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17.12.2009, 16:15 Uhr

 

Der Tanz als Partner des Worts

Von Frank Piontek

BAYREUTH. „Wozu sind wir denn da, wenn wir nicht tanzen?“ Die Frage ist an diesem Abend in der Stadthalle durchaus nicht rhetorischer Natur.

 

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Gestellt hat sie eine Figur von Ödön von Horvath, Petra von der Beek spielt sie, nein: tanzt sie. Tanzen macht schön, denkt sich, zum wiederholten Mal, der Rezensent, der in Bayreuth ansonsten nicht mit Tanztheater verwöhnt wird –aber hilft Tanzen wirklich über die Miseren des Lebens hinweg? Nicht grundlos spricht man von „Traumtänzen“.

„Ein Tanzvergnügen“, diesen vielleicht gar nicht ironisch gemeinten Untertitel trägt die szenische Collage, die Roberto Ciulli und sein Ensemble, das Mülheimer Theater an der Ruhr, hergestellt hat. Gerade sahen wir Ödön von Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ in der Studiobühne, nun begegnen wir einigen Dialogen wieder – den Dialogen, nicht eigentlich den Figuren, denn Ciulli hat mehrere Texte aus den „Geschichten“, „Kasimir und Karoline“ (auch dieses Stück war vor einigen Jahren an der Studiobühne zu sehen: mit einer unvergesslichen Andrea Spahn als Freundin eines „Abgebauten“), aus „Italienische Nacht“ und „Glaube, Liebe, Hoffnung“ ausgekoppelt und neu montiert, also Stücken, die weit davon entfernt sind, eine goldene Zeit zu beschwören. Das Theater an der Ruhr interessiert sich für heutige Konflikte, es ist eines der letzten deutschen Theater, das sich überhaupt noch um den Zusammenhang von Theaterkunst, Politik und zersplitterter Gesellschaft interessiert – phantastischerweise gelegentlich mit den Mitteln eines milden Zaubertheaters. Wieder sehen wir den mittlerweile 75jährigen Mann auf der Bühne: als gelbbeschuhten, meist unartikulierte Laute von sich gebenden Zauberer und Kellner, als traurig-mürrischen Clown, der zwar Rotwein aus der „Frankenpost“ zaubern kann (nicht nur der Kollege neben mir muß da lachen), der am Ende einen weisen Trost bereithält, der man nach den zwischenmenschlichen Katastrophen, die uns das „Tanzvergnügen“ gezeigt hat, nach Hause nehmen kann: „Meine Herrschaften, es hat sich vieles verändert in der letzten Zeit, Stürme und Windhosen sind über die Erde gebraust, Erdbeben und Tornados, und ich hab ganz von unten anfangen müssen, aber hier bin ich zu Haus, hier kenn ich mich aus, hier gefällt es mir, hier möchte ich sterben!“

Ciulli gelingen immer wieder bezaubernde, abgründig vergnügliche Szenen, die einen vornehmlich faulen Zauber ins Licht rücken; kein Wunder, dass einer der unsympathischsten Typen in diesem Tanzlokal zwischendrin Tischlein und Stühle und vor allem: ein mittiges Tanzpodest, auf dem gelegentlich getanzt wird: einsam-einzeln und zu zweit, manchmal aber auch gar nicht, wenn die Aufforderung mal wieder zu spät kam. Die Musik, vor allem aus den 20er und 30er Jahren, die alten Schellackplatten kratzen wunderbar, konterkariert sentimental-„romantisch“ die Begehrlichkeiten der Figuren („Beim Walzer mach ich die Augen zu“ – von wegen!), aber doch nicht nur. Ciulli muss nur den Text aufsagen lassen, um zu zeigen, dass die Sprache etwas Verräterisches ist, zumal dann, wenn sie, wie bei Horvaths Figuren, fast nur aus Phrasen besteht. Das ganze Unternehmen aber wäre sinnlos, würde sich nicht bisweilen im Tanz das „Weitermachen“ – gegen die Krisen der Arbeitslosigkeit und des paarweisen Absturzes – lohnen. Wenn Simone Thoma einen Schlangentanz vollführt und Fabio Menéndez in einem Zittersolo seine Erregung buchstäblich abzuschütteln versucht, wenn Albert Bork Petra von der Beek, die einst so etwas wie seine Mariann war, zu Boden tanzt – dann begreifen wir, dass das Tanztheater der Partner des Wortes ist – des Worts, das dann aufhören muss, wenn man nichts mehr sagen kann – und bei Horvath und an diesem Abend sagen sie besonders viel.

Ciulli gelingen immer wieder bezaubernde, abgründig vergnügliche Szenen, die einen vornehmlich faulen Zauber ins Licht rücken; kein Wunder, dass einer der unsympathischsten Typen in diesem Tanzlokal des verschatteten Lebens zwischen Glamour und Depression, Prostitution und Sehnsuchtsblick, dass Rupert J. Seidl als einer der „Herren“ (ein aalglatter Typ mit Menjoubärtchen) – nicht tanzt. Wenn fast am Ende der Donauwalzer erklingt, verheisst’s natürlich nichts Gutes: ein Walzer mit Gasmasken leitet zielgerecht über den Krieg zur Gegenwart über, in der man nur noch eine Clownsgesellschaft wahrnimmt, die sich zu den unmenschlichen Klängen einer rhythmusbetonten Synthesizermusik bewegt. „Zur schönen Aussicht“, so heißt ein Stück des Dramatikers, das an diesem Abend auch zitiert wird: „Ich bin eigentlich ganz anders. Ich komme nur so selten dazu.“ Ein Blick ins Herz des modernen Menschen, skandiert und konterkariert durch den Tanz: es provozierte freundlichen Beifall und zwei matte Buhrufe. Horvath bleibt eben doch aktuell.




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