19.01.2010, 21:00 Uhr
Von Peter Engelbrecht
BAYREUTH. Die Stadt Bayreuth hat jetzt im Neuen Rathaus einen Gedenksteine-Turm aufgestellt, der an die aus Bayreuth im November 1941 und Januar 1942 deportierten Juden erinnert. Mindestens 142 dieser Frauen und Männer wurden in den NS-Vernichtungslagern ermordet.
Oberbürgermeister Dr. Michael Hohl enthüllte am Mittwoch um 14 Uhr im Foyer des Rathauses im Beisein von etwa 20 Gästen den Gedenksteine-Turm, der mit einem schwarzen
Tuch verhüllt war. Auf zwei dunkelblauen Tafeln, die daneben an der Wand hängen, sind die Vor- und Nachnamen, die Geburtsdaten und die Orte der Ermordung der 142 Opfer genannt. Von
vielen ist auch nur bekannt, wo sie verschollen sind, etwa in Auschwitz, Riga und Treblinka. Für jedes der Opfer befindet sich in dem vergitterten Turm, der die Zäune der Todeslager
symbolisieren soll, ein Stein mit dem Namen der Ermordeten.
Der Gedenksteine-Turm entstand 2001 auf Initiative der damaligen Geschichtswerkstatt. Verwirklicht wurde er von Schülern der fünf Bayreuther Gymnasien, der Städtischen
Wirtschaftsschule und von Angehörigen der Bundeswehr. Seit Herbst 2003 stand dieses Mahnmal eher im Verborgenen im Historischen Museum in Bayreuth. Auf Initiative von Stadträtin Sabine
Steininger (Grüne) wurde das Denkmal schließlich wieder mehr in den öffentlichen Blickpunkt gerückt.
„Angemessener Platz“
Der Gedenksteine-Turm gehöre nicht in ein Museum, sondern an einen Platz, der repräsentativ für die Bürgerschaft und das öffentliche Leben der Stadt stehe, also in das
Rathaus, betonte Oberbürgermeister Hohl. Er gehöre umso mehr hierher, als hier im Eingangsbereich bereits eine Gedächtnistafel für die Opfer des Nationalsozialismus im
Allgemeinen und eine für den 1944 ermordeten Widerstandskämpfer Wilhelm Leuschner angebracht sind und damit ein Raum des Erinnerns und Gedenkens im Rathaus vorhanden sei. Dies sei ein
„angemessener Platz“, betonte Hohl. Dadurch würden die Namen der ermordeten Bayreuther Juden „nicht dem Vergessen anheimfallen“.
Als einziges noch lebendes Bayreuther Deportations-Opfer nahm Hanneliese Wandersmann (81) an der Gedenkfeier teil. Sie war als 13-jähriges Mädchen am 27. November 1941 zusammen mit
ihrem Vater Leopold, ihrer Mutter Frieda und ihrem Bruder Max aus ihrer Heimatstadt über Nürnberg-Langwasser nach Riga verschleppt worden. Ihr Vater und ihr Bruder wurden dort ermordet.
Ihre schwer kranke Mutter und sie überlebten durch unheimlich viel Glück mehrere Konzentrationslager und kehrten ein halbes Jahr nach dem Krieg wieder nach Bayreuth zurück.
„Für mich ist es eine Genugtuung, dass im Rathaus mitten in der Stadt dieses Mahnmal aufgestellt wird“, erzählte Wandersmann nach dem Festakt sichtlich gerührt unserer
Zeitung.
Viele Unterlagen von damals seien vernichtet, doch der metallene Turm und die Steine seien unvergänglich, betonte sie. „Ich denke heute an meine Familie, die ermordet wurde“,
schilderte sie ihre Gefühle. „Es ist gut, dass man eine Erinnerung hat.“
Von 1974 bis 2005 lebte Wandersmann schließlich in Israel, kehrte dann aber wieder nach Bayreuth zurück. Sie findet die Neonazis in Deutschland abscheulich, freut sich aber
gleichzeitig, dass sich viele junge Menschen dagegen engagieren. In Bayreuth fühlt sich die rüstige Frau nach eigenem Bekunden „sicher und wohl“. Angst vor den
Rechtsextremisten hat sie nicht.
INFO GESCHICHTSWERKSTATT: Die Geschichtswerkstatt in Bayreuth hatte 2001 die Denk-steine-Aktion an die mindestens 142 deportierten und ermordeten Bayreuther Juden ins Rollen gebracht. Vor allem der Historiker Ekkehard Hübschmann hatte durch seine Forschungen nach den Namen der Opfer dazu beigetragen, die Schicksale wenigsten etwas aufzuklären. Über das gesamte Thema veröffentlichte die Geschichtswerkstatt eine Dokumentation, die noch heute bei Norbert Aas unter Telefonnummer 09 21/2 27 81 bestellt werden kann.
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