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01.03.2010, 11:55 Uhr

 

Ökonomie und Ethik

BAYREUTH. Ethisches Handeln in einem Gesundheitssystem, das durch Kommerzialisierung und durch Verteilungskämpfe der einzelnen Interessengruppen immer wieder für Schlagzeilen sorgt, geht das zusammen? Der Bayreuther Gesundheitsökonom und Transplantationsmediziner Professor Eckhard Nagel wusste darauf vor dem Forum Universität und Medizin in einem Vortrag vorsichtige Antworten.

 

Professor Eckhard Nagel. Foto: Archiv
Natürlich ist es ein spannendes Thema, weil es, erhitzt durch die öffentlichen Diskussionen über den Königsweg des Gesundheitswesens, immer wieder zu Spannungen zwischen Politik und Medizin führt. Nagel hat aber Antworten darauf. Ethisches Handeln sei eine Grundvoraussetzung für den Beruf des Mediziners. Für die Indikation sei allein der Arzt verantwortlich. „Wer sonst als wir?“, fragte er. Dem stehe wirtschaftliches Handeln aber nicht entgegen. Es könne auch eine ethische Ausrichtung haben, so der Bayreuther Lehrstuhlinhaber für Medizinmanagement. So war die Arbeit des Mediziners vor Einführung der Fallpauschalen, die Nagel durchaus für ein geeignetes Instrument hält, von ökonomischem Druck völlig unbeeinflusst. Der Arzt war Gutmensch, Kosten mussten ihn nicht interessieren.

Heute behandelt der Arzt Fälle, nicht Menschen. Dass dabei manche ihre ethische Verpflichtung mit ihrem Bankkonto abgleichen, ist eine mögliche Folge. Heute muss der Mediziner abwägen und entscheiden, muss permanent Kostenentscheidungen treffen.

Voraussetzung ist für Nagel, dass es in einer demokratischen Gesellschaft gerecht zugeht. Der Gleichheitsgrundsatz sei unverzichtbar in einer ethisch ausgerichteten Medizin, auch wenn Nagel nicht so naiv ist, dass er eine bereits existierende Zwei-Klassen-Medizin leugnen würde.

Deshalb komme den moralischen Fragen einer möglichen Priorisierung hohe Bedeutung zu. Nagel gehört der Forschungsgruppe „Priorisierung“ der Deutschen Forschungsgemeinschaft an, die in Kürze auch Vorschläge zur Diskussion stellen wird, wie man das Thema anders und vor allem besser als in Nachbarländern behandeln könnte.

Aber nicht unbedingt so wie in Großbritannien. Dort wartet ein Patient 200 Tage darauf, einen Orthopädietermin zu bekommen. Dort sind kostspielige Operationen für Senioren nicht möglich, es sei denn, sie bezahlen sie aus eigener Tasche.

Dass Priorisierung aber notwendig ist und auch keine moralische Entrüstung verdient, machte er am Beispiel der Transplantationsmedizin deutlich. Hier ist klar; es gibt mehr Patienten als Spenderorgane, eine Priorisierung – zum Beispiel nach Schwere und Bedrohung durch die Erkrankung – ist alternativlos.

Der Vortrag Nagels löste eine lange Diskussion unter den Teilnehmern aus. Vornehmlich die Kliniker beteiligten sich. So auch der Leiter der Kinderklinik, Professor Rupprecht. Er befürchtet infolge der demografischen Entwicklung eine immer stärkere Verschiebung der Budgets hin zu Fächern, in denen die Krankheiten älterer Menschen behandelt werden. ari



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