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05.02.2010, 17:06 Uhr

 

Draußen vor der Tür

Von Joachim Lange

AMSTERDAM. Vielleicht, weil den Holländern Meer und Schiffe ohnehin ständig im Sinn und vor Augen sind, haben Martin Kušej und sein Bühnenbildner Martin Zehetgruber beides auf der Bühne der Amsterdamer Oper ausgespart. Das heißt nicht so ganz. Am Ende nämlich erschießt E...

 

Innen gegen Außen: Den Bühnenraum der Amsterdamer Oper dominiert eine Front doppelter Glastüren. Foto: Schaefer
Vielleicht, weil den Holländern Meer und Schiffe ohnehin ständig im Sinn und vor Augen sind, haben Martin Kušej und sein Bühnenbildner Martin Zehetgruber beides auf der Bühne der Amsterdamer Oper ausgespart. Das heißt nicht so ganz. Am Ende nämlich erschießt Erik erst den Holländer und dann Senta am Strand eines ziemlich wolkenverhangenen Meerpanoramabildes. Was auf den ersten Blick wie die gewaltsame Auflösung eines simplen Eifersuchtsdramas wirken mag, ist auf den Zweiten der Höhepunkt eines Diskurses über verschiedene Arten, den Abgründen und Bedrohungen der Welt zu begegnen.

Kušej erzählt weniger die Geschichte des Fliegenden Holländer klassisch nach, sondern er bietet vielmehr deren diverse Innen- und Außenkonstellationen der Assoziationsbereitschaft seiner Zuschauer an. Der Raum, in dem das geschieht, wird von einer Front doppelter Glastüren beherrscht. Dahinter gibt es einen schmalen Swimmingpool und eine Spiegelwand. In diesem ansonsten sterilen Eingangsbereich nach Irgendwo ist es meist ziemlich hell, obwohl bei Kušej vieles in einem Deutungshalbdunkel bleibt. Was ja nicht unbedingt ein Nachteil sein muss.

Noch während der Ouvertüre jedenfalls sieht man einen Fisch auf dem Trocknen sein Leben verzappeln. Während hinter der Glastürfront der Regen peitscht, stürmt eine bunt zusammengewürfelte Truppe von vergnügungswilligen Gegenwartsmenschen auf die Bühne. Dem scheinbar glimpflich abgegangenen Schiffbruch einer Amüsiergesellschaft stellt der Holländer, aus ihrer Mitte heraus, seine düsteren Visionen entgegen. Dieser Gegensatz von oberflächenfixierter Buntheit des Lebens und grüblerisch warnender, ahnender Dunkelheit wiederholt sich im zweiten Aufzug. Dort verweigert sich Senta an einem echten Spinnrad als einzige und demonstrativ den Wellness- und Körperkult-Exzessen der Frauen, die in ihrer Selbstverliebtheit kaum registrieren, dass draußen vor der Glastür gesichtslose Menschen offenbar umkommen. Vielleicht von Leuten wie Erik erschossen.

Ein Coup ist die Perspektivumkehrung des „Steuermann, lass die Wacht“. Diesen eskalierenden musikalischen Gewaltausbruch erleben wir aus der Sicht der Ausgeschlossenen. Die Glastürfront ist jetzt durch ein Gitter gesichert, die Leute des Holländers sitzen wie eine eingeschüchterte Straßengang, die sich verstecken will, im Dunkel und werden von der Mehrheitsgesellschaft am Ende sogar mit Baseballschlägern bedroht. Mit einer latenten Aggressionsbereitschaft, die unheimlich ist, ohne dass dieses Bild gleich allzu plakativ auf die ungelösten Überforderungen einer migrationsverunsicherten Gesellschaft zielt.

Unheimliche Anziehungskraft

Weniger überzeugend hingegen gelingen Kušej erstaunlicherweise die individuellen Porträts. Das berühmte im Rahmen, das vom Holländer, das gibt es gleich gar nicht. Dafür nur einen menschenlosen Meeresblick. Die Begegnung zwischen Daland (Robert Lloyd) und dem Holländer etwa bleibt so unterspielt wie die Reisetasche voller Geldscheine ein billiges Requisit. Senta und dem Holländer ist die Anziehungskraft, die sie einander in die Arme treibt, unheimlich – in der Detailzeichnung ihrer Figur überzeugt freilich nur Catherine Nagelstad mit ihrer zunehmenden inneren Souveränität und Unabhängigkeit. Auch wenn sie die ersten Töne fast unterschlägt, sind es dann vor allem mutig ausgesponnene Piani, mit denen sie die leuchtenden Ausbrüche ihrer Senta immer wieder erdet. Dagegen driftet der Holländer von Juha Uusitalo, auf zum Teil eigenwilligen Wegen, in ein für einen Holländer seines Formates seltsam diffuses Dauerforte ab.

Für Hartmut Haenchen am Pult des Nederlands Philharmonisch Orkest war dieser Holländer (gespielt wird die Fassung von 1860) ein Heimspiel. Er prägte mehr als ein Jahrzehnt das Orchester und die Amsterdamer Oper als Dirigent. Der in Deutschland immer etwas unter Wert behandelte Haenchen bewies Wagnerkompetenz.

Alle Infos unter www.dno.nl.



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