18.04.2010, 15:11 Uhr
Von Jakob Struller
BAYREUTH. Eine barocke Festspielstadt von Weltrang hat er erwartet, bekommen hat er einen „hermetisch abgeriegelten Kulturbunker“. Olaf Schubert ist anspruchsvoll und war mit seinem Auftrittsort, dem Zentrum, am Samstagabend nur mäßig zufrieden. Aber, so bekundete der selbst ernannte Wel...
Eine barocke Festspielstadt von Weltrang hat er erwartet, bekommen hat er einen „hermetisch abgeriegelten Kulturbunker“. Olaf Schubert ist anspruchsvoll und war mit seinem
Auftrittsort, dem Zentrum, am Samstagabend nur mäßig zufrieden. Aber, so bekundete der selbst ernannte Weltverbesserer und Humorist „jetzt sind wir schon mal da, jetzt
zieh’n wir’s durch“.
„Während die meisten Menschen in ihrem Leben nur einen Kampf haben und daran in der Regel scheitern, verteilt Olaf Schubert seine Kräfte auf mehre Kämpfe“, so
moderierte der eigens mitgebrachte Laudator und später Bassist Bert Stephan den Kabarettisten und „größten Gedankengigant der Gegenwart“ an. Der kam sogleich auf die
Bühne, wie immer mit nur spärlich von einem Karopullunder bedeckten Oberkörper. Nicht zu überhörendes Sächsisch, vorgetragen von einer hohen Stimme, damit
kämpft Olaf Schubert gegen alles Böse in der Welt. Und so heißt sein aktuelles Programm auch „Meine Kämpfe“. Die ficht er an so vielen verschiedenen Fronten aus,
dass es ihm kaum gelingt, sie alle aufzuzählen.
Den Anfang macht sein steter Kampf mit der eigenen Gesundheit. Als „Spross alten sächsischen Amputationsadels“, also einer Chirurgenfamilie befasst er sich leidenschaftlich,
nicht ohne persönliche Betroffenheit, mit medizinischen Themen. 150 Prozent aller Deutschen – und das ist schließlich jeder eineinhalbte, haben Rückenprobleme, weiß
Schubert zu errechnen. Seine Lösung: Die richtige Körperhaltung. „Kopf hoch, Brust raus, Becken raus, Stirn sowieso, wie ich es mir angewöhnt habe.“ Witze auf Kosten
der eigenen schütteren Haarpracht kommen im Laufe des Programms noch öfter. Und immer gut an beim Publikum im nahezu voll besetzen Europasaal.
Gewollt unrhythmisch
Musik ist auch immer dabei. Gemeinsam mit dem Bassisten Bert Stephan und dem Gitarristen Jochen Barkas singt er zwischen den Redepassagen von sich selbst, seiner Umwelt und wie immer: all seinen
Kämpfen. Gewollt unrhythmisch kommen die meistens Song daher. Die Texte präsentieren sich mehr oder weniger absurd. „Es müssen Maßnahmen eingeleitet werden“,
trällert er zum Beispiel „die ich jetzt nicht näher auflisten möchte, weil das rhythmisch unsolider rüberkommen würde“. Unnötig hinzuzufügen, dass
schon diese Mitteilung selbst nur ansatzweise mit dem Rhythmus in Einklang steht.
Natürlich ist es nicht nur die Gesundheit, mit der Olaf Schubert zu kämpfen hat. Manchmal, so scheint es, hat er sogar mit seiner Wasserflasche zu kämpfen, aus der er hin und
wieder einen Zug nimmt und sich dazu ausladend nach hinten beugt. Als brauche er einen tiefen Schluck, um das, was da kommen mag, zu überstehen. Gegen „Mittelmäßigkeit und
Unterwürfigkeit“, kämpft er, mit Problemen en masse hat er sich herumzuschlagen. Die Krise, der Konflikt im Nahen Osten und die Atomproblematik sind zwar dabei, erhalten aber nur
verhältnismäßig kurze Würdigung in Schuberts Programm. Im Lied „Ich bin Ich“ sieht er ein: „Ich würde auch kämpfen gegen Atomkraft und laute
Nachbarn, aber das liegt leider nicht im Rahmen des zeitlich Machbaren.“ Wichtiger ist da schon der „Konflikt auf Ceranbasis“, der Kampf der Geschlechter, ausgetragen meist in
der Küche, an dem er die mit Abstand härteste Front vermutet. „Warum wird die Frau seit 5000 Jahren unterdrückt?“, fragt er und antwortet selbst mit der abgegriffenen
Pointe: „Weil es sich bewährt hat.“ Das Publikum johlt, Schubert distanziert sich zwar gleich wieder von der Aussage des Kalauers, bleibt dann aber einige Zeit niveautechnisch
nah an ihm dran. Weibliche Soldaten, vermutet er, würden im Krieg mit Sicherheit kratzen, schubsen und den Gegner totquatschen, die Waffe der Frau war früher die Bratpfanne, jetzt ist
es der „Leib himself“. Schubert erntet Lacher für das, was er da zum Besten gibt, wird seinem Anspruch als Weltverbesserer in dieser Passage allerdings gar nicht und dem als
Humorist allenfalls durch die Verwendung aberwitziger Wortkonstruktionen gerecht.
Das Spiel mit der Sprache
Besser ist Schubert bei anderen Themen. Wenn er nach der Pause von Ungerechtigkeit, Überalterung und Sprachverschandelung klagt. Am besten ist er aber, wenn er mit ebendieser Sprache spielt.
Je mehr Neologismen, Partizipialkonstruktionen und aberwitzige Betonungen er in seine Ausführungen einbaut, desto witziger ist er. Er „möchte ein Problematom verprangern“
wenn ihm etwas nicht passt. Wenn sein Bassist mal wieder nicht, wie ihm aufgetragen, auf der Bühne steht, ist der „okkulten Verbleibs“. Bei Schubert ist man sich nicht einig,
„es herrscht Konsens“. Und manchmal wird es so absurd, dass selbst der Rezitator bekennen muss: „Da kann ich jetzt auch nur vermuten, was ich damit meine.“ Aber:
„Wie ich mich kenn, wird’s schon stimmen.“ Mit Wortspielen und Sprachakrobatik bombardiert Schubert das Publikum. Das ist manchmal flach, aber witzig. Meistens aber ist es
durchdacht und richtig witzig. Und gut genug, dass er flache Frauenwitze eigentlich nicht nötig hätte.
Umwelt und Ordnung
Themen zur Auswahl hat er schließlich genug. Mit Umweltproblemen hat er zum Beispiel auch zu kämpfen. In 30 Jahren, da ist sich „das Wunder im Pullunder“ sicher, wird, wer
noch Öl im Keller hat, vom „Dschihad, ähm, dem G.I.“ aufgesucht. Das Öl wird konfisziert werden und ins Museum gebracht, in besagtem Keller wird eine Demokratie
errichtet. Und weil „die in Deutschland herrschende soziale Kälte nicht ausreicht, um die Klimaerwärmung zu kompensieren“, muss auch hier Schubert, der selbst ernannte
Mahner und Erinnerer, ran. Verhältnismäßig gut bestellt ist es noch, findet er, um die lokalen Problemchen. Gerade in Bayreuth ist die Welt noch in Ordnung. Denn „hier sind
ja alle verwandt“. Auch das Festspielhaus und die Altstadt stehen noch, weil „schlampig gebombt“ wurde. Wenn wir Bayreuther also Probleme wollten, müssten wir uns drum
kümmern.
Aber selbst dabei könnte uns sicherlich Olaf Schubert helfen. Denn in seinem letzten Lied versichert er: „Will man dich betrügen auf der Insel Rügen, schmeckt dein Kaffee
bitter in Salzgitter, will man sich mit dir zanken in Oberfranken, wenn deine Frau einen anderen erfreut in Bayreuth – Ich bin bei dir!“.
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