10.05.2010, 15:30 Uhr
Von Frank Piontek
BAYREUTH. Eine Eröffnung der „Musica“, die nicht im Opernhaus stattfindet? Sie kann durchaus glanzvoll sein.
Die Erinnerung an die Markgrafen mag mitschwingen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Markgraf Christian Ludwig, dem Bach seine „Brandenburgischen Konzerte“ widmete, den Musiker
Jaenichen in Diensten hatte, dem mit guten Gründen die Verfasserschaft des einstmals der Wilhelmine gehörenden Cembalokonzerts zugeschrieben wird. Die Stadthalle ist jedenfalls sehr gut
gefüllt, als Viktor Lukas mit einer „Solistengemeinschaft der Musica Bayreuth“ das Podium betritt und sich an das Neupert-Cembalo setzt.
Herzhaftes „Bravo!“ erschallt
Das Instrument ist eines der Indizien dafür, dass hier – soweit es das Instrumentarium betrifft – wenigstens teilweise nach den sogenannten „historischen“
Aufführungskriterien musiziert wird. Bach selbst hat ein derartiges zweimanualiges 16’-Register-Cembalo benutzt, wenn er kammermusizierte, es klingt herrlich zirpend, wenn Lukas die
berühmten 65 Solotakte des 5. Konzerts spielt, bevor nach dem Schlusssatz dieses Konzerts ein herzhaftes „Bravo!“ in den Raum tönt.
Nein, man muss nicht meckern, weil die Corni da caccia moderne Ventilhörner sind und an die Stelle der Traversflöte eine silberne Querflöte gerückt ist; die Solisten sind
allesamt glänzend, vital, gut gestimmt und fröhlich bei der Sache: lauter Individuen, die einen schwingenden Organismus formen, von der ersten Geige Walter Forcherts (wunderbar
lässig, wie er die Verzierungen bringt) zum Kontrabass Günter Klaus’, der nicht weniger zu tun hat als die erste Violine. Auch er lächelt gelegentlich, dabei ist die Musik
Schwerarbeit – aber sie muss unendlich Spaß machen, man sieht das. Der Oboist Kai Frömbgen schwitzt, völlig zurecht, Lukas gräbt sich in die Tasten, die Violoncelli
versenken sich in und an ihre(n) Instrumente(n), man wirft sich wellenförmig die geistreich versetzten Einsätze zu – und die Blockflöte, Sabine Ambos, zeichnet mit ihren
Schleifen die Optik der Musik nach. Das alles ist bravourös und heiter, die Sätze zünden wie eine Rakete, die sehr weit und hoch fliegt, und in den anderen Sätzen –
nein, nicht alles ist Spaß auf Erden – eine tiefe Trauermusik, man musiziert da, bisweilen im wundersamen Duo, eine zarteste Kammermusik vom Besten.
Bach hat jedes Konzert für eine eigene Besetzung geschrieben, das Ensemble folgt ihm in diesen Differenzierungen des Klanges, der Farbe, des stets federnden Rhythmus – und spät
tritt wieder ein neues Gesicht, die Gambe hinzu, in exzentrischem Rot, mit elfenbeinverziertem Körper.
Spätestens, wenn im 6. Konzert sechs Streicher um das Cembalo gruppiert sind, hat man den Eindruck, dass hier sieben Freunde miteinander musizieren, und man schämt sich fast, dieser
privaten Veranstaltung zu lauschen. Beim letzten Konzert schließlich, mit dem Trompeter Wolfgang Bauer ist ein wahrlich ausgezeichneter Musiker auf die Bühne getreten (Bachs Konzerte
sind Konzerte der Überraschungen), denkt man unwillkürlich: Ist schon Weihnachten angebrochen? Klingt das alles nicht wie ein Gloria? Allein der Trompeter ist „nur“ ein
primus inter pares, und noch einmal fühlen wir: das ist eine Musik zum puren Glücklichsein. Bravo!
Foto: Kolb
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