09.12.2009, 15:00 Uhr
Von Christina Knorz
BAYREUTH. Schade, dass die originale Uraufführungschoreografie von Peter Tschaikowskys „Nussknacker“ nicht mehr völlig rekonstruiert werden kann. Wer sich heute das geniale, immer wieder bezaubernde Ballett anschaut, muss sich bewusst sein, dass er die Kopie einer Kopie sieht, mag sie auch noch so farbenprächtig sein. Wahrscheinlich ist das auch besser so, war doch gerade die Choreografie seinerzeit dafür verantwortlich, dass das Werk zunächst nicht zum Erfolg wurde.
Zweimal war das Stück in den letzten zehn Jahren in der Bayreuther Stadthalle zu sehen; einmal sahen wir eine Hofer Produktion, dann eine russische, und nun kam das Russische
Nationalballett unter der künstlerischen Leitung von Anna Alexidze ins Haus, choreografiert hat das der Tänzer Anatoly Emelianov. Man spielt gleichsam vom Blatt. Man lässt, dies im
Unterschied zum Original, Herren und Damen vor und nach dem Weihnachtsfest vor dem Haus des Präsidenten Silbergaus auf- und abtreten und schnurrt die beiden Akte so gerade ab, wie es die
revueartige Ballettdramaturgie des 19. Jahrhunderts gebietet: zunächst im eher pantomimischen Handlungsballett, dann im Divertissement, der Krönung der Ballett-Feerie namens „Der
Nussknacker“.
Großes, naives Kindertheater
Man zeigt uns, vor den im kolorierten Stil der 60er Jahre gehaltenen Dekorationen (den Namen ihres Schöpfer erfährt man leider nicht; auch er hat einen gewichtigen Anteil an der
Produktion) ein großes, naives Kindertheater, so wie im ersten Akt die Kinder durch das Puppentheater erfreut werden, und selbst die hartleibigsten Ideologiekritiker mögen an das leicht
unmusikalische Wort des bedeutenden Ballettkritikers Theodor W. Adorno denken: Tschaikowskys Musik sei zwar bereits ein Produkt der Kulturindustrie, doch sei ihr „ein Versöhnliches
beigesellt aus der Kindheit des Hörers“. Wir kleine und große Kinder dürfen es uns also in dieser Inszenierung gemütlich machen, die von neuem beweist, dass die einzige
europäische Theaterform, die heute noch ungestraft von jeglichem Geschmackswandel fast unverändert uralte Formen tradieren darf, das Klassische Ballett ist.
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