunklen Kapitel der Wagner-Historie nicht wehren würden. Ist man denn in dieser Hinsicht schon ein Stück vorangekommen?
Wagner: Man ist sogar sehr gut vorangekommen. Wir werden die hauptverantwortlichen Historiker, die dieses Projekt leiten werden, bei einem Pressetermin vorstellen. Ich stehe diesem Vorhaben sehr offen gegenüber – aber ich werde die Aufarbeitung der Wagner-Geschichte nicht zu meinem Projekt machen. Weil man mir ansonsten immer unterstellen würde, dass ich was verschwinden lassen oder gewisse Dinge vertuschen wolle. Diesem Vorwurf werde ich mich garantiert nicht aussetzen. Weil ich selbst die Aufarbeitung wirklich will. Und froh wäre, wenn gerade die kritischen Fragen, die es womöglich gibt, beantwortet werden. Deshalb werden da auch nicht meine beiden Lieblingshistoriker zu Werke gehen, mit denen ich öfter mal ein Bier trinke. Ich will ein offenes Verfahren – bei dem auch kritische Fragen, etwa von Journalisten, möglich sein müssen. Die beiden Verantwortlichen haben in der Zwischenzeit ein breitgefächertes Team aufgestellt, in dem auch kritische Leute einen Platz finden.

Frage: Sollen da 2013 schon Ergebnisse vorliegen?
Wagner: Es wird bis dahin sicherlich einen Zwischenstand geben. Womöglich kann man dann auch mal eine Klausurtagung machen. Aber man sollte dem Team auch seine Zeit geben. Man weiß ja noch nicht einmal, wie viel Material da zu sichten sein wird. Deshalb glaube ich nicht an einen Abschluss im Jahre 2013.

Frage: Und wo recherchieren diese Leute? Nur in bekannten Archiven?
Wagner: Sie waren auch schon mal hier, im Festspielhaus. Ich weiß ja gar nicht, was hier im Haus an alten Aufzeichnungen herumsteht. Ich ziehe schließlich nicht jeden Tag die alten Ordner heraus. Außerdem bin ich keine Historikerin. Aber wir leben hier das Prinzip der offenen Türen. Und die Fachleute sollen sich umschauen.

Frage: Es geistert ja noch immer die Vermutung herum, dass in irgendwelchen Tresoren irgendwelche geheimen Dokumente lägen?
Wagner: Nur hat bisher noch niemand irgendwelche Geheimakten gefunden. Wenn es geheimes Material gibt, dann möge es bitte gefunden werden. Damit dieser Mythos endlich Geschichte wird. Entweder es gibt nichts – gut. Oder es gibt was. Und dann muss man damit offensiv und kritisch umgehen.

Frage: Wobei man natürlich nie ausschließen kann, dass irgendwo, zum Beispiel im Kreise der Familie, brisantes Material kursiert.
Wagner: Das kann man nicht ausschließen. Aber das ist dann auch nicht mehr meine Verantwortung. Ich habe die Verantwortung, dass ich hier die Dinge zugänglich mache. Und dieser Verantwortung werde ich nachkommen. Wobei ich schon glaube, dass sich die Familie insgesamt ihrer Verantwortung gegenüber der Geschichte der Familie Wagner bewusst ist. Ich habe den Historikern im Übrigen auch angeboten, dass sie in unser Privathaus kommen können, um sich die dort verfügbaren Unterlagen anzuschauen. Ich habe damit keine Probleme. Mal schauen, ob andere damit ein Problem haben.

Foto: dpa




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