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21.02.2010, 12:54 Uhr

 

Theater, das ins Leben sickert

Von Christina Knorz

BAYREUTH. Dario Fo war nie damit zufrieden, nur Theater zu machen. Undenkbar für ihn das „bürgerliche“ Kultur-Modell: Hier sitzen die Zuschauer, dort passiert etwas auf der Bühne und nach dem freundlichen Schlussapplaus gehen alle brav nach Hause. Undenkbar! Der italienische Schrift...

 

Wieso sind heute auf einmal alle Frauen schwanger, wundert sich der Carabiniere. Da werden doch nicht die gestohlenen Lebensmittel drin stecken? Gut gemachte Satire über zivilen Ungehorsam. Foto: Fettköther
Dario Fo war nie damit zufrieden, nur Theater zu machen. Undenkbar für ihn das „bürgerliche“ Kultur-Modell: Hier sitzen die Zuschauer, dort passiert etwas auf der Bühne und nach dem freundlichen Schlussapplaus gehen alle brav nach Hause. Undenkbar! Der italienische Schriftsteller (Jahrgang 1926) entwickelte in den 50er und 60er Jahren ein modernes volkstümlich-politisches Theater. Ein Theaterabend beim späteren Literaturnobelpreisträger beinhaltete viel mehr als nur die Aufführung eines Stücks, es war politisch-kulturelle Kommunikation zwischen Publikum und Akteuren, Bühnenarbeitern und dem Autor. Vor der Aufführung wurde das Publikum über aktuelle kommunalpolitische Entscheidungen, Veranstaltungen oder Arbeitskreise informiert, es gab Flugblätter und einen obligatorischen Büchertisch, während die Techniker noch auf der Bühne zu Gange waren. Dann gab es eine Vorrede des Autors, erst danach das Stück. Fo wollte keine Guckkasten-Bühne, die Publikum und Schauspieler trennt – auch weil nach dem Stück alle miteinander ins Gespräch kommen sollten. Nicht selten übernahm Fo Änderungen aus solchen Publikumsgesprächen in seine Stücke.

Sie kleben an den Stühlen

Das alles muss man wissen, um zu verstehen, dass das Publikum am Samstagabend in der Studiobühne noch glimpflich davongekommen ist. Unter der Voraussetzung, dass man eben nicht erwartet, als Zuschauer aktiv werden zu müssen. Und das geschah so: Fos Satire-Stück „Bezahlt wird nicht“ war in einer starken zweistündigen Aufführung mit Schauspielern aus der Schublade „Bayreuths Beste“ über die Bühne gegangen. Aber bevor man den Kopf wieder anderen Dingen zuwenden und die Hände zum braven Schlussapplaus zueinanderführen konnte, kam ein Schlusslied, ein Sprechgesang, der mit seinem Refrain „Get up, stand up“, „Steht auf!“, nur als Aufforderung an das eisern an den Stühlen klebende Publikum verstanden werden konnte.

Regisseur Stefan Masel schrieb den politisch bewegten Text, der einer Mentalität der Gewinnmaximierung sei es durch Ausbeutung der Umwelt, Abzocke der Banken oder Kriegsführung aus Machtgründen den Kampf ansagt: „Sie wollen unser Bestes, wir geben’s ihnen nicht. Wir kämpfen um die Zukunft, bis unser Auge bricht. Get up, stand up!“ Mit einer derart deutlichen Ansprache und Aufforderung hatte wohl niemand gerechnet. Auch wenn der ganze Theaterabend eigentlich von nichts anderem handelte. Denn „Bezahlt wird nicht“ spielt Möglichkeiten zivilen Ungehorsams durch, diskutiert die Zulässigkeit von Widerstand, fragt nach gemeinsamem Handeln gegen Unrecht und stellt jeden Akteur vor die Wahl, wie er auf die drängenden Fragen seiner Zeit reagieren will: Wie soll man sich verhalten, wenn die Preise, aber nicht die Löhne steigen? Wenn man die Miete trotz Arbeit nicht mehr bezahlen kann? Die Produktion ins Ausland verlagert oder auf Kurzarbeit umgestellt wird? Sich die Politik in großem Umfang um die Wirtschaft und Arbeitgeber bemüht, aber die Arbeiter sehen müssen, wo sie bleiben?

Bloß nicht heulen!

Der Studiobühnen-Regisseur nahm Anlauf und sprang in die großen Fußstapfen von Dario Fo. Stellte dem Stück das Lied als Epilog hinten an, wie Fo alle seine Stücke mit Prologen persönlich eingeleitet hatte. So wächst Theater über den Rand der Bühne hinaus, will im Leben und den Köpfen der Zuschauer ankommen.

Dario Fo wusste sehr genau, was er mit seinem Theater erreichen wollte: Bloß nicht das Herz rühren! Gelächter wollte er hervorrufen. „Denn das Lachen dringt wirklich auf den Grund der Seele und hinterlässt hier Spuren, die bleiben.“ Zugegeben, lustig ist Masels Schlusslied nicht. Da muss er noch vom Meister der Satire lernen. Wo Dario Fo das Elend der Arbeiterklasse in eine grandios absurde und komische Geschichte verpackt, kommt Masel mit deutscher Ernsthaftigkeit, die nur schwer über sich lachen kann. Aber in diesem Fall sollte dennoch die Geste zählen. Denn das Schlusslied irritierte das Publikum, zerbrach die Illusion des Theaterraums und forderte nachdrücklich dazu auf Stellung zu beziehen.

Dass kein Zuschauer am Samstagabend in dem kurzen Zeitfenster von 20 Sekunden vom Sitz sprang, muss man aber auch dem Publikum verzeihen. Interaktion muss etabliert werden! Das begann im Theater des Dario Fo bereits vor der Aufführung, die berühmte vierte Wand zwischen Zuschauerraum und Bühne gab es nicht. Wenn Masel die imaginäre Trennlinie den ganzen Abend über aufrecht erhält, nur um sie am Ende kurzerhand einzureißen um „BUH!“ zu schreien, muss man dem Publikum die Nicht-Handlung nachsehen. Der Applaus war lang und kräftig, die Zuschauer aber merklich stiller als während der Pause und zogen rasch ihre Mäntel an. Vielleicht mussten sie erst sortieren, was gerade passiert war. Solange sie nicht gleichgültig aus dem Theater gingen, hätte sich Dario Fo sehr gefreut. Das Schlimmste, das im Theater seiner Meinung nach passieren kann, ist Katharsis, die Läuterung, Abreaktion von negativen Gefühlen. Dario Fo will den Zorn der Menschen speichern. „Ja, empört euch!“, ruft der Polizist in „Bezahlt wird nicht“ Luigi und Giovanni zu. „Unmut ist die größte Waffe der Duckmäuser.“

Und wo wir schon dabei sind, imaginäre Trennlinien, die selten überschritten werden, einzureißen: Dies war ein langer Text über einen sehr kurzen, aber einprägsamen Moment eines starken Theaterabends, der noch viele Worte, vor allem lobende, verdient hätte. Kurzweilige zwei Stunden mit tollen Darstellern: Birgit Franz, Sigrid Kern, Joseph Maisel, Florian Kolb und Michael Pöhlmann. Die fünf Schauspieler setzen das Stück um, wie es gedacht war: Saukomisch!



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