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17.01.2010, 16:40 Uhr

 

Liebestod – ganz wagnerisch

Von Alexander Dick

MAINZ. Exotismus war vorgestern. Die meisten jüngeren Auseinandersetzungen mit Puccinis „Madama Butterfly“, einer Oper, der der Komponist den Untertitel „japanische Tragödie“ gegeben hat, legten den Schwerpunkt auf die Kindfrau-Thematik (Christof Nel) oder das davon nicht so weit entfernte Thema Sextourismus (Calixto Bieito).

 

Fotos: Staatstheater Mainz
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Die berührende Geschichte von der japanischen Geisha, die zur vorvergangenen Jahrhundertwende an einen amerikanischen Offizier „verkauft“ wird und aus Liebe zu ihm den Freitod wählt, lässt sich in ihren Grundstrukturen auch weitgehend ohne fernöstliche Couleur locale erzählen. Was aber passiert, wenn, wie nun bei Katharina Wagner am Staatstheater Mainz, der gesamte Naturalismus aus dem Geschehen gleichsam getilgt wird und sich der Fokus auf eine Figur richtet, die sonst eher in der zweiten Reihe steht – Goro, den intriganten Heiratsvermittler? Im Grunde ein spannender Ansatz, mit dem die Bayreuther Festspielleiterin in ihrer zweiten Regie-Begegnung mit einem Musiktheater Giacomo Puccinis aufwartet. Würde er denn zu Ende gedacht. Doch am Ende des Abends, wenn sich die Titelheldin im aufrechten Gang dem über allem thronenden Goro zuwendet, wähnt man sich in einer mythischen Melange: Liebestod, Hohepriesterin, Klingsor der Zauberer – es wabert wagnerisch, irgendwo zwischen „Tristan“ und „Parsifal“ in dieser Butterfly.

Zuvor war es das Cabinet des Dr. Goro. Im ersten Akt, dem szenisch (Bühne: Monika Gora) sicher überzeugendsten, findet man sich in einer grotesk-expressionistischen Landschaft mit weißen Kuben, in denen Goro seinem amerikanischen Kunden Pinkerton ein Panoptikum der Obsessionen aufzeigt: das gesamte Inventar sexueller Perversion, jedenfalls mit Figurenklischees der Demi-Monde, wie man sie sich auf der Bühne vorstellt. Nur Katharina Wagners Butterfly und ihre Dienerin sind anders. Im langen dunkelgrauen Rüschchenkostüm und verschleiert wirkt die Titelheldin wie eine strenge Figur aus einem Gründerzeit-Trivialroman (Kostüme: Thomas Kaiser). Sie repräsentiert die Relikte eines vergangenen, normativen Zeitalters voller Tabus und Verbote.

Darauf ließe sich aufbauen. Doch leider beginnt es hier zu stagnieren. Goros – Magier, Mephisto und Intrigant in einem – Sonderstellung erfährt keine inhaltliche Begründung, im letzten Akt reitet er wie die Hetäre Phyllis einst Aristoteles die ihm unterlegene Männlichkeit und findet sein szenisches Spiegelbild in Kate Pinkerton, der amerikanischen Ehefrau. Anstatt des dramaturgisch wichtigen gemeinsamen Kindes von Pinkerton und Cio-Sio-San-Butterfly hält diese ein Päckchen in Händen, das sich am Ende in Papierfetzen auflöst. Und die Titelheldin selbst: Sie erfährt rein äußerlich bis kurz vor dem Suizid, wo sie den Schleier lüftet, keine nennbare Veränderung – eine Frau ohne Eigenschaften, aber auch ohne Psychologie.

Klar, dass sich dieses Theater vom Realismus, mit dem dieses Werk lange Zeit interpretiert wurde, deutlich abzusetzen versucht. Aber wenn sich alles in mitunter kaum zu schildernde Metaphorik ergeht und die Figuren darob zur Illustration des Geschehens verkommen, bleibt am Ende der Eindruck eines allzu kopflastigen, dramaturgisch intendierten Theaters (Dramaturgie: Carsten Jenß; szenische Mitarbeit: Alexander Busche), das bei all seinen kryptischen Aktionen (wie das offenbar unvermeidliche Beschmieren von Wänden und Böden) den Blick auf eine klare Aussage verliert.

Darüber kann allerdings auch die Musik nicht triumphieren. Generalmusikdirektorin Catherine Rückwardt und das Philharmonische Staatsorchester vermögen Puccinis differenzierte, subtile Klangsprache nicht nuancenreich genug umzusetzen, das Orchester wirkt zumal im ersten Akt sehr grobschlächtig und spannungsarm. Keine idealen Voraussetzungen für die Sänger, bei denen die zweite Reihe (Suzuki: Patricia Roach; Goro: Alexander Kröner) klar über Abbie Furmanskys kräftig tremolierende Butterfly und vor allem Sergio Blazquez’ blassen Pinkerton dominiert. Zuberlässig, allerdings mit ein paar unschön vibrierenden Frauenstimmen bereichert der seiner ursprünglichen szenischen Funktion enthobene Chor das musikalische Geschehen. Wie das Publikum auf all das reagierte? Solches lässt sich nicht abschließend sagen, zumal die Regisseurin dem Schlussbeifall fern blieb. Fern bleiben musste. Staatstheaterintendant Matthias Fontheim hatte Katharina Wagners Abwesenheit bereits zu Beginn entschuldigt. Sie musste nach Hause zu Vater Wolfgang, der an einer Lungenentzündung schwer erkrankt ist.

Weitere Infos und Termine unter www.staatstheater-mainz.de




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