07.05.2010, 11:49 Uhr
Von Gero v. Billerbeck
BAYREUTH. Er wird mit Wilhelm Busch (1832 bis 1909) verglichen und ist doch ein ganz anderer. Rudolf Hesse (1871-1944) war wie sein zeitweiliges Vorbild als locker-fröhlicher Spötter ein begnadeter Karikaturist. Als Künstler der ernsten Maler-Muse blieb er jedoch von der Busch’schen Tragik verschont, im eher epigonalen Nacheifern älterer Meister stecken und damit relativ erfolglos zu bleiben. Seit Mittwochabend zeigt eine Ausstellung im Neuen Rathaus diesen Rudolf Hesse als einen von vielen Wegbereitern der Moderne.
Freilich hat er in jungen Jahren noch nicht viel gemeinsam mit den bekannteren Paul Klee oder Franz Marc, die wie er um die Wende zum 20. Jahrhundert herum an der Königlich Bayerischen
Akademie der Bildenden Künste studierten. Ein Mutter-Ölporträt von 1904 orientiert sich noch bedingungslos an den „Niederländern“, die von seinem gleichnamigen
kunstinteressierten Schwabinger Umkreis verehrt wurden. Erst die Schrecken des Ersten Weltkriegs öffneten ihm die Augen fürs „Wesentliche“, wenn man die ersten Schritte in
Richtung Abstraktion so bezeichnen kann. Religiöse Motive („Kreuzabnahme“, „Maria unter dem Kreuz“ und Beweinungen Jesu) lassen die eher fotografisch erfasste
„Realität“ bereits weit hinter sich.
Fliegender Sensenmann
Auch sein bis dato vorwiegend spottlustiger Zeichenstift begreift den bitteren Ernst der Kriegs- und Nachkriegssituation. Er lässt den Geier einer „Hungersnot“ (1918) sich seine
Opfer holen, begleitet einen „Tod auf dem Schlachtfeld“ (1918), den er bereits 1914 als fliegenden Sensenmann seine „Verheerung“ anrichten lässt.
Kunst geht allerdings auch nach Brot. In den Kriegsjahren malt er einen schneidig-lässigen „Leutnant“, der sich inklusive Zigarette wohl so malen ließ, wie er sich sehen
wollte. Ein hübscher Kerl auf einem höchst gekonnten Auftragsgemälde.
Hat der Karikaturist schon vorher geahnt, welche Schrecken auf ihn lauern? 1910 macht er uns noch schallend lachen über die im Eilmarsch auf einer schnurgeraden perspektivischen Straße
davonstürmenden Soldaten. 1914, bei der immer noch komischen „Mobilmachung“, wird er schon ernster. Allerdings hat er auch ein Jahr später noch Sinn für Heiterkeit, als
ihm ein „Zechpreller“ bis auf einen Galopp-Fuß bereits aus dem Bild geeilt ist, während der düpierte Kellner dem Flüchtling verbiestert hinterher schaut.
1912 hat er ein gemaltes Schmunzelbuch namens „Spaß muss sein“ verfasst. Es hat dieser 98 Jahre späteren Ausstellung ihren Namen gegeben. Noch mit über 40 Jahren kann
Rudolf Hesse darin seinen geistigen Ziehvater nicht verleugnen. In die Federzeichnung „Unliebsame Diskussion“ (zirka 1912) haben sich Reinkarnationen von Wilhelm-Busch-Figuren
verirrt, und noch 1913 verpasst er dem von ihm illustrierten lustigen Buch „Fritz und Heinrich“ ein Titelblatt, als ob die geschilderten Knaben „Max und Moritz“
hießen.
Zahllose weitere Skizzen und Karikaturen weisen Hesse jedoch als durch und durch originären Künstler aus. Spaß muss sein – auch in der darstellenden Kunst, wo wir derlei
leider nur selten finden. Freuen wir uns also an einem Künstler, den auch Persönliches mit Bayreuth verbindet. Seine Tochter Lilly, der er Jahrzehnte lang die von ihr gebauten
Puppenstuben mit Mini-Gemälden ausstattete, starb hier mit 100 Jahren hochbetagt im vergangenen Jahr – und hinterließ mit Professor Werner Grüninger einen Sohn, der sich
nicht nur als hiesiger Stadtrat einige Verdienste um Bayreuth erworben hat.
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