21.01.2010, 20:00 Uhr
Von Peter Engelbrecht
BAYREUTH. An Rücktritt denkt er nicht: Der Pressesprecher der Festspiele, Peter Emmerich, der als junger Mann für die Stasi arbeitete.
Frage: Jetzt hat Sie der Schatten der Stasi-Vergangenheit eingeholt. Wie fühlen Sie sich denn?
Emmerich: Ich war zunächst sehr überrascht. Und ich habe mich entschlossen, offen damit umzugehen, mich nicht zu verstecken. Zumal das mit den Festspielen nichts zu tun hat und ich mir sehr sicher bin, kein Verbrechen begangen zu haben.
Frage: Gibt es so etwas wie Schuldgefühle?
Emmerich: Ja, das habe ich auch bereits öffentlich erklärt. Ich bereue das von ganzem Herzen. Und ich distanziere mich vollkommen davon.
Frage: In welchem Zeitraum haben Sie für das Ministerium für Staatssicherheit als Informeller Mitarbeiter "Frank Weber" gearbeitet?
Emmerich: Soweit ich weiß, ich kenne die Unterlagen noch nicht, bezieht sich das auf die Zeit des Wehrdienstes zwischen 1977 und 1980. Ich wurde zu den Grenztruppen eingezogen und diente in Erfurt.
Frage: Waren Sie denn in ihrer Bayreuther Zeit ab dem 21. Juni 1989 für das MfS tätig?
Emmerich: Nein.
Frage: Wie läßt sich denn erklären, dass die DDR einen ihrer Bürger so einfach ausreisen läßt?
Emmerich: Das war dem sehr, sehr intensiven Einsatz von Festspielleiter Wolfgang Wagner bei den entsprechenden Behörden und Stellen zu verdanken. Auch der ehemalige Intendant der Semperoper Dresden, Professor Gerd Schönfelder hat dieses Anliegen unterstützt. Wie Wagner das hingekriegt hat, das weiß ich nicht.
Frage: Sie durften mit Erlaubnis der Stasi ab Oktober 1986 als sogenannter Reisekader in den Westen reisen.
Emmerich: Die Semperoper gab Gastspiele im Ausland, und so wurde jeder Mitarbeiter erpresst. Wenn man nicht zum Reisekader gehörte, durfte man zu Gastspielen nicht mitfahren. Ich war nie Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) und habe auch keinen Hehl daraus gemacht, dass ich kein Kommunist bin. Die gefestigte ideologische Überzeugung, die mir in den Akten von der Stasi attestiert wird, war eine feststehende Floskel, die sich in Schulzeugnissen und entsprechenden anderen amtlichen Dokumenten immer wieder finden läßt.
Frage: Sie haben während Ihrer Wehrzeit ihre Kameraden angeschwärzt. Das war doch ein klarer Vertrauensbruch.
Emmerich: Ja. Aber das Hinterhältigste ist doch ein Staat, der seine Bürger in eine Lage bringt, dass sie so etwas tun. Und die Bürger dazu ermutigt.
Frage: Sie haben bei dieser Hinterhältigkeit mitgemacht. Freiwillig.
Emmerich: Ob das ganz freiwillig war, weiß ich nicht. Ich kenne die Unterlagen nicht. Das ist ein Aufarbeitungsprozess, den auch ich machen muss. Ich bin nicht unter Anwendung körperlicher Gewalt dazu gezwungen worden, niemand ist dazu gezwungen worden. Aber die Existenz des Einzelnen war in einem Klima von Angst. Ich hatte einen Studienplatz für Theaterwissenschaft, aber eine gewisse Unsicherheit, ob man auch wirklich studieren darf, war immer da.
Frage: Ihre Schutzbehauptung ist folgende: Sie hätten durch ihre Spitzelei niemanden geschadet.
Emmerich: Da muss ich Ihnen widersprechen, das ist keine Schutzbehauptung. Das ist ein Bekenntnis, dass ich wissentlich niemanden zu Schaden habe kommen lassen.
Frage: Woher wissen Sie denn das?
Emmerich: Weil ich mir bewusst bin, dass ich keine Straftat begangen habe. Und mir auch nicht bekannt geworden ist, dass irgendjemand einen Schaden genommen hat.
Frage: Die Staatssicherheit hat immer Ihre akkurate Arbeit und ihre Zuverlässigkeit gelobt. Sie waren ein treuer Berichterstatter.
Emmerich: Ich habe in meinem Leben immer versucht, akkurat und zuverlässig zu sein.
Frage: Wohin sind Sie als Reisekader denn gereist?
Emmerich: Im Zusammenhang mit Gastspielen war ich einmal in Amsterdam und das erste Mal im Sommer 1987 eine Woche in Bayreuth. Das war eine Einladung von Wolfgang Wagner an einen Kollegen und mich, in Bayreuth die Generalproben anzusehen.
Frage: Mussten für diese Reisen auch Berichte verfasst werden?
Emmerich: 1987, als wir von den Generalproben zurückkamen, mussten wir beide einen Reisebericht schreiben: Was wir hier erlebt haben, was wir hier gemacht haben. Das war Usus und hatte nichts mit der Stasi zu tun. Den Bericht fertigten wir für die Kaderleiterin der Semperoper, von der sich später herausstellte, dass sie Oberst bei der Stasi war.
Frage: Also hat es auch nach der Zeit des Wehrdienste noch Kontakte zur Stasi gegeben.
Emmerich: Nein. Der Bericht war nicht für die Stasi, sondern für die Kaderleiterin.
Frage: Laut der Unterlagen hatten Sie den letzten Kontakt zu einem sich nicht offen erkenntlich gebenden Stasi-Mann im August 1989 während der Bayreuther Festspiele.
Emmerich: Wir hatten einen Kollegen, der seit Mitte der 80er Jahre immer im Sommer bei den Bayreuther Festspielen war. Der hat mich im August 1989 aufgesucht und hat mir erzählt, dass er auch hier immer gespitzelt hat.
Frage: Ihre Stasiberichte umfassen insgesamt 130 Seiten.
Emmerich: Ich werde sie anfordern und durcharbeiten. Ich werde auch jene Dokumente anfordern, die über mich angefertigt wurden. Das war in der Zeit von 1989, als meine Briefe in Dresden geöffnet wurden.
Frage: Warum sind Sie mit der Geschichte nicht selbst an die Öffentlichkeit gegangen?
Emmerich: Das war sicherlich ein Fehler. Ich habe es komplett verdrängt. Ich wollte einfach nichts mehr damit zu tun haben.
Frage: Haben Sie jemals an Rücktritt gedacht?
Emmerich: Nein.
Frage: Glauben Sie, dass sie als früherer Stasi-IM die Arbeit eines Pressesprechers noch glaubwürdig ausführen können?
Emmerich: Das glaube ich, weil diese Dinge nichts, aber auch überhaupt nichts mit den Bayreuther Festspielen zu tun hatten oder haben. Ich verurteile mein Verhalten Ende der 70er Jahre in der DDR, aber in mehr als 30 Jahren bin ich ein anderer Mensch geworden.
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