PARIS. Zum ersten Mal seit 53 Jahren ersteht an der Pariser Oper wieder ein Gesamtzyklus von Wagners „Ring des Nibelungen“. Die Initiative geht auf den seit dieser Saison amtierenden Intendanten Nicolas Joel zurück, nun feierte in Paris „Das Rheingold“ in der Inszenierung von Günter Krämer und unter der musikalischen Leitung von Philippe Jordan Premiere.
Gigantisches Schlussbild: Die Pariser Oper feierte die Rückkehr des „Rings“ mit einer gewaltigen Treppe als Schlussbild, aber keiner inhaltlich interessanten Interpretation. Foto: Opéra national de Paris/Charles Duprat
Günter Krämer, seit 40 Jahren im Regiegeschäft tätig und „Ring“-erfahren (Hamburgische Staatsoper 1992/93), bietet eine Sicht auf das „Rheingold“, die
zwischen rezeptionshistorischen Kommentar und ironischer Distanz zu changieren scheint, wobei die Unterscheidung nicht immer deutlich zu treffen ist. Es kommt hinzu, dass die Inszenierung nicht nur
wegen der erneuten Verwendung der goldenen Kugel als Symbol für das Rheingold wie ein Aufguss von Krämers Hamburger Produktion wirkt, sondern auch hinsichtlich der damals eingeforderten
Abkehr von der „Konzeptionsmanie“ der Regie-Kollegen, die schließlich zum collagehaften „Geschichtenerzählen“ führte.
Von einer inhaltlichen Interpretation ist in Paris nichts zu sehen. Die sanfte politische Umrahmung durch „Germania“-Embleme im zweiten und vierten Bild (Walhalla als Hitlers
Welthauptstadt-Utopie?) sowie den rot beflaggten Kampfgeschrei-Sturm durch Fasolts GSG-9-Bauleiter verharren im Plattitüdenhaften und sind allenfalls als ironische Brechung der
Wirkungsgeschichte nachvollziehbar. Bleiben eine übertriebene Erklärungswut des Regisseurs sowie ein Springen zwischen klug-theatralischem Kammerspiel (dritte Szene) und gigantischer
Großbühne (die gewaltige Treppe des Schlussbildes), wodurch eine Vielfalt der Ansätze entsteht, die in den Folgeabenden ihre Schlüssigkeit noch nachweisen müssen.
Brüchiger Wotan
Musikalisch entspricht der Abend der gewohnten Pariser Qualität. Falk Struckmanns Wotan ist zwar brüchig geworden, doch bleibt er ein charismatischer Darsteller, dem man die
Gottesautorität in jeder Nuance abnimmt. Sophie Koch gibt die Fricka mit wundervoll warmen Mezzosopran, sowohl Peter Sidhoms Alberich als auch Wolfgang Ablinger-Sperrhackes Mime brillieren
vokal wie schauspielerisch, herausragend ist Kim Begleys tänzelnder und strahlender Loge. Qiu Lin Zhangs Zeitlupengang quer über die Bühne als Erda erschüttert mit dunklem Alt.
Ein besonderes Ereignis ist neben Günther Groissböcks solidem Fafner Iain Patersons Interpretation des Fasolt, dessen junges, entschlossenes Auftreten nicht nur der Figur eine ganz andere
Allüre verleiht, sondern auch mit vollem, lyrischem Gesang betört.
Dem 35-jährigen Philippe Jordan, seit dieser Saison GMD der Pariser Oper, kommt seine direkte „Ring“-Erfahrung (Zürich 2009) sicherlich zugute: Auch wenn die ersten beiden
Szenen zuweilen etwas korrekt und eckig klingen, wächst der Klangfluss ab der dritten zur runden Interpretation, die den Bogen vom ersten Kontra-Es bis zum letzten Des-Dur-Akkord ohne Bruch zu
spannen vermag, dem Orchester hier bezaubernde Farben entlockt und dort zu majestätischer Größe anwächst (Schluss).
Dem Blech hingegen scheinen knapp 32 Jahre Ring-Entwöhnung nicht gut zu tun: Den im Vorspiel so zentralen Hörnern gelingt der warme Urklang der Natur keineswegs, in der vierten Szene
patzen sie gar gehörig. Es brillieren nur die Streicher sowie das Holz, was etwa bei Frohs Aufruf, die Brücke zur Götterburg zu beschreiten, zu wundervoll leuchtendem Mischklang aus
Horn, Bassklarinette, Fagott und Celli gerät. Der vor allem musikalisch bedeutende Auftakt lässt auf den Rest des Pariser „Rings“ hoffen.
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