07.05.2010, 21:00 Uhr
KULMBACH. Immer mehr Menschen brauchen trotz einem Job Zuschüsse aus Hartz IV, um ihren Lebensunterhalt wenigstens auf niedrigstem Standard finanzieren zu können. 10,9 Milliarden Euro hat die Bundesrepublik allein im vergangenen Jahr für diesen zuschussbedürftigen Personenkreis aufgewendet. Knapp 800 Menschen aus dem Landkreis Kulmbach sind von diesem Thema ebenfalls betroffen. Ihr Lohn ist niedriger als der Hartz- IV-Satz.
Wenn Jürgen Jakob, Vorsitzender der Region Oberfranken Ost des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), daran denkt, dass Menschen zum Teil selbst bei ganztägiger Arbeit deutlich unter der
700-Euro-Grenze liegen, schwillt ihm der Kamm: „Wir sagen schon seit Jahren, das ist Ausbeutung hoch drei. Stundenlöhne von zum Teil deutlich unter fünf Euro sind eine absolute
Frechheit!“ Zunehmend gebe es auch in der hiesigen Region immer mehr Firmen, die meinten, ihre Löhne teilweise mit Steuermitteln finanzieren zu können.
Krasse Fälle begegnen dem DGB-Mann in letzter Zeit. Da gebe es eine Verleihfirma mit Sitz in Plauen, die Arbeitnehmer aus Hof oder auch Kulmbach beschäftigt und sie dann zum Beispiel in
Hof einsetzt. „Die kriegen dann Ostlöhne zwischen 3,50 und 4,50 Euro in der Stunde. Solche schwarzen Schafe haben wir querbeet. Da werden Menschen radikal ausgenutzt“, sagt
Jakob.
Wie radikal dieses Ausnutzen ist, beschreibt er anhand des Beispiels einer Briefzustellerin aus der Region, die kürzlich beim DGB um Hilfe gebeten hat. Die Frau wurde von ihrem Arbeitgeber
nicht nach Stunden, sondern der Zahl der zuzustellenden Briefsendungen bezahlt und musste davon auch noch ihre Fahrtkosten abziehen. Jakob wird heute noch wütend, wenn er sich an diese
Geschichte erinnert: „Wenn man alle Kosten abgezogen hat, blieben der Frau gerademal noch netto 230 Euro im Monat – und das bei 40 Wochenstunden. Da zocken einige rigoros ab.“
Der Frau hat Jakob geraten, sofort zu kündigen und Arbeitslosengeld zu beantragen. Dafür hätte dann auch die Agentur für Arbeit Verständnis gehabt: „Solche
Löhne sind Missbrauch und sittenwidrig. Inzwischen klagen die Arbeitsagenturen gegen solche Arbeitgeber bereits auf Erstattung der Beiträge.“ Ein gerechter gesetzlicher
Mindestlohn ist nach Jakobs Überzeugung der einzige Ausweg aus der Misere. mb
Foto: Burger
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