BAYREUTH. Eine aktuelle Tendenz zeitgenössischer Komponisten ist – wieder einmal – die Rückbesinnung auf das Alte, wobei alt in diesem Fall nicht Jahrhunderte zurück heißen muss, es reichen stattdessen die Romantik und die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts als Anknüpfungspunkte. Auf diese Tendenz reagierten Helmut Bieler und Wolfram Graf, die künstlerischen Leiter des Festivals „Zeit für neue Musik“, beim diesjährigen Eröffnungskonzert am Donnerstagabend bei Steingraeber.
Eröffnung des 23. Festivals "Zeit für Neue Musik": Tobias van der Pals (Violoncello) und Wolfram Graf (Klavier). Foto: Harbach
Der Cellist Tobias van der Pals gestaltete den Abend, der Werke von 1849 bis 2009 versammelte. Begleitet wurde er dabei von Wolfram Graf am Flügel. Vor der Pause kam es zum ersten
Höhepunkt des über zwei Stunden dauernden Konzertes: Die „Sonate“ op. 48 von Leopold van der Pals – ein Urgroßonkel des Cellisten. An der Schwelle zur Moderne
stehend und doch noch in der romantischen Tonsprache verhaftet, komponierte van der Pals 1920 diese expressive, Gänsehaut erregende Sonate, die sein Nachkomme sehr differenziert ausgestaltete,
im ersten Satz mit singendem Ton, warm, ausdrucksvoll und gleichermaßen impulsiv, im zweiten Satz hingegen mit einem Mindestmaß an Vibrato, wodurch die Vielgestaltigkeit dieses Opus
transparent wurde.
Nach der Pause folgten Werke der drei anwesenden Komponisten, Bieler und Graf sowie Horst Lohse. Trotz einer langen Liste an Unterschieden zwischen diesen Stücken, zeichnen sich alle durch
eine große Expressivität aus und tragen eine Fülle unterschiedlicher Stilmerkmale in sich.
Die Werke von Graf und Bieler spielten dann beide mit dem großen Abschlussstück des Abends, der „Sonate“ op. 40 von Dimitri Schostakowitsch. D-es-c-h sind die Töne, die
auch Schostakowitsch selbst schon ganz in Bach-Manier als Motiv verwendete und Lohse tut es ihm in seinem „Nocturne“ für Klavier nach, doch nicht nur als Motiv, sondern auch im
Cluster, als Obertöne und in unterschiedlichsten Lagen und Höhen treten die vier Töne zum Komplex zusammen, was der Miniatur viele Farben verleiht. Bei Grafs „Ich-Blick“
für Cello solo horcht van der Pals zuerst in einer stetig wiederkehrenden Sekundspannung (d-es) tief in sich hinein, bis er nach einer Orgie von Abstrichen in virtuosen Läufen und mit
schnarrenden Saiten losdonnert was das Zeug hält.
Info: Die Reihe „Zeit für Neue Musik“ geht weiter: Freitagabend, 18. Juni, steht um 19.30 Uhr das Komponistenportrait Michael Hamels auf dem Programm. Professor Siegfried Mauser
und das Rodin Quartett spielen eine von Hamels jüngeren Stücken. Am Montag, 21. Juni, gibt es ein Konzert zum runden Geburtstag der Musica Viva mit Highlights Neuer Musik aus drei
Jahrzehnten. Es spielen Helmut Erdmann, Bernd Kremling und Helmut Bieler, es singt Marie Schmalhofer. Alle Veranstaltungen um 19.30 Uhr im Kammermusiksaal bei Steingraeber.
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