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15.03.2010, 12:07 Uhr

 

Eine Wolfram Graf-Uraufführung

Von Frank Piontek

NüRNBERG. Mit einem Cello-Solo, ja: einem einzelnen Ton beginnt es; meditativ, wie ziseliert von einem alten Meister, dann bewegt, wie die Musik nur ein junger Komponist schreiben kann. Der Ton wird umkreist, es ist ein „g“ – wie „Graf“, und Wolfram Graf heißt denn auch nicht zufällig der Schöpfer der Kammersymphonie, die innerhalb der Reihe mit Neuer Musik im Auditorium des Neuen Museums Nürnberg uraufgeführt wurde.

 

Wolfram Graf. Foto: Kocholl

Wolfram Graf ist in Franken kein unbekannter Musiker. An der Universität Bayreuth lehrt er Künstlerisches Orgelspiel und Musiktheorie, daneben ist er Lehrbeauftragter an der Hochschule für evangelische Kirchenmusik in Bayreuth. Er ist außerdem Mitorganisator des Festivals für Neue Musik in Bayreuth, die Hofer Symphoniker haben nicht weniger als drei große Orchesterwerke – „Apokalypsis“, „Aufbruch“ sowie das Schlagzeugkonzert „Wandlung“ – uraufgeführt. Dennoch ist es selten, dass in Franken seine Werke aus der Taufe gehoben werden; die Infrastruktur ist in Nordbayern, wo Graf mit seiner Familie lebt, für neue Musik nicht sonderlich gut. Nun aber brachte das KlangKonzepteEnsemble der Neuen Pegnitzschäfer unter Jorge Rotter (fünf Bläser, drei Streicher, ein Schlagzeug) seine Kammersymphonie „Ich-Blicke“ heraus: ein achtsätziges Werk für Nonett und Sopran, das als ferne Ahnherren die Werke eines Arnold Schönberg oder Gustav Mahler aufführen kann.

Natürlich besitzt auch dieses Werk, die 3. Symphonie op. 184, den eigenen Grafschen Ton, gewirkt aus konzeptioneller Klarheit, formaler Übersichtlichkeit und emotionaler Versenkung. Variatio delectat: wenn ein ruhiges, liedhaftes Duo von Klarinette und Flöte zwischen zwei treibende Ensembleritornelle eingebaut wird – der Schlagzeuger hat nicht nur in diesem Satz enorm viel zu tun, und er tut es gut – oder auf den Soloeingangssatz das Kammerorchester wie gehetzt einsetzt, ergibt sich die Einheit aus der Vielfalt. Graf ist selbst dann unverwechselbar, wenn er – freilich ungewollt – die mit Bassklarinette und Kontrafagott ausgestatteten dunklen Klangschichten eines Richard Wagner anklingen lässt, an dessen finstere Eingänge des ersten und zweiten „Siegfried“-Akts, an dessen verkleinertes Hagen-Intervall (aus dem zweiten „Götterdämmerungs“-Akt), ja sogar an dessen Kontrabasstremoli aus dem „Parsifal“ der Hörer sich lustvoll erinnern darf: denn es ist erstaunlich, wie viel Potenzial im „alten“ Material noch drinsteckt.

Graf schrieb eine Musik, die die Stimme zulässt, die das Motiv „Ich bin“ umkreist (Monika Teepe macht das ganz berückend) und am Ende in Vokalisen, schließlich in einer glänzenden Explosion, ganz zum Schluss aber in tiefstem Frieden oben mündet. Eine „bedeutende“ Musik; es wäre schön, wenn wir sie, wie geplant, beim Festival „Zeit für neue Musik“ in Bayreuth wieder hören könnten.




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