13.10.2009, 10:57 Uhr
In wirtschaftlich schweren Zeiten zeigt sich, wer die echte Moral hat
BAYREUTH. Teil drei unserer Interviewserie im Vorfeld der Bayreuther Dialoge an der Uni Bayreuth: Diesmal beantwortet Dr. Wolfgang Wagner, Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Oberfranken (Bayreuth) und geschäftsführender Gesellschafter der Frenzelit-Werke (Bad Berneck), die Fragen der Studenten des Studiengangs Philosophy & Economics.
Dr. Wolfgang Wagner
Frage: Was war Ihr erster Eindruck, Ihre erste Assoziation, als Sie mit unserem Thema und unseren Fragen konfrontiert wurden?
Wagner: Mich interessiert das Thema Menschlichkeit, gerade mit Blick auf die Unternehmen. Über Ethik wird viel und intensiv diskutiert, wenn es der
Wirtschaft gutgeht. Geht es der Wirtschaft schlecht, dann bleibt für die Ethik in den Unternehmen leider oft weniger Platz. Einen weiteren Aspekt erhält das Thema jetzt, in der
Wirtschaftskrise, durch die Diskussion um extrem hohe Gehälter. Es gibt Konzernmanager, die verdienen in einem Jahr mehr als ein mittelständischer Betrieb in Generationen. Das ist
übertrieben. Im Mittelstand sorgt der Eigentümer dafür, dass sein Geld vernünftig eingesetzt wird, in Konzernen ist das Kapital anonym. Bei ganz großen Gesellschaften gibt
es überhaupt keinen greifbaren Eigentümer.
Frage: Ihr Unternehmen hat eine breit gefächerte Produktpalette und operiert an verschiedenen Orten. Ist es Ihnen überhaupt noch möglich,
persönlich präsent zu sein. Bis zu welcher Größe geht das?
Wagner: Den Mittelstand zeichnet etwas aus, was in großen Gesellschaften unmöglich ist. Ein Handwerker kennt alle seine Mitarbeiter. Ich selbst
kenne sehr viele Mitarbeiter meines Unternehmens, aber nicht alle der knapp 400. Die persönliche Präsenz wird schwieriger, je größer das Unternehmen ist. Und natürlich gibt
es bei einer Familiengesellschaft eine andere Bindung des Unternehmers an den Betrieb als in einer Kapitalgesellschaft, denn es steckt das eigene Geld im Unternehmen. Man ist als
mittelständischer Unternehmer sehr viel vorsichtiger. Der Mittelstand wirkt auch durch Identität und menschliche Nähe. Er wirkt dadurch, dass manchmal mehrere Generationen in
derselben Firma arbeiten. Dass also der Großvater oder sogar der Urgroßvater dort gearbeitet hat und die Enkel wieder dort sind. Mittelständische Unternehmen unterstützen
darüber hinaus die lokalen Vereine und stärken die Identität der Region, den sozialen Zusammenhalt. Sie sind also auch in dieser Hinsicht „local heroes“.
Frage: Sind Sie eigentlich auch schon einmal in einen echten Gewissenskonflikt gekommen?
Wagner: Ja, ein Gewissenskonflikt war die Verarbeitung von Asbest, die früher Kerngeschäft in unserem Unternehmen war. Es wurde festgestellt, dass
Asbest ein gesundheitliches Risiko darstellen kann. Als Eigentümer einer Firma, die einen solchen Stoff verarbeitet und von ihm abhängt hat, man dann natürlich ein ganz fundamentales
Problem.
Frage: Sie haben im Gespräch mit uns angedeutet, dass es in 2 bis 3 Monaten möglicherweise zu einer Entlassungswelle kommen kann? Stehen da auch
Gewissenskonflikte bevor?
Wagner: Personalanpassungen sind ein normaler marktwirtschaftlicher Prozess. So etwas muss man als Unternehmer machen, sonst überlebt der Betrieb nicht.
Das ist nicht schön, aber ein Muß! Mein Eindruck ist, dass die Mitarbeiter die derzeitige Situation sehr wohl verstehen. Sie sehen ja auch, dass das Geschäft nicht läuft. Jeder
Mitarbeiter spürt das, egal wo er im Unternehmen beschäftigt ist. Was soll man machen, wenn der Markt nicht kauft? Dann bleibt nur die Anpassung der Kosten. Und Kosten heißt oft auch
Personalkosten. Damit müssen wir ganz offen umgehen und tun es auch. Trotzdem muss man immer optimistisch bleiben und Zuversicht kommunizieren.
Frage: Wie ist Ihre Führungsstruktur? Leben Sie die Führungsrolle? Greifen Sie ins Geschäft ein? Sind Sie ein knallharter Manager?
Wagner: Wir kommunizieren direkt und über die leitenden Ebenen, von wo aus die Botschaft dann weiter nach unten getragen wird. Wir sind gut aufgestellt,
trotz der schweren Situation. Wir waren immer vorsichtig, haben rechtzeitig investiert, nicht zu viel, mit Augenmaß. In der Regel sind wir teamorientiert. Und zum Team gehört der Umsetzer
genauso wie der Entscheider. Wichtig in einem Unternehmen sind nicht nur die Leute, die entscheiden, sondern vor allem auch die, die es tun. Die Umsetzer sind aus meiner Sicht die wichtigeren
Mitarbeiter. Als Teil der Jahresplanung werden Ziele vorgegeben. In der Umsetzung und im Erreichen des Ziels sind die Mitarbeiter frei. Unternehmensführung ist für mich Handwerkerarbeit.
Wir arbeiten nach dem „Wenn-dann- Prinzip“. Wenn es soweit ist, dann machen wir es. Dabei steht bei uns stets der Mensch im Mittelpunkt des Unternehmens. Das Unternehmen lebt vom
Know-how der Menschen und ihrem Willen, das Unternehmen voran zu bringen. Mitarbeiter müssen auch eine gewisse Freude an der Arbeit haben. Die Grundstimmung muss stimmen. Für die
Mitarbeiter ist auch wichtig zu wissen, wofür sie arbeiten.
Frage: Gab es einmal eine Situation, in der Sie das Gefühl hatten, etwas verlaufe unmenschlich. Hat man Ihnen einmal Unmenschlichkeit vorgeworfen?
Wagner: Das glaube ich nicht. Nein!
Frage: Noch eine Frage zu Ihrer Tätigkeit bei der IHK. Wie kam es überhaupt zu Ihrem Ehrenamt hier?
Wagner: Ich wurde gewählt. Das Amt weitet obendrein den Horizont und ich bin überzeugt, dass man als Unternehmer auch einen Teil seiner Zeit
öffentlichen Belangen zur Verfügung stellen muss, so schwer das zwischendurch ist. Im empfinde das persönlich als eine Pflicht.
Frage: Besteht letztlich ein Primat der Wirtschaft oder ein Primat der Ethik? Das ist gar keine abgeschlossene Diskussion. Es ist eine der Kernfragen in der
Unternehmensethik, an der sich die Geister scheiden.
Wagner: Die Ethik ist eine viel umfassendere Disziplin als die Wirtschaftswissenschaft. Die Ethik umfasst die Wirtschaft, schließt sie mit der
Unternehmensethik ein. Die Ethik erklärt bei weitem mehr als die Ökonomie, die mit der Erklärung von Haushalt und Wohlstand oft aufhört. Ein Unternehmen an sich ist ein
künstliches Gebilde, also eigentlich „unmenschlich“. Aber in jedem Unternehmen arbeiten Menschen. Das Unternehmen lebt durch die Menschen, es wird menschlich durch die Menschen,
die darin tätig sind. Aber: Wir alle kommen nicht zusammen, um nett zueinander sein. Wir wollen ein Ergebnis erzielen.
Frage: Nichtsdestotrotz sagen Sie, dass es ethisches Verhalten im Unternehmen nur in guten Zeiten geben kann?
Wagner: Nein, ethisch sollen sich die Menschen und damit die Unternehmen immer verhalten. Aber Ethik und damit auch die guten Sitten sind die eine Seite der
Medaille. Wenn es wirtschaftlich schwierig wird, kommt ja so etwas wie Not auf. Und dann zeigt sich, wer die echte Moral hat.
Am 7./8. November finden an der Universität Bayreuth die 6. Bayreuther Dialoge statt. Unter dem Thema „Agenda Humanitas: Wirtschaft (ver)sucht
Menschlichkeit“ geht es dabei um Ethik in der Wirtschaft. Studenten des Studiengangs Philosophy & Economics, die den Kongress auch veranstalten, haben im Vorfeld Interviews mit
Unternehmern aus der Region zu diesem Komplex geführt, die KURIER online in voller Länge veröffentlicht.
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