25.05.2010, 10:00 Uhr
NEUENMARKT. Für drei Tage hat sich an den Pfingstfeiertagen Neuenmarkt in ein Mekka für historische Dampflokomotiven aus ganz Europa verwandelt.

Zum Jubiläum „175 Jahre Deutsche Eisenbahn“ fuhr rund ein Dutzend Sonderzüge, gezogen von den schwarzen Giganten, pfeifend und rauchend in den Bahnhof des Eisenbahnerdorfes Neuenemarkt ein. Erlebnisfahrten über die Schiefe Ebene, die gesäumt war von zahlreichen Zuschauern, ausgerüstet mit Foto- und Videokameras, begeisterten die Massen. Auf dem Museumsgelände gab es über 30 Dampflokomotiven zu bestaunen, ein Modellbahnmarkt lud zum Stöbern nach Raritäten ein. In den drei Tagen war nicht nur das Bayerische Fernsehen zu Gast, das die Sendung „Auf geht’s zum Eisenbahnjubiläum“ drehte, sondern auch ein Aufnahmeteam eines japanischen Fernsehsenders.
Harte Arbeit für die eiserne Lady
Harte Arbeit 12.38 Uhr, Gleis 3: Lokführer Oliver Brückom meldet an den Fahrdienstleiter „Zug fahrbereit“. Ächzend und schnaubend setzt sich die 96 Tonnen schwere Dampflok in Bewegung. Vor der eisernen Lady liegt ein Stück harte Arbeit. Auf einer Länge von nur acht Kilometern hat sie zwischen Neuenmarkt und Marktschorgast einen Höhenunterschied von 158 Metern und eine Steigung von bis zu 22 Prozent zu bewältigen: die Schiefe Ebene.
Zehn Waggons hat die 58 311, Baujahr 1921, bis nach Marktschorgast im Schlepptau. Zwischen Lok und Waggons hängt der Tender. Sechs Tonnen Kohle und 21.000 Liter Wasser sind die Ladung, die dem Giganten Dampf machen. Das Bodenblech erzittert und Heizer Matthias Polz öffnet zum wiederholten Mal das Feuerloch. Stechende Hitze schlägt der Mannschaft auf dem Führerstand entgegen. Schwitzend lässt der 48-Jährige die Steinkohle in der glutroten Öffnung verschwinden und gibt der fast 90-Jährigen damit Kraft für den Anstieg.
Während sich die „badische G 12“ nach oben müht, herrscht in den Waggons die Leichtigkeit der Nostalgie. Köpfe werden aus allen Fenstern gestreckt, es wird gewunken. An der Strecke haben sich unzählige Foto- und Videografen postiert und rücken mitunter den Gleisen und der schnaubende Dampflokomotive gefährlich nahe. Polizeibeamte hohlen die „Leichtsinnigen“ zurück in sichere Bereiche.
Heiß und rußig
Vorne auf dem Führerstand hingegen wird kaum gesprochen. Es ist laut, eng, heiß und rußig. Vier Männer und acht Hände wissen genau, was zu tun ist. Die 58 311 gehört den Ulmer Eisenbahnfreunden. „Sie ist eine echte Rarität“, erzählt der 30 Jahre alte Lokführer Brückom. Von Darmstadt aus brachte er mit seiner Mannschaft das Gefährt nach Neuenmarkt, um die Besucher über die Schiefe Ebene zu fahren.
Mit auf dem Führerstand ist der 16-jährige Heizerlehrling René Polz, der in die Fußstapfen seines Vaters treten will. Und Manuel Widmer, dessen Ziel die Lokführerprüfung ist. Alle stammen aus dem Stuttgarter Raum. „Mit dem Führen der Loks und dem Transport von Fahrgästen übernimmt man große Verantwortung“, ist sich Oliver Brückom bewusst. Mit dem Lokfahren hat er sich einen Kindheitstraum erfüllt. „Der Reiz ist, die Technik hautnah zu erleben“, schwärmt er.
Nun, kurz vor Marktschorgast, fordern Signale und die Steigung die Aufmerksamkeit der Männer. Die alte Dampfeisenbahn verliert an Tempo. Das Feuerloch wird zum wiederholten Male geöffnet. Es verschluckt während der acht Kilometer langen Fahrt eine halbe Tonne des schwarzen Goldes. Brückom lässt die Dampfpfeife ertönen, als wolle er die Seniorin noch einmal anfeuern, alles zu geben. Dunkler Rauch steigt in den azurblauen Himmel und erfüllt die Luft mit dem typischen Duft nach verbrannter Steinkohle. In der Ferne ist schon der Bahnhof Marktschorgast auszumachen. Ziel erreicht – gut gemacht alte Lady.
Auf Sonderfahrt
Die Zuglok 58 311 stand als nicht-betriebsfähiges Ausstellungsstück im Deutschen Dampflokmuseum. 1984 erwarben die Ulmer Eisenbahnfreunde die Zugmaschine. Nach erfolgter Hauptuntersuchung konnte die Lok am 8. Juni 1985 bereits wieder zugelassen werden und kam bei den Fahrzeugparaden der DB zum 150-jährigen Jubiläum erstmals wieder vor großem Publikum zum Einsatz. Seither ist sie bei Sonderfahrten in ganz Deutschland, Frankreich und der Schweiz zu bewundern.
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