02.09.2009, 14:50 Uhr
Von Stephan Müller und Eberhard Spaeth
LEICHTATHLETIK. Im kulturellen Rahmenprogramm der Leichtathletik-WM in Berlin fand er schon große Beachtung und am 10. September kommt er in die Kinos: Der Film „Berlin 36“ setzt sich mit einer außergewöhnlichen Episode der deutschen Sportgeschichte auseinander, in der auch eine Bayreutherin zumindest eine bedeutende Nebenrolle spielte.

„Berlin 36“ erzählt die Geschichte von Gretel Bergmann, gespielt von Karoline Herfurth. Die jüdische Hochspringerin wird aus politischen Gründen in die deutsche Mannschaft für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin aufgenommen, soll aber wegen des Rassenwahns der Nazis keinesfalls gewinnen können.
Ein Mann als Frau
Deswegen schickt die „Reichssportführung“ auch eine bis dahin unbekannte Konkurrentin ins Rennen, die im Film Marie Ketteler genannt wird (gespielt von Sebastian Urzendowsky), im
richtigen Leben aber Dora Ratjen hieß. Diese verdrängt Gretel Bergmann als beste Deutsche im Hochsprung-Wettbewerb – und erweist sich Jahre später als Mann!
Abgesehen von der politischen und rassistischen Dimension hat der rein sportliche Aspekt dieses Betrugs aber eben auch eine Bayreutherin betroffen: Gunda Kämpf. Die Mutter der
legendären Basketball-Brüder Hans, Thomas und Georg Kämpf, deren jüngster Vertreter es einst bekanntlich bis zum Nationalspieler gebracht hat und aktuell als Trainer des FC
Bayern München in der 2. Bundesliga Pro A tätig ist, stand damals im Alter von 16 Jahren gerade am Anfang einer großen Karriere als Hochspringerin.
Später wurde sie dreimal deutsche Meisterin (1938, 1940 und 1943) und gewann 1940 sogar die Europameisterschaft – nur ihr Traum von Olympischen Spielen erfüllte sich nie. „Dreimal“, sagt sie, „wurde ich um die Teilnahme betrogen“. Zweimal war der zweite Weltkrieg schuld, der 1940 und 1944 keine Spiele zuließ – und einmal Dora Ratjen.
Sicherer Stand bei der Landung
Rückblende: Bei der „Auslese“ der olympischen Mannschaft für 1936 belegte die erst 16-jährige, für Würzburg startende deutsche Vizemeisterin Gunda Friedrich
mit einer Höhe von 1,56 Metern zusammen mit Dora Ratjen hinter der deutschen Rekordhalterin Elfriede Kaun (1,60 Meter) Rang zwei. Bei der Bewertung der Höhen muss man übrigens
bedenken, dass die Sprünge im Scherensprung in eine Sand- oder Sägemehlgrube erfolgten. Bedingung war ein „sicherer Stand“ bei der Landung!
Doch es gab noch eine vierte deutsche Spitzenathletin: Gretel Bergmann. Die Ulmerin war knapp 19 Jahre alt, als sie 1933 einen Brief erhielt, dass sie als Jüdin in keinem Sportverein mehr
erwünscht ist und an keinem Wettkampf mehr teilnehmen darf.
Im Herbst 1933 emigrierte sie nach England und siegte 1934 in Anwesenheit ihres Vaters bei den offenen britischen Meisterschaften im Hochsprung. Die Freude über den Sieg und den Besuch ihres Vaters währte nicht lang. Er sollte Gretel nach Deutschland zurückholen. Ansonsten würden der Familie Repressalien drohen. Hitler brauchte Bergmann für seine politischen Pläne.
Ideologische Fragen
Mit der Vergabe der Spiele nach Berlin hatten sich die Nationalsozialisten gegenüber der Völkergemeinschaft verpflichtet, dass alle olympischen Vorschriften eingehalten und die deutschen Juden nicht ausgeschlossen werden. Ein Boykott vieler Länder drohte.
Die Nationalsozialisten brauchten – wie schon bei den Winterspielen in Garmisch den „halbjüdischen“ Eishockeyspieler Rudi Ball - neben der nominierten „Halbjüdin
Helene Mayer (Fechten) eine „Volljüdin“, um die Diskriminierungsvorwürfe zu entkräften. Aber würde es die Ideologie wirklich zulassen, dass eine jüdische
Sportlerin, die immerhin zwei Wochen vor Berlin den deutschen Rekord von Elfriede Kaun einstellte, ganz oben auf dem Treppchen stehen würde?
Am 16. Juni 1936 wurde Gretel Bergmann dann doch von den Spielen ausgeschlossen. Das Datum war sicher kein Zufall: Einen Tag vorher hatte sich das amerikanische Olympiateam eingeschifft und
würde sicher nicht mehr umkehren. „Sie werden mit einer Aufstellung selbst nicht gerechnet haben“, schreibt der Reichssportführer an Gretel Bergmann und bietet ihr
„aufgrund der in letzter Zeit gezeigten Leistungen ein Stehplatzkarte für die Berliner Spiele an.“ Die „Alibijüdin“, die einige Monate später endgültig
zu ihrem Bruder nach New York ausreiste, wurde nicht mehr gebraucht. Als offizielle Begründung wurde eine Verletzung gemeldet.
Nicht nachnominiert
Doch auch für Gunda Friedrich war der Olympiatraum geplatzt. Um weitere Diskussionen zu vermeiden, wurde die 16-Jährige nicht nachnominiert. Sie sei ja noch jung, werde sich weiter
verbessern und ohnehin noch bei zwei oder drei Olympiaden dabei sein, hieß es zum Trost.
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