BAYREUTH. Staubwolken drängen sich unter den Dachbalken der alten Bayreuther Synagoge. Baustrahler tauchen eine Ecke in gleißendes Licht, der Rest des Dachbodens versinkt in Dunkelheit. Einige Umzugskartons stehen herum, Kreide, Werkzeug, Plastikhandschuhe und Atemmasken liegen bereit. Kalt ist es hier.
„Halt mal die Kiste ein bisschen tiefer.“ Die Wissenschaftlerin greift in den Hohlraum unter den Dachsparren und holt eine Handvoll Staub, Holzreste und alte, zum Teil vom Schmutz
geschwärzte Blätter heraus und legt sie in einen Pappkarton. Ein kleines Büchlein ist dabei, „das sind Psalmen“, übersetzt Elisabeth Singer aus dem Hebräischen.
Der Buchblock hat keinen Umschlag mehr, das Papier ist abgegriffen, aber die Bindung hält. „Da steht ja was Handschriftliches hinten drin“, Felix Gothart kommt herüber,
tauscht die Baseballkappe gegen die Kippa und beugt sich über den Fund. „Das ist eine schöne Schrift, aber was steht da ... sind das Zahlen?“
Meterweise Rätsel liegen noch auf dem Dachboden. Gestern morgen um 9 Uhr begannen die Wissenschaftlerinnen Beate Weinhold und Elisabeth Singer mit der Bergung des Genisa-Funds. Aber schon am
Nachmittag waren sechs Pappkartons und Schachteln gut gefüllt.
Wie Archäologen gehen die Mitarbeiterinnen des Genisa-Projekts Veitshöchheim zu Werke, legen Felder fest, tragen schichtweise ab, fotografieren und zeichnen den Fundort. Denn es ist das
erste Mal, dass sie eine Genisa an Ort und Stelle untersuchen können. Sie erhoffen sich in den nächsten vier Wochen Einblicke, ob und wenn ja nach welchem Muster eine Genisa angelegt
wurde. Während der Arbeit vertiefen sie sich aber auch mal in ein spannendes Fundstück.
„Guck mal, aus welchem Jahr ist das?“, Singer hat drei eng bedruckte Seiten aus einem Karton gezogen und versucht den Drucknachweis zu entziffern. „Das ist von einem bekannten
Fürther Drucker, und das Jahr ... 5486 minus 3760 macht ... 1726, das ist von 1726! Toll, wir werden früher.“
Die Genisa wurde seit 1760 bestückt, aber erst Anfang Dezember 2009 bei Bauarbeiten wiederentdeckt (der KURIER berichtete). Das älteste bisher entzifferte Druckwerk stammt aus dem Jahr
1762. Der Vorsitzende der israelitischen Kultusgemeinde Bayreuth und die Forscherinnen erhoffen sich detaillierte Aufschlüsse über das jüdische Leben in Bayreuth und Franken. Ein
weiteres schönes Fundstück, das später sicher im künftigen Museum zu sehen sein wird, ist der Segensspruch für eine Schwangere. Wie ein Amulett sollte es vor bösen
Geistern schützen und wurde unter das Kopfkissen gelegt.
INFO In einer Genisa werden unbrauchbar gewordene Schriften, aber auch Textilien wie Gebetsriemen abgelegt, die nach religiöser Vorschrift nicht vernichtet werden dürfen.
Dies ist eine Nachricht aus unserem Archiv. Es können daher keine neuen Kommentare verfasst werden.
Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich bei der Community registrieren und einloggen.
Nach dem Brand des Kristallbades in Fichtelberg wurden schnell Stimmen laut, dass ein neues Bad gebaut werden soll. FInden Sie, dass Fichtelberg ein Schwimmbad braucht?