BAYREUTH. Wie wir wissen, gehörte Richard Wagner zu den größten Humoristen seiner Zeit, denn einige seiner größten Witze hat er über sein ernstestes Stück gemacht: über den „Parsifal“. So erwuchs aus Ernst Scherz – und so legitimierte Wagner selbst all jene Scherzköpfe, die sich fortan mit ihm und seinem Werk auf humoristischer Ebene befassen sollten.
Ob er amüsiert gewesen wäre über Matthias Oses Zeichnungen? Die Frage gebt verloren, aber man darf vermuten, dass er die oder andere Wagner-Ansicht durchaus amüsiert zur
Kenntnis genommen hätte. Ose ist ja kein Mann fürs Grobe, sondern einer mit Geist. Wo er hinlangt, entwachsen seiner Feder zarte Aquarelle oder leichte Witze, und die Poesie darf sich auf
Wagner selbst berufen, wo Wagner sein Leben in das meist subtile Licht des selbstironischen Humors tauchte.
Wagnersche Heimatlosigkeit
So schauen wir in der IHK auf zwei bedeutende Perioden, die den jungen und den reifen Wagner porträtieren: hier Riga, der Ort einer wagnerschen Heimatlosigkeit, dort die Schweiz, „der
Platz für Götter“ (was wörtlich gemeint war: in Richtung Wotan – und Wagner). Hier das junge Talent, dort der Meister des „Ring“ und des
„Tristan“. Die beiden Perioden und Zeichnungsserien mögen stellvertretend stehen für den gesamten, unabgeschlossenen, unabschließbaren Zyklus von Wagner-Zeichnungen, die
Ose seit 15 Jahren herstellt, ohne zu ermüden. Man pflegt sie immer noch als Karikaturen zu bezeichnen, das ist nicht falsch, aber doch auch nicht ganz richtig, denn – Stichwort
„Poesie“ – sie gehen über die spitze Komik hinaus.
Die Orte wechseln, das Genie wächst, die Machart der Zeichnungen bleibt gleich: also auf dem gleichem Niveau, auf dem die künstlichen Grundflecken mancher Blätter das Spiel
verstärken. Ose bebildert Anekdoten – und er malt Stand- und Monumentalbilder: das Genie in aberwitzigen Situationen. Wagner, die alpine Morgenröte dirigierend, das ist wirklich
hybrid – aber wer anders als Wagner, der große Naturkomponist und Hybride, hätte sich derartiges erlauben dürfen? Wagner, mit Wotans Raben über den Vierwaldstätter
See oder über den Pilatus schwebend: wer anders als Wagner hätte die Lufthoheit erhalten können? Ose macht Witze und Glossen, er zeigt Wagner zu Pferde – das ist exzentrisch
– und die Musiker, die der schlafenden Cosima das Siegfriedidyll spielen – das ist nicht exzentrisch, aber die einzige Farbfotografie, die von diesem Ereignis überliefert
ist.
Fotografie? In der Tat: Ose macht, mit genauer Orts- und Bildkenntnis und Zuneigung reichlich ausgestattet, seine geistvollen Scherze mit einer Figur, um eine Biografie zu entwerfen, die der
„wissenschaftlichen“ Biografik zuwider sein mag. Tatsächlich erweitert er auch für Riga und die Schweiz unseren Wagnerhorizont: eine mythisch-ironische, doch stets liebevolle
Porträtkunst, die uns Wagner sehr sympathisch macht.
Foto: Kolb
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