WUNSIEDEL. Was haben wir sie beneidet, die liebe kleine Hexe! Uns froren die Füße bei regnerischen vier Grad plus, dem zauberhaften Zaubermädchen brannten sie so sehr, dass sie qualmten. Aber wahrscheinlich haben Publikum und Titelfigur von Otfried Preußlers Kinderbuch sich gegenseitig bene...
Ein zauberhaftes Duo: Katharina Schwägerl als Kleine Hexe und Johann Anzenberger als Rabe Abraxas. Foto: Bessermann
Was haben wir sie beneidet, die liebe kleine Hexe! Uns froren die Füße bei regnerischen vier Grad plus, dem zauberhaften Zaubermädchen brannten sie so sehr, dass sie qualmten. Aber
wahrscheinlich haben Publikum und Titelfigur von Otfried Preußlers Kinderbuch sich gegenseitig beneidet. Der kleinen Hexe nämlich war zur Strafe für schlampiges Zaubern der Besen
entzogen worden, und sie hatte, statt auf dem Blocksberg in der Walpurgisnacht mittanzen zu dürfen, zu Fuß ins ferne Oberfranken zurückhatschen müssen. Gestern Vormittag war
dies die erste Premiere der Saison auf der Luisenburg.
Vier Tage war die kleine Hexe (sympathisch und quirlig: Katharina Schwägerl) unterwegs gewesen, sehnsüchtig erwartet von ihrem Raben Abraxas, der vor lauter Ungeduld vergessen hatte, den
Kalender abzureißen. Was für ein Vogel! Johann Anzenberger, der ihn hinter einer Riesen-Rabenschnabelnase spielte, hätte mit seinen zweibeinigen Riesensprüngen jeden echten
Raben vor Neid erblassen lassen. Zudem bewegte er sich nach Vogelart so ruckartig wie nur irgendein gelerntes Federvieh.
Wildschweindreck am Schuh
Dennoch war er kein sprichwörtlicher Schräger Vogel. Deren gab es einige, zum Beispiel die Rabauken, die zwei Kindern den frisch gebauten Schneemann demolierten oder den Förster, der
in „seinem“ Wald keine Holzsammler duldete, sonst aber der Herr Saubermann in Person war. Mit Wildschweindreck an den Schuhen schimpfte er lauthals über die Unart, „nur, weil
man ein Tier ist, einfach in den Wald zu scheißen“.
Und dann natürlich noch die Muhme Rumpumpel! Trotz des vorher bekannt gemachten Fotografierverbots durch den Intendanten knipste diese Caroline Hetényi drauflos, wenn es darum ging, die
Sünden der Hexen-Anfängerin festzuhalten. Denn: kaputte Schneemänner wieder aufzurichten, Holzlesern das Sammelgut vor die Füße regnen zu lassen und einen dauerniesenden
Maronimann vom Schnupfen zu heilen, das sind zwar gute Taten, aber nicht aus der Hexenperspektive. Stasi-Rumpumpel hielt alles fest, um unsere Heldin beim Hexen-Abitur trotz glänzender
Leistungen doch noch durchfallen zu lassen.
Der Hexenzunft tat sie damit keinen Gefallen. Wer ohne Probleme das Wunder von Seite 1325 des großen Zauberbuchs vollbringt und ohne nachzuschlagen weiß, dass dabei ein höchst
gefährlicher Kugelblitz herauskommt, der bezwingt auch spielend seine sonst so gefährlichen Mithexen. „Hokuspokus“ macht die kleine Hexe, und schon ist’s vorbei mit
jeglicher böser Zauberei. Seitdem wird in aller Welt nur noch Gutes gehext. Und wer’s nicht merkt, hat ein Problem, von dem ihn ein Luisenburg-Besuch heilen kann.
Solch Hexenglaube ist altmodisch? Nicht in Wunsiedel! Die dortige Muhme Rumpumpel fliegt motorisiert mit dem Staubsauger, und wenn die kleine Hexe per echtem Zauberbesen vom Himmel
herniederfährt, kommt einem die ganze menschliche Fliegerei altmodisch vor.
Wir dagegen, die wir die Wunder von Wunsiedel live erlebt haben, sind auf der Höhe der Zeit und haben uns dafür mit großen Beifall – auch bei Regisseurin Petra Wüllenweber
– bedankt.
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