08.03.2010, 18:17 Uhr
Von Joachim Lange
OSLO. Stefan Herheim hat den "Thannhäuser" für seine Heimatstadt so maßgeschneidert, dass Oslo darin ausgiebig vorkommt.

Wo das Publikum ohne heilige Verbissenheit auch schon mal eine Tannhäuser-Aufführung mit Szenenapplaus anreichert. Was hier sogar Charme hat.
Und was auch kein Wunder ist, wenn so unbekümmerte Theaterzauberer wie Stefan Herheim und seine Ausstatterin Heike Scheele dem Haus die eigentliche Feuertaufe verpassen. Obendrein, hat der
gegenwärtig berühmteste Opern-Norweger diesen Sängerkrieg für seine Heimatstadt so maßgeschneidert, dass die Oper selbst und Oslo darin ausgiebig vorkommen.
Hitliste im Schnelldurchlauf
Schon zu Beginn der Pariser Fassung wird hier ein Theaterzauber ohne gleichen entfesselt. Es gibt nicht weniger als die Hitliste des Repertoires im Schnelldurchlauf; atemberaubend, wie sich da
die Königin der Nacht und Carmen, Wotan und der Rosenkavalier, die Eboli und Butterfly ein Stelldichein geben und sich die dazu passenden Bühnenbildversatzstücke ineinander
verschränken. Bis schließlich Frau Venus und Herr Tannhäuser in Abendrobe aus einer Logenkopie auf die Zuschauer blicken und Venus alles versucht, um diesen Heinrich in ihrer
verführerischen Opernwelt zu halten. Ein Thema bei Herheim ist nämlich, ganz auf den Anlass und dieses Haus bezogen, die Verführungsmacht der Oper, die erotisierende Kraft der
Kunst.
Andere sind der Einbruch der Lebenswirklichkeit und die brüchige Scheinmoral. Denn wenn sich Tannhäuser mit seiner Gitarre von dieser entfesselten Verführungswelt losreißt und
der ganze Fundus-Plunder erst einmal in der Versenkung verschwindet, dann findet er sich in einer Osloer Straßenszene wieder, wo ein Penner den Mai begrüßt und eine ganze Meute
Unbehauster Publikum und Kundschaft der aufmarschierenden Heilsarmee sind.
Mutierte Wartburggesellschaft
Eine mutierte Wartburggesellschaft, die nach dem Motto verfährt: Tu Gutes und lass dich dafür feiern. Die Heilsarmistin Elisabeth stürmt denn auch in die Zentrale ihrer Truppe, wo
sie freilich erst Punkt acht Uhr lautstark und bei Elisabet Strid auch ausgesprochen tonschön aufblühend die teure Halle grüßen darf. Der Sängerwettstreit ist hier eine
ziemlich vereinsmeiernde Angelegenheit, die natürlich aus dem Ruder läuft. Beim Stichwort Venusberg nämlich werden die berufsmäßigen Gutmenschen plötzlich zu
fanatischen Eiferern. Da legen sie mit ihren Uniformjacken und Krawatten ihre pseudoreligiöse Sanftmut ab und machen sich wie die übelsten Populisten über den abtrünnigen
Tannhäuser her. Weil das Wappen der Heilsarmee nicht nur die Schlagworte Schwert, Herz und Lied zieren, sondern die Mordwerkzeuge auch ganz leibhaftig bereithalten, gehen sie damit auf ihn
los.
Es ist einer der stärksten Momente von erheblicher Fallhöhe und obendrein direkt ans Publikum adressiert. Weil in dieser existenziellen Bedrängung der Chor aus dem Hintergrund
für Tannhäuser wie der Verweis auf einen Fluchtweg vor dem Ordnungsmob klingt, ist dessen plötzlicher Entschluss, vom Revoluzzer zum Pilger zu werden, hier auch nicht – wie
so oft – aufgesetzt, sondern höchst nachvollziehbar.
Scheintriumph wird echt
Wenn er zurück kommt, sitzt Elisabeth immer noch, irre geworden, in den Trümmern der auseinander geflogenen Heilsarmeewelt und hat einen Bühnen-Abgang als Theater-Maria. Doch auch
den Triumph, den die wieder auftauchende, entfesselte Welt der Oper am Ende noch einmal feiert, in dem sie den Sänger in eine Minnesängerkluft steckt und sterbend integriert, bricht
Herheim durch die falschen Operngesten des gesamten Personals, über die nur der zu Einsicht gekommene Wolfram schier verzweifelt. Der Scheintriumph auf der Bühne wird in Wahrheit, also
im Saal, dank Herheim, aber dann doch ein echter!
Christian Badea und sein Orchester lassen keinen Zweifel an der vorzüglichen Hausakustik, auch wenn sie Glück haben, dass der Bühnenzauber von mancher Grobheit im Graben ablenkt.
Das Ensemble erreicht nicht bei jeder Rolle das exzellente Niveau der Elisabeth, aber Gary Lehmanns Heinrich hat Kondition und kein Problem mit der Romerzählung, Judit Némeths Venus
verströmt auch stimmliche Sinnlichkeit, Geert Smits nutzt seine Wolfram-Vorlagen. Auch die übrige Sängermannschaft und der Chor schlagen sich wacker. Und Oslo ist damit in
Opern-Europa angekommen!
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