19.04.2010, 10:00 Uhr
BAYREUTH. Seit April 2009 steht Professor Rüdiger Bormann als Präsident an der Spitze der Universität Bayreuth. Sinkende Mittel für Lehre und Forschung, Studentenproteste zum Jahreswechsel und die Vorbereitung auf den doppelten Abiturjahrgang 2011. Keine leichten Bedingungen. Bormann macht sein Job dennoch Spaß, wie er Kurier-Redakteur Christian Martens im Gespräch zum Start des Sommersemesters sagte.
Frage: Sie haben ihr Amt vor einem Jahr übernommen. Macht der Job als Präsident der Uni Bayreuth Spaß?
Bormann: Ja, eindeutig. Ich bin sehr freundlich und konstruktiv aufgenommen worden. Das ist nicht selbstverständlich, da ich ja als Externer gekommen bin. Im ersten Jahr
habe ich die Universität noch nicht vollständig, aber in vielen Bereichen kennengelernt.
Frage: Bayreuth ist nicht Hamburg: Haben Sie den Wechsel schon einmal bereut?
Bormann: Nein. Ich wollte mich auf neue Dinge einlassen, das motiviert mich. Ich wusste, dass es hier keine dicken Schiffe gibt und die Elbe nicht durch Bayreuth fließt. Die
hügelige Landschaft, die Seen, die Fränkische Schweiz und die Umgebung von Bayreuth gefallen mir wirklich sehr gut.
Frage: Zum Semesterstart: Wie entwickelt sich die Studierendenzahl?
Bormann: Die Zahlen der Einschreibung zum Sommersemester 2010 werden getrennt nach erstem Fach- und erstem Hochschulsemester sowie der Gesamtzahl an Studierenden geführt.
Aktuell liegt die Zahl der ersten Hochschulsemester bei 155. Das ist natürlich eine andere Größenordnung als im Wintersemester, weil im Sommer weniger Studiengänge beginnen.
Die Erwartung ist, dass die Zahlen nicht unter denen des vergangenen Sommersemesters liegen.
Frage: Ist das Soll für die Zielvereinbarung zur Ausbauplanung damit erreicht?
Bormann: Die vereinbarten Zahlen beziehen sich auf das gesamte Jahr. Entscheidend für die Mittelvergabe ist dabei die Summe der ersten Hochschulsemester. Die
Sollgröße in Sommer- und Wintersemester liegt bei 1998 Studierenden. Ich bin optimistisch, das Ziel zu erreichen. In der Vergangenheit lagen wir immer über der Vorgabe.
Frage: Wie bereitet sich die Uni auf den Ansturm des doppelten Abiturjahrgangs vor?
Bormann: Wir werden zusätzliche Studiengänge, aber auch Vorbereitungskurse für das anschließend im Winter beginnende Studium anbieten. Hierfür werden
weitere Mittel vom Freistaat zur Verfügung gestellt. Welche Studiengänge im Sommersemester 2011 angeboten werden, legen wir mit Rücksicht auf die begrenzten Mittel Ende April
zusammen mit den Dekanen fest.
Frage: Welche Einstellung erwarten Sie von einem Studienanfänger?
Bormann: Ich hoffe, dass die Studierenden sich genau überlegt haben, was sie studieren und warum sie studieren wollen. Die Studierenden sollten das Studium sowohl als
persönliche Bildung als auch als wissenschaftliche Ausbildung begreifen. Dabei geht es nicht nur um die Qualifikation für eine Hochschullaufbahn, denn viele suchen später einen
Beruf außerhalb der Universität. Durch die Bologna-Reform hat sich der Ausbildungsaspekt deutlich verstärkt. Hilfreich bei der erfolgreichen Studienwahl sind deshalb Eignungstests,
die nach der persönlichen Motivation und dem Berufsvorstellungen fragen.
Frage: Trifft die Studenten heute die Härte des Lebens schon im Studium?
Bormann: Es ist nicht die Härte, sondern die Freude des Lebens, die die Erstsemester erwartet. Wenn die Ziele sinnvoll gewählt worden sind, kann die Ausbildung auch
Freude machen. Das Studium ist dafür da, die Entwicklung der Studierenden dahingehend zu unterstützen, dass sie später einen Beruf ausüben können, der ihnen Spaß
macht und ihr Leben mit Sinn erfüllt.
Frage: Die Proteste im Winter waren Ausdruck der Unzufriedenheit der Studenten. Können Sie Anfängern die Angst vor Leistungs- und Prüfungsdruck nehmen?
Bormann: Ich habe mit vielen Studierenden gesprochen, und ich habe den Eindruck, dass die Proteste nur von einer geringen Zahl inhaltlich voll geteilt werden. Die meisten
fühlen sich wohl und empfinden das Studium als eine positive Herausforderung. Dazu gehören auch Prüfungen, die den Studierenden ermöglichen, ihren Leistungsstand realistisch
einzuschätzen. Beim Übergang von der Schule an die Universität und beim Beginn eines neuen Lebensabschnitts versuchen wir jungen Studierenden durch gute Betreuung zu helfen.
Frage: Sie wollen die Lehre verbessern. Wie können die Studenten die Qualität der Lehre beurteilen?
Bormann: Der Erfolg guter Lehre lässt sich vor allem daran messen, dass die jungen Menschen sich persönlich und fachlich weiterentwickeln und nach dem Studium gute
Berufsaussichten haben. Gleichzeitig muss es so sein, dass sich die Studierenden motiviert fühlen, eigenständig zu lernen und sich zu engagieren. Neben der Zufriedenheit der
Studierenden ist deshalb die Abbrecherquote ein wichtiges Kriterium.
Frage: Wie sehen sie mit einigen Monaten Abstand, dass die Studenten in ganz Deutschland auf die Straße gegangen sind und Hörsäle besetzt haben – auch in
Bayreuth?
Bormann: Ich finde die Reaktion der Studierenden auf die Unterfinanzierung der Hochschulen nach wie vor richtig. Faktisch sind die Mittel für Lehre und Forschung in den
letzten beiden Jahren um 17 Prozent reduziert worden. Das ist eine bedenkliche Entwicklung, die Probleme aufwirft. Dass dies die Studierenden unangenehm zu spüren bekommen, kann ich gut
nachempfinden.
Frage: Falsch aber ist aus Ihrer Sicht die Forderung zur Abschaffung oder Senkung der Studiengebühren.
Bormann: Es ist klar, dass gute Rahmenbedingungen für die Lehre auch Geld kosten. Tutorenprogramme werden beispielsweise zum Teil aus Studienbeträgen bezahlt. Die
Grundlast wird vom Ministerium gedeckt, aber für eine weitere Verbesserung der Lehre brauchen wir die Studienbeiträge. Eine Abschaffung oder auch Senkung der Beiträge würde
dazu führen, dass sich die Studien- und Lehrbedingungen verschlechtern würden. Deswegen halte ich diese Forderung zu diesem Zeitpunkt für nicht zielführend.
Frage: Die Mehrheit der Bayreuther Studenten wünscht sich dennoch die Senkung von 500 auf 300 Euro.
Bormann: Ich habe bisher wenig sachlich fundierte Argumente für eine Reduzierung gehört. Zudem basierte die Forderung auch auf der Voraussetzung, dass der
Differenzbetrag vom Staat kompensiert wird. Hier sehe ich im Moment aber wenig Chancen die fehlenden 200 Euro vom Ministerium zu bekommen. Eine Entscheidung über den Antrag der Studierenden
fällt frühestens im Juni im Senat der Universität. Übrigens: An den Abstimmungen, die zu der Forderung nach einem Absenken der Studienbeiträge geführt hatten, hat
sich ein Viertel der Studierenden der Universität Bayreuth beteiligt.
Frage: Sie verstehen die Verwendung von Studienbeiträgen als Standortvorteil. Sollte das Geld der Studenten auch zum Bau von Gebäuden ausgegeben werden?
Bormann: Das Land wird immer versuchen, alle notwendigen Baumaßnahmen zu finanzieren. Zusätzliche Arbeitsmöglichkeiten für selbstständiges Lernen werden aber ein
Thema sein, das uns zunehmend beschäftigen wird. Ich wünsche mir hier die Unterstützung der Studierenden durch eigene Initiativen.
Frage: Wenn die Kritik berechtigt war: Was sind die zählbaren Ergebnisse des Bildungsstreiks an der Uni Bayreuth?
Bormann: Ein Hauptkritikpunkt war die hohe Prüfungsdichte. Dem gehen wir weiter nach. Es muss eine Balance gefunden werden zwischen dem hilfreichen Feedback, wo die
Studierenden jeweils stehen, und der persönlich als zu hoch empfundenen Belastung – auch für die Lehrenden. Die Kommission hat nun die Aufgabe, ein studiengangspezifisches
Gleichgewicht zu finden – und muss dabei auch die Auswirkungen auf die Mobilität während der Studienzeit berücksichtigen.
Frage: Wie weit bringen sich die Streikenden heute noch ein?
Bormann: Ich habe immer gefordert, dass sie ihre Vorschläge in das Studierendenparlament einbringen und dass diese dort besprochen werden müssen. Sie können nicht als
separate kleine Gruppe auftreten und beanspruchen, die Meinung aller Studierenden zu vertreten.
Frage: Bayreuth brennt war das Motto des Streiks. Lodert das Feuer aus ihrer Sicht noch?
Bormann: Wir brauchen die Erfahrungen und Anregungen der Studierenden bei der weiteren Verbesserungen der Lehr- und Studienbedingungen. Das ist ein Jahre langer Prozess und ich
werde deshalb dafür sorgen - um im Bild zu bleiben - , dass die Energie erhalten und nicht verschwendet wird. Wir wissen aus anderen Zusammenhängen, dass Energieverschwendung
Auswirkungen auf das Klima hat. Ich möchte, dass das konstruktive Klima an unserer Universität erhalten bleibt.
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