Samstag 04.02.2012, 05:11 Uhr
E-Mail: Passwort:



07.04.2010, 11:11 Uhr

 

Wunderbare Musik und tolle Stimmen

Von Christian Bubenheim

BAYREUTH. Die 23. internationale Musiktheaterproduktion des deutsch-französischen Forums junger Kunst steht im Zeichen von Verrat, Mord, Hass, Heuchelei – aber auch der Liebe. Die Operneinakter „Il Tabarro“ (der Mantel) und „Gianni Schicchi“ aus dem Opernzyklus „Il Trittico“ und der Feder Puccinis erschallten am vergangenen Dienstagabend in der Stadthalle.

 

Der Inhalt beider Werke ist simpel. In „Il tabarro“ geht zunächst der Sopran mit dem Tenor fremd, der daraufhin vom eifersüchtigen Gattenbass erwürgt wird. In der zweiten Oper wollen die Hinterbliebenen ihren Ahnen betrügen, indem sie ein falsches Testament aufsetzen lassen. Dies geschieht jedoch mit der Hilfe des Falschen, so dass die Betrüger am Ende selbst die Betrogenen sind.

Die Inszenierung ist das Ergebnis einer dreiwöchigen intensiven Probenzusammenarbeit. Die Regie übernahm Nason und die musikalische Leitung Richter. Die Freude, das Engagement bei der Sache und das Herzblut, das die Mitwirkenden in die Umsetzung geben, ist nicht zu übersehen. Das Orchester verfolgt konzentriert und professionell unter dem gut verständlichen Dirigat Richters eine klare Linie mit sauber ausgearbeiteter Dynamik, gut abgestimmten Akzenten und spannungsreichen Phrasen. Das Geschehen auf der Bühne ist ebenso lebendig, wie die Orchestermusik.

Frisch und charismatisch

Die Kostüme Caroline Demoutiers sind kreativ und abwechslungsreich, auf Rolle und Darsteller maßgeschneidert. Im Eifersuchtsdrama „Il tabarro“ sind sie makelbehaftet und glaubwürdig, in der Erbschaftskomödie schrill und bunt. Die Sänger entfalten in ihnen ihr Potenzial stimmlich und schauspielerisch. Wohin man auch sieht: Die Darsteller sind stets involviert, ob mit Blicken, Gesten, Mimik oder allem zusammen. Lebendig, frisch, charismatisch, sympathisch und energetisch gehen sie ans Werk. Alles in allem gerät so die Inszenierung zum Ohren- und zum Augenschmaus.

Besonders eindrucksvoll wirkt die panische, heuchlerische und wild umherwuselnde Meute der durch die Gier vereinten Verwandtschaft im „Schicchi“. Effektvoll und urkomisch ist der gezeigte Kontrast zwischen der gekünstelten Trauer über den Tod Buoso Donatis und die echte Trauer über das wenig lukrative Testament. Oder die Tölpelhaftigkeit des Arztes Ser Amantio di Nicolao (Ralph Jaarsma) mit Klistierspritze, dem Farmacista der Commedia dell’arte entlehnt, der sich herauskomplimentieren lässt. Das Erbe aus Dantes Göttlicher Komödie, der Commedia dell’arte und der Opera Buffa ist unverkennbar und wunderbar in die Tat umgesetzt. Hinzu gesellt sich die musikalische Qualität.

Norma Nahoun zeichnet sich durch saubere Intonation, direkten Klang und ein zartes Tremolo aus, mit dem ein unaufdringliches Vibrato einhergeht. Ihr reiner lyrischer Sopran birgt Glanz und dramatisches Potenzial. Beeindruckend voluminös präsentiert sich im „Tabarro“ Eduardo Aladrén als Luigi in seiner Leidens-Arie mit kraftvoll-dramatischem Ausdruck, Hingabe und Schmelz in der Stimme. Passend zur Rolle wirkt Nahoun im Vergleich zum sich verdüsternden gefährlichen Gatten klein, verletzlich und zerbrechlich. Chae-Il Kim gelingt mit einer musikalisch intelligenten Stimmführung, welche mit Veränderungen im Mikrotonbereich die Phrasenentwicklung vorwegnimmt, die Ausformulierung eines Subtextes von Verzweiflung, Wut, Zerrissenheit und Einsamkeit. Nachdem ihm ein fremdes Liebespaar seinen Mangel spiegelt, wirkt er in seiner Eifersuchtsarie wie ein Rache schwörender Ahab. Wenn er seine Arme ausbreitet wie eine Fledermaus ihre Schwingen, kommt mit dem roten Innenfutter des braunen Mantels das Diabolische zum Vorschein: Aus der Farbe der Liebe wird die des Blutes und der Rache.

Gegensätzlich, nämlich sehr humorvoll, gerät Nahoun die Überredungsarie der Lauretta in „Gianni Schicchi“ mit ihrer übertrieben gespielten Weinerlichkeit unter den wortlosen Kommentaren der umliegenden trauernden Verwandtschaft. Auch hier kostet Chae-Il Kim seine Rolle voll aus, wenn er – überredet – mit gebrechlicher Stimme den alten Donati imitiert.

Überwältigend

Schauspielerisch absolut überwältigend und dazu mit Tragkraft, Glanz und ausgebildetem Vibrato stimmlich überzeugend sind die Einlagen von Karine Audebert in der Rolle der Zita. Herrliche Grimassen von Entsetzen, Empörung und Ekel begleiten ihr Spiel. Mit dem Ausdruck einer grimmigen Freiheitsstatue lehrt sie Simone (Miroslaw Witowski) das Kuschen, der mit einer wunderbar hampeligen Gestik ohnmächtiger Verzweiflung die Nächsten zur Hilfe animiert. Gemeinsam zeichnen die Sänger ein urkomisches Bild mit einem Ensemble charaktervoller Stimmen und stimmungsvoller Charaktere. Die Konkurrenzkämpfe der gierigen Verwandtschaft werden sogar bei der Verneigung humorvoll ausgespielt. Mit allesamt beeindruckendem und höchst kunstvollem Spiel haben die Beteiligten gezeigt, was man in nur drei Wochen gemeinsam erreichen kann.

Es bleibt zu hoffen, dass die Bayreuther Bürger die Stadthalle bei der morgen Dernière füllen werden, denn sonst muss man für einen so guten Puccini weit reisen. Das Publikum war zu Recht vollkommen außer sich vor Begeisterung.



Artikel posten

Bookmark bei: Mr. Wong Bookmark bei: Linkarena Bookmark bei: Webnews Bookmark bei: Icio Bookmark bei: Oneview Bookmark bei: Favoriten Bookmark bei: Favit Bookmark bei: Linksilo Bookmark bei: Readster Bookmark bei: Folkd Bookmark bei: Reddit Bookmark bei: StumbleUpon Bookmark bei: diigo Bookmark bei: Technorati Bookmark bei: Digg Bookmark bei: Yigg Bookmark bei: Del.icio.us Bookmark bei: Shortnews Bookmark bei: Google Bookmark bei: Facebook mit Twitter versenden




Kommentare

Dies ist eine Nachricht aus unserem Archiv.
Es können daher keine neuen Kommentare verfasst werden.



KURIER-NEWSTICKER
SONDERTHEMEN

Kurier-Liveticker

Ankommen in Bayreuth

Kurioses

Aus der Schatz-Truhe

Kurier-Model

1

KURIER-TV
BAYERISCHER RUNDFUNK
Rundschau News
BayernwetterVerkehr in Bayern

 

Facebook - Twitter - Mobil
Medienführerschein
1
KINO-NEWS

WEITERE ONLINEPORTALE

zum Seitenanfang
www.bayreuth.de | www.festspiele.de | www.bt24.de