BAYREUTH. Die 23. internationale Musiktheaterproduktion des deutsch-französischen Forums junger Kunst steht im Zeichen von Verrat, Mord, Hass, Heuchelei – aber auch der Liebe. Die Operneinakter „Il Tabarro“ (der Mantel) und „Gianni Schicchi“ aus dem Opernzyklus „Il Trittico“ und der Feder Puccinis erschallten am vergangenen Dienstagabend in der Stadthalle.
Der Inhalt beider Werke ist simpel. In „Il tabarro“ geht zunächst der Sopran mit dem Tenor fremd, der daraufhin vom eifersüchtigen Gattenbass erwürgt wird. In der zweiten
Oper wollen die Hinterbliebenen ihren Ahnen betrügen, indem sie ein falsches Testament aufsetzen lassen. Dies geschieht jedoch mit der Hilfe des Falschen, so dass die Betrüger am Ende
selbst die Betrogenen sind.
Die Inszenierung ist das Ergebnis einer dreiwöchigen intensiven Probenzusammenarbeit. Die Regie übernahm Nason und die musikalische Leitung Richter. Die Freude, das Engagement bei der
Sache und das Herzblut, das die Mitwirkenden in die Umsetzung geben, ist nicht zu übersehen. Das Orchester verfolgt konzentriert und professionell unter dem gut verständlichen Dirigat
Richters eine klare Linie mit sauber ausgearbeiteter Dynamik, gut abgestimmten Akzenten und spannungsreichen Phrasen. Das Geschehen auf der Bühne ist ebenso lebendig, wie die
Orchestermusik.
Frisch und charismatisch
Die Kostüme Caroline Demoutiers sind kreativ und abwechslungsreich, auf Rolle und Darsteller maßgeschneidert. Im Eifersuchtsdrama „Il tabarro“ sind sie makelbehaftet und
glaubwürdig, in der Erbschaftskomödie schrill und bunt. Die Sänger entfalten in ihnen ihr Potenzial stimmlich und schauspielerisch. Wohin man auch sieht: Die Darsteller sind stets
involviert, ob mit Blicken, Gesten, Mimik oder allem zusammen. Lebendig, frisch, charismatisch, sympathisch und energetisch gehen sie ans Werk. Alles in allem gerät so die Inszenierung zum
Ohren- und zum Augenschmaus.
Besonders eindrucksvoll wirkt die panische, heuchlerische und wild umherwuselnde Meute der durch die Gier vereinten Verwandtschaft im „Schicchi“. Effektvoll und urkomisch ist der
gezeigte Kontrast zwischen der gekünstelten Trauer über den Tod Buoso Donatis und die echte Trauer über das wenig lukrative Testament. Oder die Tölpelhaftigkeit des Arztes Ser
Amantio di Nicolao (Ralph Jaarsma) mit Klistierspritze, dem Farmacista der Commedia dell’arte entlehnt, der sich herauskomplimentieren lässt. Das Erbe aus Dantes Göttlicher
Komödie, der Commedia dell’arte und der Opera Buffa ist unverkennbar und wunderbar in die Tat umgesetzt. Hinzu gesellt sich die musikalische Qualität.
Norma Nahoun zeichnet sich durch saubere Intonation, direkten Klang und ein zartes Tremolo aus, mit dem ein unaufdringliches Vibrato einhergeht. Ihr reiner lyrischer Sopran birgt Glanz und
dramatisches Potenzial. Beeindruckend voluminös präsentiert sich im „Tabarro“ Eduardo Aladrén als Luigi in seiner Leidens-Arie mit kraftvoll-dramatischem Ausdruck,
Hingabe und Schmelz in der Stimme. Passend zur Rolle wirkt Nahoun im Vergleich zum sich verdüsternden gefährlichen Gatten klein, verletzlich und zerbrechlich. Chae-Il Kim gelingt mit
einer musikalisch intelligenten Stimmführung, welche mit Veränderungen im Mikrotonbereich die Phrasenentwicklung vorwegnimmt, die Ausformulierung eines Subtextes von Verzweiflung, Wut,
Zerrissenheit und Einsamkeit. Nachdem ihm ein fremdes Liebespaar seinen Mangel spiegelt, wirkt er in seiner Eifersuchtsarie wie ein Rache schwörender Ahab. Wenn er seine Arme ausbreitet wie
eine Fledermaus ihre Schwingen, kommt mit dem roten Innenfutter des braunen Mantels das Diabolische zum Vorschein: Aus der Farbe der Liebe wird die des Blutes und der Rache.
Gegensätzlich, nämlich sehr humorvoll, gerät Nahoun die Überredungsarie der Lauretta in „Gianni Schicchi“ mit ihrer übertrieben gespielten Weinerlichkeit unter
den wortlosen Kommentaren der umliegenden trauernden Verwandtschaft. Auch hier kostet Chae-Il Kim seine Rolle voll aus, wenn er – überredet – mit gebrechlicher Stimme den alten
Donati imitiert.
Überwältigend
Schauspielerisch absolut überwältigend und dazu mit Tragkraft, Glanz und ausgebildetem Vibrato stimmlich überzeugend sind die Einlagen von Karine Audebert in der Rolle der Zita.
Herrliche Grimassen von Entsetzen, Empörung und Ekel begleiten ihr Spiel. Mit dem Ausdruck einer grimmigen Freiheitsstatue lehrt sie Simone (Miroslaw Witowski) das Kuschen, der mit einer
wunderbar hampeligen Gestik ohnmächtiger Verzweiflung die Nächsten zur Hilfe animiert. Gemeinsam zeichnen die Sänger ein urkomisches Bild mit einem Ensemble charaktervoller Stimmen
und stimmungsvoller Charaktere. Die Konkurrenzkämpfe der gierigen Verwandtschaft werden sogar bei der Verneigung humorvoll ausgespielt. Mit allesamt beeindruckendem und höchst kunstvollem
Spiel haben die Beteiligten gezeigt, was man in nur drei Wochen gemeinsam erreichen kann.
Es bleibt zu hoffen, dass die Bayreuther Bürger die Stadthalle bei der morgen Dernière füllen werden, denn sonst muss man für einen so guten Puccini weit reisen. Das Publikum
war zu Recht vollkommen außer sich vor Begeisterung.
Dies ist eine Nachricht aus unserem Archiv. Es können daher keine neuen Kommentare verfasst werden.
Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich bei der Community registrieren und einloggen.